Lockdown-Lyrik 24: »… auch die letzten Läden« von Barbara Weinzierl & Jan-Eike Hornauer

»Lockdown-Lyrik! Quarantäne querdenken – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« ist eine Online-Sammlung von Gedichten, die sich mit der Corona-Krise befassen. Es darf uns die Sprache nicht verschlagen! In loser Folge erscheinen neue Episoden der von Alex Dreppec, Jan-Eike Hornauer und Fritz Deppert herausgegebenen Anthologie.

 

Barbara Weinzierl
& Jan-Eike Hornauer

… auch die letzten Läden

»Mama, ich möcht’ draußen sein.«
»Nein, du kommst sofort mit rein!
Liebes Kind, hier spielt man nicht,
der Spielplatz ist jetzt leider dicht.
Komm, es geht jetzt gleich nach Hause,
schnur und stracks und ohne Pause.«

Vorbei am Eis-Café, an schönen Läden,
am Dönerstand des netten Schweden,
die sich der Welt nun so verschließen,
während Frühlingsblumen sprießen.
Draußen lockt des Himmels Blau,
doch wer rausgeht, ist ne Sau
in den Augen vieler Leute.
Drinnsein heißt die Losung heute!

Auch wenn man nach draußen darf!
Verordnet ist ja »nur«, schön brav
Tummelplatz und Gruppe meiden.
An Blümchen darf man sich doch weiden,
und Schlendern, Sporteln, Toben
sind nicht auf Wochen aufgeschoben.

Lautstark aber schallt’s durchs Land
(als sei’s gleich Lebens Unterpfand,
dass man keinen Fuß nie rührt,
man nie den Hauch von Freiheit spürt):
Bleibt gefälligst strikt im Haus
schaut höchstens zu den Fenstern raus!
Das Draußen wird so zum Tabu,
ja, Deutschland haut die Türen zu.

Auf dem Bildschirm fliegt noch mehr
am inaktiven Kind vorbei.
Es gewöhnt sich langsam sehr
an den öden Einheitsbrei.
Wodurch dann später auch passiert,
dass das Kind nie rebelliert.
Früh wird’s ganz nun dran gewöhnt,
wie man sich mit der Welt versöhnt
via Smart TV und Co.
Ach, wie leicht wird man so froh!

Lasst uns alle Läden schließen,
während die Magnolien sprießen!
Auch die letzten sind bald zu,
und die Welt lässt uns in Ruh’.

 

© Barbara Weinzierl & Jan-Eike Hornauer, beide: München

 

 

Zu dieser Reihe: »Lockdown-Lyrik! Quarantäne querdenken – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« ist eine Online-Sammlung zu den aktuellen Auswirkungen der Corona-Krise. Wir wollen im Gespräch bleiben, während wir Infektionsketten unterbrechen. Wir wollen die Erfahrung der Vereinzelung miteinander teilen. Wir wollen virtuelle Brücken bauen. Wir wollen das tun, was wir können: dichten, die Welt – und auch die aktuelle Situation – poetisch erfassen.

Unser Anliegen ist es in jedem Fall, zu einem Mehr an Besonnenheit beizutragen, zu versöhnen statt zu spalten. Mit Sorge sehen wir überharte Diskussionen, wie sie derzeit online, aber auch offline zu häufig geführt werden. Klar ist uns: Es gehört zu einer Demokratie dazu, Konflikte auszutragen. Aber wir insistieren auch hierauf: Es ist ebenso unerlässlich, sich des Gemeinsamen, Verbindenden bewusst zu sein und zu werden sowie respektvoll miteinander umzugehen.

Uns ist bewusst, dass bereits der Ansatz, zur Corona-Pandemie eine Lyrik-Online-Anthologie herauszugeben, ihre Auswirkungen zeitnah lyrisch zu behandeln, und dies aus verschiedenen Perspektiven sowie in unterschiedlichen Tonlagen, als Provokation aufgefasst werden kann. So ist diese Sammlung keineswegs gemeint. Ihr Thema an sich ist jedoch eben hochemotional besetzt. Für uns, die Herausgeber der Reihe, bleibt trotzdem und gerade deshalb wichtig: Wir wollen Brücken bauen, Perspektiven weiten, der ungewohnten Situation mit poetischen Mitteln und im gemeinschaftlichen Sinne begegnen.

Bleiben Sie gesund!

Alex Dreppec, Jan-Eike Hornauer, Fritz Deppert
 
PS: Alle bereits geposteten Folgen von »Lockdown-Lyrik! Quarantäne querdenken – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« finden Sie hier. In loser, jedoch zügiger Folge wird die Sammlung erweitert.

 

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