Lockdown-Lyrik 27: »Draußen« von Kristina Rössler-Lehnhoff

»Lockdown-Lyrik! Quarantäne querdenken – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« ist eine Online-Sammlung von Gedichten, die sich mit der Corona-Krise befassen. Es darf uns die Sprache nicht verschlagen! In loser Folge erscheinen neue Episoden der von Alex Dreppec, Jan-Eike Hornauer und Fritz Deppert herausgegebenen Anthologie.

 

Kristina Rössler-Lehnhoff

Draußen

Wenn Abstand Nähe erzeugt
und Nähe Abstand
wenn es nötig ist
sich rücksichtsvoll zurückzuziehen

wenn das Heim die Welt bedeutet
und die Welt kein Heim mehr ist
wird nichts mehr sein wie es war
Die Hoffnung verbreitet ihr Licht

Der kleine böse Feind schafft Wandlung
ganz langsam und doch rasend schnell
Finden wir zusammen im Getrenntsein?
Unsere Gedanken drängen nach draußen

Ein Appell wie es ihn selten gab
macht überall die Runde
im Innern wie im Außen
Bleibt zu Hause wenn es möglich ist!

Ein Hoch auf alle die es möglich machen
draußen ist die Front an der sie kämpfen
gegen die unsichtbaren Schatten
der Angst und der Versehrtheit

Bleibt zu Hause
damit es wieder ein Draußen gibt!
Doch für manche ist draußen die Welt
der Park ein Platz zum Schlafen

Wo bleiben diejenigen
die kein Zuhause haben?
Bedeutet das Heim die Welt
ein Zimmer mit sechs Betten? – Abstand?

 

© Kristina Rössler-Lehnhoff, München
 

 

Zu dieser Reihe: »Lockdown-Lyrik! Quarantäne querdenken – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« ist eine Online-Sammlung zu den aktuellen Auswirkungen der Corona-Krise. Wir wollen im Gespräch bleiben, während wir Infektionsketten unterbrechen. Wir wollen die Erfahrung der Vereinzelung miteinander teilen. Wir wollen virtuelle Brücken bauen. Wir wollen das tun, was wir können: dichten, die Welt – und auch die aktuelle Situation – poetisch erfassen.

Unser Anliegen ist es in jedem Fall, zu einem Mehr an Besonnenheit beizutragen, zu versöhnen statt zu spalten. Mit Sorge sehen wir überharte Diskussionen, wie sie derzeit online, aber auch offline zu häufig geführt werden. Klar ist uns: Es gehört zu einer Demokratie dazu, Konflikte auszutragen. Aber wir insistieren auch hierauf: Es ist ebenso unerlässlich, sich des Gemeinsamen, Verbindenden bewusst zu sein und zu werden sowie respektvoll miteinander umzugehen.

Uns ist bewusst, dass bereits der Ansatz, zur Corona-Pandemie eine Lyrik-Online-Anthologie herauszugeben, ihre Auswirkungen zeitnah lyrisch zu behandeln, und dies aus verschiedenen Perspektiven sowie in unterschiedlichen Tonlagen, als Provokation aufgefasst werden kann. So ist diese Sammlung keineswegs gemeint. Ihr Thema an sich ist jedoch eben hochemotional besetzt. Für uns, die Herausgeber der Reihe, bleibt trotzdem und gerade deshalb wichtig: Wir wollen Brücken bauen, Perspektiven weiten, der ungewohnten Situation mit poetischen Mitteln und im gemeinschaftlichen Sinne begegnen.

Bleiben Sie gesund!

Alex Dreppec, Jan-Eike Hornauer, Fritz Deppert
 
PS: Alle bereits geposteten Folgen von »Lockdown-Lyrik! Quarantäne querdenken – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« finden Sie hier. In loser, jedoch zügiger Folge wird die Sammlung erweitert.

 

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