Lockdown-Lyrik 53: »März. Und alles, was danach kam« von Hellmuth Opitz

»Lockdown-Lyrik! Quarantäne querdenken – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« ist eine Online-Sammlung von Gedichten, die sich mit der Corona-Krise befassen. Es darf uns die Sprache nicht verschlagen! In loser Folge erscheinen neue Episoden der von Alex Dreppec, Jan-Eike Hornauer und Fritz Deppert herausgegebenen Anthologie.

 

Hellmuth Opitz

März. Und alles, was danach kam

Es war die Zeit, als die Termine aus den Kalendern
verschwanden, als wären sie mit Tinte geschrieben,
die wie von Zauberhand auf einmal unsichtbar wird.

Es war die Zeit, als wir nichts vorhatten, als überall
Pläne herumlagen, zerknülltes Futur, als wir uns
freuen wollten und nicht mehr wussten, worauf.

Es war die Zeit, als wir Weltreisen unternahmen,
die vom Bad via Küche bis ins Wohnzimmer führten.
Nach Hause kommen war wie nach Hause kommen.

Es war die Zeit, als die Sprechblasen platzten, Kinn
Mund und Nase verklebten und sich so in perfekte
Atemschutzmasken verwandelten, während

der Frühling einfach ohne uns weitermachte, die
Narzissen knipsten ihr Licht an in den Vorgärten und
morgens kam die Ohrenbetäubung von den Vögeln

in den abgestillten Straßen, die Sonne plakatierte groß
auf der Werbefläche eines blanken Himmels und
die Leute fingen an, Distanzen zu tanzen. Wie elegant

sie einander passierten! Nur wir wussten nichts
vom richtigen Abstand, zusammengewürfelt in
dieser Wohnung, ich meine, wir kannten uns kaum

und immer wenn ich dich küsste, flatterten deine
Lider und du sagtest deinen Ankersatz, dein Mantra,
dein safe word für Zeiten wie diese: Aber nichts Festes.

 

© Hellmuth Opitz, Bielefeld
 

 

Zu dieser Reihe: »Lockdown-Lyrik! Quarantäne querdenken – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« ist eine Online-Sammlung zu den aktuellen Auswirkungen der Corona-Krise. Wir wollen im Gespräch bleiben, während wir Infektionsketten unterbrechen. Wir wollen die Erfahrung der Vereinzelung miteinander teilen. Wir wollen virtuelle Brücken bauen. Wir wollen das tun, was wir können: dichten, die Welt – und auch die aktuelle Situation – poetisch erfassen.

Unser Anliegen ist es in jedem Fall, zu einem Mehr an Besonnenheit beizutragen, zu versöhnen statt zu spalten. Mit Sorge sehen wir überharte Diskussionen, wie sie derzeit online, aber auch offline zu häufig geführt werden. Klar ist uns: Es gehört zu einer Demokratie dazu, Konflikte auszutragen. Aber wir insistieren auch hierauf: Es ist ebenso unerlässlich, sich des Gemeinsamen, Verbindenden bewusst zu sein und zu werden sowie respektvoll miteinander umzugehen.

Uns ist bewusst, dass bereits der Ansatz, zur Corona-Pandemie eine Lyrik-Online-Anthologie herauszugeben, ihre Auswirkungen zeitnah lyrisch zu behandeln, und dies aus verschiedenen Perspektiven sowie in unterschiedlichen Tonlagen, als Provokation aufgefasst werden kann. So ist diese Sammlung keineswegs gemeint. Ihr Thema an sich ist jedoch eben hochemotional besetzt. Für uns, die Herausgeber der Reihe, bleibt trotzdem und gerade deshalb wichtig: Wir wollen Brücken bauen, Perspektiven weiten, der ungewohnten Situation mit poetischen Mitteln und im gemeinschaftlichen Sinne begegnen.

Bleiben Sie gesund!

Alex Dreppec, Jan-Eike Hornauer, Fritz Deppert
 
PS: Alle bereits geposteten Folgen von »Lockdown-Lyrik! Quarantäne querdenken – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« finden Sie hier. In loser, jedoch zügiger Folge wird die Sammlung erweitert.

 

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