Lockdown-Lyrik 63: »Die Laufstrecke wird kürzer« von Jochen Stüsser-Simpson

»Lockdown-Lyrik! Quarantäne querdenken – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« ist eine Online-Sammlung von Gedichten, die sich mit der Corona-Krise befassen. Es darf uns die Sprache nicht verschlagen! In loser Folge erscheinen neue Episoden der von Alex Dreppec, Jan-Eike Hornauer und Fritz Deppert herausgegebenen Anthologie.

 

Jochen Stüsser-Simpson

Die Laufstrecke wird kürzer

Wenige Schiffe auf dem Wasser die Laufstrecke wird kürzer
Samstag ist heute wie Freitag wie Montag es fehlen Torschreie
von Zehntausenden im nahen Millerntor-Stadion und aus offenen
Fenstern aus Radios dramatische Reporterstimmen der Soundtrack
des Samstags leiser wird die Welt unterwegs sind kaum Autos
lauter Möwen an der Hafenkante leuchten Markierungen
früherer Sturmfluten für Touristen noch normal sind die
nachmittäglichen Pegelstände in den abendlichen Nachrichten
steigen die Zahlen der Infizierten aber nach der Pharmawerbung
gegen Reizhusten und Sodbrennen kommt das Wetter und der Himmel
bleibt blau wie seit dem Beginn der Seuche sonnen können wir
uns in der schrumpfenden analogen Welt bräunen auf Balkons
dort später Applaus spenden die Computer hochfahren die Smartphones
sind noch keine elektronischen Fußfesseln eintauchen in die wachsende
Bilderwelt zum Verlauf des Virus

 

© Jochen Stüsser-Simpson, Hamburg
 

 

Zu dieser Reihe: »Lockdown-Lyrik! Quarantäne querdenken – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« ist eine Online-Sammlung zu den aktuellen Auswirkungen der Corona-Krise. Wir wollen im Gespräch bleiben, während wir Infektionsketten unterbrechen. Wir wollen die Erfahrung der Vereinzelung miteinander teilen. Wir wollen virtuelle Brücken bauen. Wir wollen das tun, was wir können: dichten, die Welt – und auch die aktuelle Situation – poetisch erfassen.

Unser Anliegen ist es in jedem Fall, zu einem Mehr an Besonnenheit beizutragen, zu versöhnen statt zu spalten. Mit Sorge sehen wir überharte Diskussionen, wie sie derzeit online, aber auch offline zu häufig geführt werden. Klar ist uns: Es gehört zu einer Demokratie dazu, Konflikte auszutragen. Aber wir insistieren auch hierauf: Es ist ebenso unerlässlich, sich des Gemeinsamen, Verbindenden bewusst zu sein und zu werden sowie respektvoll miteinander umzugehen.

Uns ist bewusst, dass bereits der Ansatz, zur Corona-Pandemie eine Lyrik-Online-Anthologie herauszugeben, ihre Auswirkungen zeitnah lyrisch zu behandeln, und dies aus verschiedenen Perspektiven sowie in unterschiedlichen Tonlagen, als Provokation aufgefasst werden kann. So ist diese Sammlung keineswegs gemeint. Ihr Thema an sich ist jedoch eben hochemotional besetzt. Für uns, die Herausgeber der Reihe, bleibt trotzdem und gerade deshalb wichtig: Wir wollen Brücken bauen, Perspektiven weiten, der ungewohnten Situation mit poetischen Mitteln und im gemeinschaftlichen Sinne begegnen.

Bleiben Sie gesund!

Alex Dreppec, Jan-Eike Hornauer, Fritz Deppert
 
PS: Alle bereits geposteten Folgen von »Lockdown-Lyrik! Quarantäne querdenken – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« finden Sie hier. In loser, jedoch zügiger Folge wird die Sammlung erweitert.

 

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