Lockdown-Lyrik 67: »9.« von Yevgeniy Breyger

»Lockdown-Lyrik! Quarantäne querdenken – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« ist eine Online-Sammlung von Gedichten, die sich mit der Corona-Krise befassen. Es darf uns die Sprache nicht verschlagen! In loser Folge erscheinen neue Episoden der von Alex Dreppec, Jan-Eike Hornauer und Fritz Deppert herausgegebenen Anthologie.

 

Yevgeniy Breyger

9.

Poliopollen, Polioproleten, Poliogleichungen.

Eine Masse aus Bakterien, Prothesen und Impfungen strömt in die Täler, artikuliert sich im Greifen nach dem Abnormen.

Früher schimpften die Sportlehrer mit den Ungeimpften, heute übertragen ihre Schuhe Krankheiten.

Die Lehrerinnen wissen um die Substanz der Gemische und verpuppen sich unwiderruflich.

Stechende Weltdüfte launischer Viren, ausgestorbene Rassen von Brutvögeln, die Seelen von allen zerstäubten Nierensteinen sammeln sich in der Atmosphäre und regnen hernieder auf die Impfgegner in kristalliner Klarheit.

Ich binde mir die Schnürsenkel mit einer Gabel und falle auf den Hintern.

Richtig ist, den Gesunden ihre Blödheit vorzuführen –

Die Protisten strecken ihre Filopodien nach gebundenen Objekten, auf einer Insel vor Brasilien setzt sich der letzte Kranich einen Hut auf.

Wieder wollen die Gesunden ihren Teil vom Glückskuchen und sind zu blöd zum Gabeln.

Sie erzählen vom Ich und stülpen Kondome über die Finger.

Die Erde fragt: „Wollt ihr die Summe der Empfindungen, oder bloß halbherzig in der Suppe stochern als wärt ihr erwachsen?“

„Nein“, sagen wir, „unser Körper ist teilbar. Wir schmecken und wir lieben.“

Matt sind die Liebenden…

 

© Yevgeniy Breyger, Frankfurt am Main

 

Zu dieser Reihe: »Lockdown-Lyrik! Quarantäne querdenken – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« ist eine Online-Sammlung zu den aktuellen Auswirkungen der Corona-Krise. Wir wollen im Gespräch bleiben, während wir Infektionsketten unterbrechen. Wir wollen die Erfahrung der Vereinzelung miteinander teilen. Wir wollen virtuelle Brücken bauen. Wir wollen das tun, was wir können: dichten, die Welt – und auch die aktuelle Situation – poetisch erfassen.Unser Anliegen ist es in jedem Fall, zu einem Mehr an Besonnenheit beizutragen, zu versöhnen statt zu spalten. Mit Sorge sehen wir überharte Diskussionen, wie sie derzeit online, aber auch offline zu häufig geführt werden. Klar ist uns: Es gehört zu einer Demokratie dazu, Konflikte auszutragen. Aber wir insistieren auch hierauf: Es ist ebenso unerlässlich, sich des Gemeinsamen, Verbindenden bewusst zu sein und zu werden sowie respektvoll miteinander umzugehen.

Uns ist bewusst, dass bereits der Ansatz, zur Corona-Pandemie eine Lyrik-Online-Anthologie herauszugeben, ihre Auswirkungen zeitnah lyrisch zu behandeln, und dies aus verschiedenen Perspektiven sowie in unterschiedlichen Tonlagen, als Provokation aufgefasst werden kann. So ist diese Sammlung keineswegs gemeint. Ihr Thema an sich ist jedoch eben hochemotional besetzt. Für uns, die Herausgeber der Reihe, bleibt trotzdem und gerade deshalb wichtig: Wir wollen Brücken bauen, Perspektiven weiten, der ungewohnten Situation mit poetischen Mitteln und im gemeinschaftlichen Sinne begegnen.

Bleiben Sie gesund!

Alex Dreppec, Jan-Eike Hornauer, Fritz Deppert
 
PS: Alle bereits geposteten Folgen von »Lockdown-Lyrik! Quarantäne querdenken – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« finden Sie hier. In loser, jedoch zügiger Folge wird die Sammlung erweitert.

 

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