Lockdown-Lyrik 70: »Anleitung zum Lachen auf Abstand« von Ulrike Almut Sandig

»Lockdown-Lyrik! Quarantäne querdenken – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« ist eine Online-Sammlung von Gedichten, die sich mit der Corona-Krise befassen. Es darf uns die Sprache nicht verschlagen! In loser Folge erscheinen neue Episoden der von Alex Dreppec, Jan-Eike Hornauer und Fritz Deppert herausgegebenen Anthologie.

 

Ulrike Almut Sandig

Anleitung zum Lachen auf Abstand

zuerst die schlechte Nachricht: alles, was dir alles war, verkleinert sich auf die Größe eines Insekts am geschlossenen Fenster.

aber das tut es auch dann, wenn du diese Anleitung nicht befolgst.

jetzt müsste eigentlich die gute Nachricht kommen.

aber wissen wir denn, wer nach dieser Anleitung zum Lachen auf Abstand noch da ist? das Insekt oder Lynns Ex, oder Lynn oder ihre uralten, lachenden Eltern?

und jetzt die gute Nachricht: Scheiß auf alle Prachtalleen und Plätze. wir werden einander in Forsten begegnen. der ganze Sauerstoff wird uns richtig high machen.

und hier gehen wir ein wenig auf Abstand: Hände locker an die Seite, rechter Fuß zurück, linker Fuß zurück. und immer so weiter.

es wird ein ganz neues Gefühl sein, die Natur dabei zu betrachten, wie sie dich geschmeidig überholt.

in eine Rinde werden wir ritzen: Lynn war hier.

in einer anderen Rinde werden wir lesen: komm her = geh weg!

wir werden die Heiterkeit zwischen den Bäumen ausbuchstabieren, und das geht so: kurz bücken. Hände im Laub waschen. dabei zweimal Happy Birthday singen.

Happy Birthday für dich, die Geschenke für mich. den Kuchen musst du suchen, doch du findest ihn nicht.

jetzt müsste sich das Lachen eigentlich schon bemerkbar machen. die meisten spüren ein deutliches Kratzen am Kehlkopf. und zwar genau hier.

Happy Birthday, Lynn!, werden wir rufen und über die Antwort im Echo der Bäume in heftiges Lachen ausbrechen.

und das ist jetzt wieder wie Highsein. aber nicht wegen des ganzen Sauerstoffs um dich herum, sondern weil du kaum Luft kriegst vor lauter Lachen.

langsam fühlt es sich an, als würdest du versuchen, durch einen Strohhalm zu atmen. die einen stecken das besser weg als die anderen.

aber vor allem ist es ein ansteckendes Lachen, das nach und nach auf uns alle übergreift, bis der ganze Forst in einem einzigen großen Gelächter erbebt.

am Ende wirst du am Boden liegen und noch ein bisschen weiterlachen, bis du wirklich nicht mehr kannst.

die Challenge besteht eigentlich darin, nicht aufzuhören mit dem Lachen. Humor ist, wenn man trotzdem lacht.

das geht auch im Liegen.

lachend wirst du zum Umriss der lachenden Sonne heraufschauen. dunkel und klein schwebt sie wie ein lachendes Insekt über den Kronen der Bäume.

und das ist gleichzeitig eine gute und eine schlechte Nachricht.
 

© Ulrike Almut Sandig, Berlin
 

Ort der Erstveröffentlichung (Danke!): Blog des Literaturforums im Brecht-Haus
 

 

Zu dieser Reihe: »Lockdown-Lyrik! Quarantäne querdenken – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« ist eine Online-Sammlung zu den aktuellen Auswirkungen der Corona-Krise. Wir wollen im Gespräch bleiben, während wir Infektionsketten unterbrechen. Wir wollen die Erfahrung der Vereinzelung miteinander teilen. Wir wollen virtuelle Brücken bauen. Wir wollen das tun, was wir können: dichten, die Welt – und auch die aktuelle Situation – poetisch erfassen.Unser Anliegen ist es in jedem Fall, zu einem Mehr an Besonnenheit beizutragen, zu versöhnen statt zu spalten. Mit Sorge sehen wir überharte Diskussionen, wie sie derzeit online, aber auch offline zu häufig geführt werden. Klar ist uns: Es gehört zu einer Demokratie dazu, Konflikte auszutragen. Aber wir insistieren auch hierauf: Es ist ebenso unerlässlich, sich des Gemeinsamen, Verbindenden bewusst zu sein und zu werden sowie respektvoll miteinander umzugehen.

Uns ist bewusst, dass bereits der Ansatz, zur Corona-Pandemie eine Lyrik-Online-Anthologie herauszugeben, ihre Auswirkungen zeitnah lyrisch zu behandeln, und dies aus verschiedenen Perspektiven sowie in unterschiedlichen Tonlagen, als Provokation aufgefasst werden kann. So ist diese Sammlung keineswegs gemeint. Ihr Thema an sich ist jedoch eben hochemotional besetzt. Für uns, die Herausgeber der Reihe, bleibt trotzdem und gerade deshalb wichtig: Wir wollen Brücken bauen, Perspektiven weiten, der ungewohnten Situation mit poetischen Mitteln und im gemeinschaftlichen Sinne begegnen.

Bleiben Sie gesund!

Alex Dreppec, Jan-Eike Hornauer, Fritz Deppert
 
PS: Alle bereits geposteten Folgen von »Lockdown-Lyrik! Quarantäne querdenken – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« finden Sie hier. In loser, jedoch zügiger Folge wird die Sammlung erweitert.

 

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