Lockdown-Lyrik 75: »Heute« von Marina Maggio

»Lockdown-Lyrik! Quarantäne querdenken – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« ist eine Online-Sammlung von Gedichten, die sich mit der Corona-Krise befassen. Es darf uns die Sprache nicht verschlagen! In loser Folge erscheinen neue Episoden der von Alex Dreppec, Jan-Eike Hornauer und Fritz Deppert herausgegebenen Anthologie.

 

Marina Maggio

Heute

Heute wasche ich das Geschirr von gestern.
Heute beende ich die Exkursion durch meine
Wohnung, kehre die alten Fossilien wieder
unter den Teppich.

Heute höre ich auf, einer Fata Morgana
nachzujagen, mit den Wänden zu sprechen,
die Gläser auf dem Tisch zu rücken.

Heute mache ich mir Platz unter den Rippen,
richte mein Herz neu ein, tausche meine dunklen
Pupillen gegen Buntglas aus dem Baumarkt aus.

Heute jage ich die Spinne aus meiner Wohnung,
die bei mir überwintert hat, sag ihr, sie soll sich
andere Opfer suchen… –

sag ihr, dass bei mir die Lebensmittel knapp
werden und die Fliegen.
Ich sag ihr, sie soll die Welt erkunden, solange
sie es noch kann.

Heute wasche ich das Geschirr von gestern,
oder auch nicht, schleife ein Messer, filetiere
damit die Einsamkeit, entgräte meine Langeweile.

Heute gehe ich aus meiner Wohnung, nehme
nur meinen Schatten mit, halte Abstand und
beobachte die anderen, wie sie ihre Spinnen
verjagen.

 

© Marina Maggio, Würzburg

 

 

Zu dieser Reihe: »Lockdown-Lyrik! Quarantäne querdenken – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« ist eine Online-Sammlung zu den aktuellen Auswirkungen der Corona-Krise. Wir wollen im Gespräch bleiben, während wir Infektionsketten unterbrechen. Wir wollen die Erfahrung der Vereinzelung miteinander teilen. Wir wollen virtuelle Brücken bauen. Wir wollen das tun, was wir können: dichten, die Welt – und auch die aktuelle Situation – poetisch erfassen.Unser Anliegen ist es in jedem Fall, zu einem Mehr an Besonnenheit beizutragen, zu versöhnen statt zu spalten. Mit Sorge sehen wir überharte Diskussionen, wie sie derzeit online, aber auch offline zu häufig geführt werden. Klar ist uns: Es gehört zu einer Demokratie dazu, Konflikte auszutragen. Aber wir insistieren auch hierauf: Es ist ebenso unerlässlich, sich des Gemeinsamen, Verbindenden bewusst zu sein und zu werden sowie respektvoll miteinander umzugehen.

Uns ist bewusst, dass bereits der Ansatz, zur Corona-Pandemie eine Lyrik-Online-Anthologie herauszugeben, ihre Auswirkungen zeitnah lyrisch zu behandeln, und dies aus verschiedenen Perspektiven sowie in unterschiedlichen Tonlagen, als Provokation aufgefasst werden kann. So ist diese Sammlung keineswegs gemeint. Ihr Thema an sich ist jedoch eben hochemotional besetzt. Für uns, die Herausgeber der Reihe, bleibt trotzdem und gerade deshalb wichtig: Wir wollen Brücken bauen, Perspektiven weiten, der ungewohnten Situation mit poetischen Mitteln und im gemeinschaftlichen Sinne begegnen.

Bleiben Sie gesund!

Alex Dreppec, Jan-Eike Hornauer, Fritz Deppert
 
PS: Alle bereits geposteten Folgen von »Lockdown-Lyrik! Quarantäne querdenken – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« finden Sie hier. In loser, jedoch zügiger Folge wird die Sammlung erweitert.

 

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