Lockdown-Lyrik 91: »Contrainte« von Katharina Körting

»Lockdown-Lyrik! Quarantäne querdenken – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« ist eine Online-Sammlung von Gedichten, die sich mit der Corona-Krise befassen. Es darf uns die Sprache nicht verschlagen! In loser Folge erscheinen neue Episoden der von Alex Dreppec, Jan-Eike Hornauer und Fritz Deppert herausgegebenen Anthologie.

 

Katharina Körting

Contrainte

Gemäß WHO bezieht sich Hygiene auf Bedingungen
und Handlungen, die dazu dienen, Gesundheit zu erhalten und die
Ausbreitung von Krankheiten zu verhindern. (Wikipedia)

Gesundheit ist ein Zustand des vollständigen körperlichen,
geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur
das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen. (WHO)

In meiner Zeitung steht
was andre »nach Corona« machen
wollen: »alle Kinder
in der Kita grüßen« oder
»Umarmungen«

In meinen Augen sammelt sich
absurdes Nass. Was habe ich damit zu tun?
Das Weinen wässert unerlaubt
die Stellen im Gehirn, die zu verbrachen
sind

In meiner Einsamkeit
schlägt leises Schluchzen tröstend Löcher
in die Tapferkeit, fährt mit ihr
Achterbahn, banal wie das
was fehlt

In meinem Kopf wage ich
Regelbruch: Für Berührung
müssen Zellen gleichzeitig
im selben Raum
sich finden

In meiner Seele vertrocknen Silben
notiert mit desinfizierten Händen
als halte der hygienische Geist
den Körper atemlos
umfangen

 

© Katharina Körting, Berlin

 

 

Zu dieser Reihe: »Lockdown-Lyrik! Quarantäne querdenken – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« ist eine Online-Sammlung zu den aktuellen Auswirkungen der Corona-Krise. Wir wollen im Gespräch bleiben, während wir Infektionsketten unterbrechen. Wir wollen die Erfahrung der Vereinzelung miteinander teilen. Wir wollen virtuelle Brücken bauen. Wir wollen das tun, was wir können: dichten, die Welt – und auch die aktuelle Situation – poetisch erfassen.

Unser Anliegen ist es in jedem Fall, zu einem Mehr an Besonnenheit beizutragen, zu versöhnen statt zu spalten. Mit Sorge sehen wir überharte Diskussionen, wie sie derzeit online, aber auch offline zu häufig geführt werden. Klar ist uns: Es gehört zu einer Demokratie dazu, Konflikte auszutragen. Aber wir insistieren auch hierauf: Es ist ebenso unerlässlich, sich des Gemeinsamen, Verbindenden bewusst zu sein und zu werden sowie respektvoll miteinander umzugehen.

Uns ist bewusst, dass bereits der Ansatz, zur Corona-Pandemie eine Lyrik-Online-Anthologie herauszugeben, ihre Auswirkungen zeitnah lyrisch zu behandeln, und dies aus verschiedenen Perspektiven sowie in unterschiedlichen Tonlagen, als Provokation aufgefasst werden kann. So ist diese Sammlung keineswegs gemeint. Ihr Thema an sich ist jedoch eben hochemotional besetzt. Für uns, die Herausgeber der Reihe, bleibt trotzdem und gerade deshalb wichtig: Wir wollen Brücken bauen, Perspektiven weiten, der ungewohnten Situation mit poetischen Mitteln und im gemeinschaftlichen Sinne begegnen.

Bleiben Sie gesund!

Alex Dreppec, Jan-Eike Hornauer, Fritz Deppert
 
PS: Alle bereits geposteten Folgen von »Lockdown-Lyrik! Quarantäne querdenken – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« finden Sie hier. In loser, jedoch zügiger Folge wird die Sammlung erweitert.

 

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