Lockdown-Lyrik 95: »Berührungsverbot« von David Modro

»Lockdown-Lyrik! Quarantäne querdenken – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« ist eine Online-Sammlung von Gedichten, die sich mit der Corona-Krise befassen. Es darf uns die Sprache nicht verschlagen! In loser Folge erscheinen neue Episoden der von Alex Dreppec, Jan-Eike Hornauer und Fritz Deppert herausgegebenen Anthologie.

 

David Modro

Berührungsverbot

Gebilligter als je zuvor, windet er sich mühelos
Um Schultern, Becken, Hecken und die Eltern:
Der Handausstrecker, das ist
Der Sumo-Slicer für den Alltag,
Mit dem Sie all das kleinkriegen,
Den Schlaf wieder zurechtschnipseln.
Durch ihn wird alles pulverisiert,
Er hinterlässt keine Rückstände –
Erst dann werden die Aromen freigegeben:
Handausstrecker –
Geeignet für das ganze Gesicht,
Für ein Gefühl von Sonnenstrahlen auf der Haut.

Mal ganz unter uns, Handausstrecker
Stampft, ganz ohne Tränen, Raspeln und Reiben,
Ihren Tiefschlaf zu süßem Brei.
Brauchen Sie Licht, wo keines ist?
Machen Sie einfacher Licht,
Als ein Zündholz anzuzünden:
Mit Handausstrecker –
Einfach abziehen und anbringen,
Jetzt, wo es angebrachter ist denn je.
Handausstrecker saugt sich
An jeder glatten Oberfläche fest,
Ganz egal, ob am Schminktisch
Oder am Stufenabgang.

In der Verpackung finden Sie:
Den Handausstrecker
Sowie 24 Stück Kabelbinder:
7,75 Milliarden begeisterte Kunden
können nicht irren.

x) nicht bei dichtem Wuchs verwenden
x) zu nahe an Schmutz, Sand oder Kies vermeiden
x) nicht mit verschmierten Oberflächen, Supermärkten oder Gartenmauern in Kontakt bringen

 
© David Modro, Paris

 

 

Zu dieser Reihe: »Lockdown-Lyrik! Quarantäne querdenken – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« ist eine Online-Sammlung zu den aktuellen Auswirkungen der Corona-Krise. Wir wollen im Gespräch bleiben, während wir Infektionsketten unterbrechen. Wir wollen die Erfahrung der Vereinzelung miteinander teilen. Wir wollen virtuelle Brücken bauen. Wir wollen das tun, was wir können: dichten, die Welt – und auch die aktuelle Situation – poetisch erfassen.Unser Anliegen ist es in jedem Fall, zu einem Mehr an Besonnenheit beizutragen, zu versöhnen statt zu spalten. Mit Sorge sehen wir überharte Diskussionen, wie sie derzeit online, aber auch offline zu häufig geführt werden. Klar ist uns: Es gehört zu einer Demokratie dazu, Konflikte auszutragen. Aber wir insistieren auch hierauf: Es ist ebenso unerlässlich, sich des Gemeinsamen, Verbindenden bewusst zu sein und zu werden sowie respektvoll miteinander umzugehen.

Uns ist bewusst, dass bereits der Ansatz, zur Corona-Pandemie eine Lyrik-Online-Anthologie herauszugeben, ihre Auswirkungen zeitnah lyrisch zu behandeln, und dies aus verschiedenen Perspektiven sowie in unterschiedlichen Tonlagen, als Provokation aufgefasst werden kann. So ist diese Sammlung keineswegs gemeint. Ihr Thema an sich ist jedoch eben hochemotional besetzt. Für uns, die Herausgeber der Reihe, bleibt trotzdem und gerade deshalb wichtig: Wir wollen Brücken bauen, Perspektiven weiten, der ungewohnten Situation mit poetischen Mitteln und im gemeinschaftlichen Sinne begegnen.

Bleiben Sie gesund!

Alex Dreppec, Jan-Eike Hornauer, Fritz Deppert
 
PS: Alle bereits geposteten Folgen von »Lockdown-Lyrik! Quarantäne querdenken – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« finden Sie hier. In loser, jedoch zügiger Folge wird die Sammlung erweitert.

 

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