Orientierende Dichtung – These zur Zukunft politischer Lyrik

von Christophe Fricker

Das öffentliche Leben in Deutschland ist wieder zunehmend polarisiert. Gleichzeitig ist die Medienlandschaft auf eine so noch nie dagewesene Weise fragmentiert, und zwar so sehr, dass das Ringen um Wahrheit und Verständigung auf gesamtgesellschaftlicher Ebene an Schwung verliert.

Der inzwischen vorwiegend halböffentliche politische Diskurs ist voller Lügen, gerade von Seiten der Extreme, und (auch) in der Mitte herrscht eine große Verunsicherung darüber, in was für einer Welt wir leben, in was für einer Welt wir leben wollen, wer »wir« eigentlich sind und wer »wir« sagen darf.[1]

Viele aufgeklärte Kulturschaffende sind darüber verblüfft. Sie sprechen von einem Rückfall in finstere Zeiten. Sie haben das Gefühl, dass sie nichts tun können – wozu Lyrik, wenn Kleinstädte von Schlägerbanden beherrscht werden, wenn Alters- und Erwerbsarmut zu beseitigen sind? Wenn ein paar Verse im Wust von Millionen von Bots produzierter Kurznachrichten, Posts, Blog- und Wikipediaartikel und Youtube-Videos untergehen?

Christophe Frickers Impulsvortrag zur orientierenden Dichtung löste lebhafte Debatten aus. Foto: Jan-Eike Hornauer

Christophe Frickers Impulsvortrag zur orientierenden Dichtung löste lebhafte Debatten aus. Foto: Jan-Eike Hornauer

Noch unbequemer ist allerdings die Frage, ob Lyrik nicht auch irgendwie Fake ist. Oder stimmt es wirklich, dass »Aminosäuren und Merinoschaf nahe Verwandte sind«?[2] Inwiefern tragen wir zur Klärung oder Entspannung der Verhältnisse bei, wenn wir sagen: »Castalia gleich dem Mondlicht | und die Wellen steigen und fallen, | Evita, Bierschwemme, semina motuum, | dem dürren Gras wird nun Regen | nicht herrisch von Habitus, | sondern heftig aus Scharfblick […]«?[3]

Seien wir ehrlich: Ein beträchtlicher Teil der modernen Lyrik hat die Wahrheitssuche der Wissenschaft überlassen oder als naiv oder ideologisch abgetan; hat sich über das »Schöne, Wahre und Gute« mokiert; hat auf der eigenen Spezialisierung beharrt und der Fragmentierung der Diskurse damit Vorschub geleistet; hat sich geweigert, Orientierung zu stiften oder Inhalte zu präsentieren oder mit mehr oder weniger aufgeschlossenen Zeitgenossen zu kommunizieren. Das »lyrische Du« ist immer noch die große Ausnahme. Nicholas Boyle hat ganz richtig festgestellt: Seit der Klassik halten wir in Deutschland Literatur für Kunst und nicht für eine Form der Kommunikation.[4]

Politik aber ist zu einem beträchtlichen Teil Kommunikation. Wenn die Lyrik politisch sein will, muss sie kommunizieren. Sie muss dann weg von einer Fixierung auf die Authentizität des Ausdrucks und auf die Handhabung von »Sprachmaterial«. Allerdings gehört es zur ästhetisch gegründeten Freiheit der Lyrik, dass sie das Politische im engeren Sinne gerade dadurch beeinflusst, dass sie unpolitisch ist.

Was tun also? Lyrik als Akteur im öffentlichen Raum in Zeiten von Fakes, Polarisierung und Orientierungssuche kann sich durchaus auf ihren besonderen Wahrheitsgehalt berufen. Sie kann schöpferisch sein und über die berichtende Wiedergabe von Fakten hinausgehen. Sie muss, wenn sie denn politisch sein will, tatsächliche Verhältnisse berücksichtigen, sie muss kommunizieren, und sie muss einprägsam sein (damit man sich im Zweifel an die Wegweisung erinnert).[5]

Ich weiß natürlich, dass nicht ohnehin klar ist, was »Wirklichkeitstreue« heißt. Das muss ausgehandelt werden, und diese Aushandlung wird zum Beispiel in einem demokratischen Gemeinwesen anders verlaufen als in einer Diktatur. Aber die Aushandlung sollte stattfinden, und zwar ohne dass gleich eingangs viele als unqualifiziert ausgeschlossen werden. Damit ist angedeutet, dass natürlich auch nicht ohnehin klar ist, was Politik ist.

Auch in der Krise kann Lyrik Orientierung stiften. Sie kann ihren Wahrheitsgehalt gerade daraus gewinnen, dass sie Orientierung stiftet.

Aber gilt all das nicht auch für Selbsthilfebücher und alle möglichen kommerziellen Beratungsangebote? Worin liegt das spezifisch Ästhetische einer orientierenden Lyrik? Wie kann eine orientierende Lyrik gegen Fakes antreten und trotzdem Lyrik bleiben – oder um es noch einmal emphatischer zu sagen: Wie kann sie Dichtung bleiben?

Orientierende Dichtung[6] schlägt den Bogen zwischen Kunst und Politik, indem sie tatsächliche Verhältnisse berücksichtigt, also wirklichkeitstreu ist, und diese Wirklichkeitstreue auf eine ganz bestimmte Art und Weise gestaltet, nämlich so, dass das Ergebnis der Gestaltung, das Gedicht, die immer wieder neue Aktualisierung im tatsächlichen oder erhofften Miteinander zulässt.

Noch einmal anders und noch knapper gesagt: Orientierende Dichtung ist eine gestaltete, wirklichkeitstreue, immer wieder aktualisierbare Form der Kommunikation über Fragen, die »uns« im Hinblick auf unseren Platz und unsere Aufgabe in der Welt bewegen.

Hiermit ist vieles nur angedeutet. Ich freue mich auf die Diskussion, und darauf, ans Werk zu gehen.

 


[1] Vgl. grundlegend Bernhard Waldenfels, Topographie des Fremden (Studien zur Phänomenologie des Fremden 1), Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1997; vgl. jüngst auch Ingo Schulze: »Wer ist ‚wir‘?«, Süddeutsche Zeitung, 18. September 2017.

[2] Paulus Böhmer, Werichbin, Frankfurt am Main: Faust, 2014, S. 21.

[3] Aus: Ezra Pound, »Canto XC«, zit. n. Ezra Pound Lesebuch: Dichtung und Prosa, hrsg. u.m.e. biographischen Essay v. Eva Hesse, Zürich: Arche, 1985, S. 167.

[4] Vgl. Nicholas Boyle, German Literature: A Very Short Introduction, Oxford: OUP, 2008, S. 11. Boyle spricht von »Art« mit einem großen Buchstaben, wie er im Englischen das Wort emphatisch als eigenständige Kategorie etabliert. Man könnte es also auch mit »hoher Kunst« oder »Hochkultur« übersetzen.

[5] Ich knüpfe an einige meiner früheren Stellungnahmen an: »Dichterbrief« 16 und 25 auf DasGedichtBlog.de; das Kapitel »Georges Mittelweg« in Stefan George: Gedichte für Dich, Matthes & Seitz: Berlin, 2011, S. 50—93; und die beiden Essays »Georges Gegenwart: Neue Bücher im totgesagten Genre Lyrik«, Gegenstrophe 4 (2012), S. 56—69, und »Das lyrische Du: Ein Plädoyer«, Allmende, Juli 2012, S. 39—41.

[6] Die Formulierung ist durchaus an den von Jürgen Mittelstraß geprägten Begriff »Orientierungswissenschaft« angelehnt, den ich schon mit meinen Thesen zur Orientierungswirtschaft aufgenommen habe; vgl. CF und Timothy J. Senior, »The Humanities Economy«, Common Knowledge 21 (2015) 3: 373—378.

 

Vortrag von Christophe Fricker beim Internationalen Colloquium der Redaktion DAS GEDICHT »Die Zukunft der Poesie« am Dienstag, den 24.10.2017 in Benediktbeuern (in Zusammenarbeit mit dem Bezirk Oberbayern).

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.