Religion und Lyrik – Folge 42: »januar«

Die begleitende Netz-Anthologie zu DAS GEDICHT 25,
zusammengestellt und ediert von Anton G. Leitner und José F. A. Oliver

 

Lars-Arvid Brischke

januar

ich schlief zusammen-
gefaltet bei den ausgestopften vögeln
am morgen fand ich mich vorm rohr-
kolben eines altflandrischen malers farbrest
der aus allen wolken quoll
der bodensee war zugefroren & ich sah
den grund drei meter unter meinen füßen

& konstanz lag zum greifen nah die kinder
gekleidet als propheten trugen transparente
sterne über allen hauseingängen
dreikönigsformeln & parolen an den wänden:
hus verbrannt +++ drewermann verbannt +++ ossis raus!
& in den fenstern fackelten die kerzen

nicht mehr lange friedefürst
war nicht in sicht in ratsherrenhof & konzil
dachte man sich vage erklärungen aus
ratloskeit pflanzte ich schließlich
einen apfel zwischen prächtige bäume

als der alltag aufs neue begann
in den garagen
reinigte man autos mit dampf
& rieb sie ein mit wachs
dass ihr lack wieder
ewig glänzte.
 

© Lars-Arvid Brischke, geboren 1972, lebt in Berlin.
 

»Religion & Lyrik« im Archiv

DAS GEDICHT 25: Religion im Gedicht

Den Kernbestand neuer zeitgenössischer Lyrik rund um den Glauben versammelt
»DAS GEDICHT 25: Religion im Gedicht«,
herausgegeben von Anton G. Leitner und José F. A. Oliver

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