»Von herzzerreißend bis herrlich bösartig« – Rückblick: Festlesung DAS GEDICHT 26 im Lyrik Kabinett

von Jan-Eike Hornauer (Text und Bild)

München. »Man muss mit mir weiter rechnen können.« Dieser Satz war ganz existentiell gemeint – und mit einem echten Strahlen hervorgebracht. Geäußert hat ihn Anton G. Leitner am vergangenen Donnerstag im Lyrik Kabinett. Dort wurde die Nummer 26 seiner Zeitschrift DAS GEDICHT vorgestellt, die er mit jährlich wechselnden Co-Herausgebern ediert und die er heuer mit Melanie Arzenheimer herausgegeben hat.

Nachdem Leitner im vergangenen Jahr erst eine Lungenembolie erlitten hatte, bekam er in diesem Jahr einen Herzinfarkt. Es ist also keine Selbstverständlichkeit, dass er an der Festlesung teilnehmen konnte. Umso mehr freuten sich Leitner und viele der Besucher, die das Lyrik Kabinett bis auf den letzten Platz füllten, dass er – wenn auch aus der Reha kommend – seine Verse vortragen und an der Gesprächsrunde zum Entstehen von DAS GEDICHT 26 »Wendepunkte / Der poetische Dreh« teilnehmen konnte. Noch dazu mit der guten Nachricht, dass die Ärzte und das eigene Körpergefühl ihn wieder optimistisch in die Zukunft gucken lassen.

Thema durchs Mauerfall-Jubiläum inspiriert und dann ins Private geöffnet
Im Gespräch mit seiner Co-Herausgeberin Melanie Arzenheimer und Uwe-Michael Gutzschhahn, der abermals einen Kinderlyrikteil für die Jahresschrift zusammengestellt hat, betonte Anton G. Leitner auch, wie froh er im Rückblick sei, dass das durchs Mauerfalljubiläum inspirierte Thema der Wende letztlich nicht nur politisch, sondern auch privat gefasst wurde. Das habe nicht nur der DAS GEDICHT-Ausgabe sehr gutgetan, sondern berühre ihn nach seinen jüngsten Erlebnissen, von denen man damals nichts habe ahnen können, nun freilich besonders.

Anton G. Leitner im Bühnengespräch mit seiner diesjährigen Mitherausgeberin Melanie Arzenheimer.

Melanie Arzenheimer ergänzte, dass das thematisch und stimmungsmäßig weite Spektrum an eingesandten Gedichten sie begeistert habe. »Es reichte von herzzerreißenden Einsendungen, wo mir die Tränen fast gekullert sind beim Lesen, bis zu Lustigem und auch schon herrlich Bösartigem«, berichtete sie sichtbar begeistert.

Uwe-Michael Gutzschhahn erklärte, dass er mit der Themenausrichtung »Der poetische Dreh« für seinen Kinderlyrikteil »sehr viel anfangen« habe können. Weiter unterstrich er, dass er die gemeinsame Redaktionsarbeit für diese Ausgabe als besonders angenehm und produktiv empfunden habe: »Es gab da einen Schwall von Ideen bei Anton im Garten – und es war allgemein sehr schön.« Und er hob einen Aspekt hervor, der ihn an Gedichten für Kinder, bei denen es in seinen Augen vor allem um das spielerische Wahrnehmen von Sprache geht, besonders fasziniert: »Das Schöne ist, dass Kindergedichte nicht alt werden, sie funktionieren immer.«

Kindergedichte für Erwachsene – auch das haut hin
Dass nicht nur die Gedichte nicht alt werden, sondern Kinderlyrik auch vor einem rein erwachsenen Publikum funktioniert, bewies er mit dem kleinen Kinderlyrikblock, der in die Festlesung integriert war: Unter Gutzschhahns Leitung präsentierten hier Thomas Glatz, Heike Nieder und Wolfgang Oppler ihre eigenen Kindergedichte sowie je ein Lieblingsfremdgedicht aus der aktuellen DAS GEDICHT-Ausgabe. In seinem eigenen Beitrag variierte Gutzschhahn das bekannte Polyphem-Odysseus-Motiv. Hintergrund: In dem Haus, in dem er wohnt, hat die Hausverwaltung tatsächlich ein Klingelschild mit der Aufschrift »Niemand« angebracht. Nach neueren Gesetzesregelungen ist die entsprechende Wohnung nämlich gar nicht vermietbar, der Klingelschildplatz will ja aber ordentlich besetzt sein – schon damit Neugierige dort nicht immer klingeln. Wie im antiken Text der griechische Held und – unfreiwillig – der Zyklop, stiftete nun auch das alltagsinspirierte Gutzschhahn-Gedicht sprachspielerische Verwirrung, denn ob niemand da ist oder Niemand da ist, das ist ja schließlich ein gewaltiger Unterschied.

Uwe-Michael Gutzschhahn präsentiert seine Kinderlyriker, zuerst Thomas Glatz.

Kurz und mit pfiffig-harmlosem Dreh kam das »Lied des frühen Vogels« von Thomas Glatz daher, der mit »Märchen« von Gerhard Rühm dann ins ganz Klang- und Spaß-Paradies der heiter-spielerischen Spracherkundung aufbrach. Das Lautliche spielte auch bei Heike Nieders »Die Ratt’ in der Stadt am Watt«, wie der Titel schon anzeigt, eine entscheidende Rolle. Und eine wunderbare Begründung hatte Wolfgang Oppler, vor dem schon viele Autoren am Abend ihre Lieblingsgedichtewahl ausgefeilt gut begründet hatten, für sein Fremdgedicht: Er las neben seinem »Der Turm«, in dem merkwürdige Gegenstände zu einem solchen aufeinandergestapelt werden und herrlich krachend wieder ineinanderstürzen, Michael Augustins »Das Pferd am Herd«, und zwar »weil es einfach schön ist«.

Die Erwachsenen-Gedichte: Alltag und Apokalypse, Politisches und Privates, tosendes Trara und Trauer
Die ganze inhaltliche Breite, die der drehbare Doppelband zum Wende-Thema – der von beiden Seiten aus zu lesen ist und eigentlich zwei Vorne aber kein Hinten hat – bietet, wurde bei den Erwachsenen-Gedichten deutlich. Sie machten freilich den Hauptteil des Festlesungsabends aus, durch den Melanie Arzenheimer und Uwe-Michael Gutzschhahn gemeinsam führten.

Das Co-Herausgeber-Duo führte gemeinsam durch den Abend: Uwe-Michael Gutzschhahn und Melanie Arzenheimer.

Wie Arzenheimer, die in der Satire zuhause ist (als Dichterin ebenso wie als Chefin des Online-Satiremagazins Erna), aber auch das Gefühl nicht scheut, im Bühnengespräch schon angekündigt hatte, gab es hier tief berührende Gedichte ebenso wie alberne bis bissige Versverbünde, stand das Politische neben dem Privaten, die harmlose Alltagsszene folgte auf die Apokalypse. Auch hier galt wieder: Jeder der auftretenden Poeten brachte neben dem eigenen auch ein ausgesuchtes Gedicht eines Dichterkollegen aus der Wende-Ausgabe von DAS GEDICHT zu Gehör.

Politisch und konkret auf die deutsch-deutsche Wende bezogen wurde es etwa bei Walter Flemmer mit »Angekommen in der Mitte des Wegs«. Er bekannte, »der Hurra-Schrei der Massen wuchs mir / wie ein Schurschnitt über die Kopfhaut«, und fragte: »Kann mir mein Vaterland wieder Heimat werden, / oder ist sein abgründiges Antlitz für immer verdunkelt?« Auch Anton G. Leitner setzte sich kritisch, dabei sehr sprachverspielt und enorm kurzversig, mit der deutsch-deutschen Wende auseinander, in »Mauer, Fall«. Dass Grenzsicherungsanlagen, dass Zäune und Co. heute wieder ein großes Thema sind, monierte ich selbst in »Logische Forderung«. Den Unterschied zwischen Ost und West unter anderem anhand der Einstellung zu FKK beschrieb Alma Larsen in »ansichtsarten von der ostsee«. Und das »wendehals«-tum in Wende- und andren Zeiten nahm Christian Düfel gehörig aufs Korn.

Christian Düfel mit »wendehals«, Leander Beil hört konzentriert zu.

Weltuntergang mit und ohne Humor
Apokalyptisch wurde es bei Gerald Fiebig, in seinem Alptraumgedicht schilderte er eine Dystopie, in der das Künstliche das Natürliche verdrängt hat, die Elektronik gegen die Biologie gewonnen hat und zu konstatieren ist, dass wir Menschen, anders als gedacht, nicht der Nabel der Welt waren, sondern »die schnur / zum erdrosseln«. Fiebig warnte: »wir werden aussterben, / weil wir blind waren.«

Den ultimativen Untergang gab’s auch bei Paul-Henri Campbell: In »eniwetok« schilderte er die Zerstörung des paradiesgleichen Atolls selbigen Namens durch US-amerikanische Atombombenversuche anno 1947. Die atomare Vernichtung war überdies Thema in Karsten Pauls »Nudeln am Ende der Zeit«, das Rainer Rebscher nach seinem eigenen Gedicht »Dooms day clock 2018« vortrug. Beide Poeme nahmen den Weltuntergang von der satirischen Seite aus in den Blick – was ihn zwar nicht weniger final, aber dafür doch um einiges bekömmlicher machte.

Das alltägliche Leben
Auf den alltäglichen Kram hob Susanne Lippert ab, nachdem sie mit Katja Neckers Versen noch vor den Gefahren des Klimawandels, einer auch eher unangenehmen Wende, gewarnt hatte (»eisbären ohne festland / auseinander driften / jeder für sich«). Sie beschrieb im eigenen Gedicht die Nervigkeiten des normalen Aufstehens, konstatierte aber hochversöhnlich: »nach zehn Minuten Virgin Radio / ist der Tag gerettet.«
Aus globaler Perspektive betrachtet auch eher dem banalen Alltag zuzuordnen ist die Situation aus Ulrich Becks Poem. In herrlich drastischer Groteskheit und mit unverkennbarer Spielfreude schilderte der große Fußballfan ein »schicksalsspiel«, das aufgrund seiner Grobheiten zum »schaschlickspiel« mutiert.

Jochen Stüsser-Simpson beschrieb augenzwinkernd eine »Hundertachtzig-Grad-Wendung«, die darin bestand, dass sich der jugendliche Vegetarier, für den ob seiner Adoleszenz nun eh alles grundsätzlich stets auf dem Prüfstand stand, plötzlich doch Nackensteaks auf den Grill wünschte.

Jochen Stüsser-Simpson liest sein Gedicht »Hundert-Achtzig-Grad-Wendung« geradeheraus vor; neben ihm lauscht Susanne Lippert, ihren Einsatz erwartend.

Hat Freude an der Poesie: Ulrich Beck. Hier im Gespräch mit Moderator Gutzschhahn.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Leander Beil träumte von der heroischen Verrücktheit der Jugendzeit und forderte mit Nietzsches Worten: »Man muss noch Chaos in sich haben!« Dazu postulierte er: »Zu unserer Heldenzeit rieben wir Salz / in die Wunden.« Jetzt aber gelte, nach der Wende ins Erwachsensein: »Das Buch ist geschlossen.«

Dass geschlossene Bücher durchaus auch wieder aufgemacht werden und so Grenzen fallen können, zeigte sich im von mir vorgetragenen »Freundschaft unter Literaten« von Andreas Schumacher, einem schwungvoll-heiteren Poem voll funkelnder Sprachkunst, in dem eine Freundschaft zwischen Dichtern auf eine harte Bewährungsprobe gestellt wird (»die Freundschaft zerbricht und ein Arm wird geschient«) – diese aber schließlich und endlich doch übersteht.

Ludwig Steinherr beschwört das archaische Wesen der Stunden »Nach Mitternacht«, neben ihm und freudig zuhörend: Gabriele Trinckler.

Dass es »Nach Mitternacht« mystisch wird, betonte Ludwig Steinherr. Dann sei nicht die Zeit der modernen Götterwelten, auch nicht die des Rationalen. Ganz alltäglich breche dann wieder das mythische Zeitalter durch in unsere Welt – oder war’s nur die banale Realität, die der Münchner Dichter hier so gewaltig auflud? Nun, jedenfalls ließ er Antike und moderne Großstadt aufeinanderprallen: »sein unerforschlicher Wille gleißt / wie ein Butterfly-Messer« und »das U-Bahnabteil / verstummt«.

Doch nicht nur bei ihm, auch bei Ulrich Johannes Beil, genauer in seinem Gedicht »Die weißen Hunde«, zeigte sich ein »Riss in der Wirklichkeit«. Und es wurden nicht nur die Momente, in denen sich die Welt ganz neu, ganz anders zeigt, kunstvoll dargestellt, sondern Beil schenkte den Zuhörern auch dieses wunderbare Wort: »heldenschwarz«.

Lars-Arvid Brischke zeigt in »die ganze zeit« auf, wie scheinbar reine Wiederholung letztlich doch zu etwas Neuem führt – und amüsiert nicht nur die neben ihm sitzende Alma Larsen.

Dass, ganz ruhig und unaufgeregt, auch die scheinbar endlose Wiederholung des Immergleichen zu Wandel führen kann, brachte die Schlussvolte von Lars-Arvid Brischkes unspektakulär aufs Grundsätzliche zielende »die ganze zeit« zutage.

Dass Unfälle im Alltag durchaus eine komische Seite haben und Schluss-Weisheiten im Busch-Stil auch heute noch funktionieren, wie das Lachen des Publikums bewies, stellte Anna Münkel mit »Umschauen, dumm schauen« unter Beweis. Ärger mit dem Online-Einkauf und das Blamieren im Online-Forum beschrieb Guido Luft selbstkritisch und humoristisch in »Zahltag«.

So alltagsnah wie absurd waren die Perspektiven von Melanie Arzenheimer in ihrem – übrigens kurzen und pointierten – »Zyklus der ungenutzten Möglichkeiten« und von Thomas Glatz in seinem unfalldramatischen Locus-amoenus-Schreckens-Poem »Martinsminuten im Machelberger Forst«. Eine Überraschung bot Glatz zudem, als er hernach noch Fitzgerald Kusz’ »rock ’n‘ roll« darbrachte – in veritablem Fränkisch und mithin äußerst originalnah. »Das Jahr um den Bauchnabel rum« beschrieb Gundula Schiffer, sie verband Jahreszeiten und Gefühlslagen poetisch miteinander.

Gundula Schiffer liest vom Wandel der Jahreszeiten und Gefühle, Babette Werth (in Schwarz) bringt »Farbenleere«.

Tod und Geburt: private Wendepunkte
Sehr bewegend für das Publikum waren die ganz persönlichen Wende-Gedichte. In ihnen erzählten die Poetinnen und Poeten von Tod und Trauer, Geburt und Glück und setzten ihnen besonders nahestehenden Menschen Denkmale in Versen.

In »hospiz« berichtete Gabriele Trinckler vom »letzten multiplen versagen der hoffnung«, beschrieb die letzte Lebensstation ihrer Mutter, ihr »verdammtes krepieren auf raten« und wünschte ihr: »lass / los und verlasse das leben auf zehenspitzen«. Ganz ernst waren auch die fremden Verse, die Trinckler las – sie zeigten, dass Michael Augustin, im Komischen oft so bravourös, sich auch an das Ernste traut und es kann. »Als du vom Klingeln hochschreckst« behandelte den Tod seines Vaters, den Schock der Todesnachricht und das Abschiednehmen am Grab. Um das Altern und Sterben ging es auch in Jürgen Bullas »Elegie auf den Vater«. Gefühl- und würdevoll nimmt der Dichter hier Abschied – und verewigt den, der ihn gezeugt und erzogen hat.

Ernste Kontraste: Johannes Zultner berichtet von den Freuden des Vaterwerdens; Jürgen Bulla wird Verse vortragen, in denen es ums Sterben geht.

Dem Beginn des Lebens wandten sich zwei Gedichte zu, die beide als Titel ein Datum trugen. Johannes Zultner beschrieb in »Sonntag 17. August 1986« sehr liebe- und gefühlvoll, wie seine Tochter Ruth Marion in seinem Leben erschien. Wie wunderbar: Die Tochter war anwesend, saß im Publikum. Und in »29. April 1989« ging es um einen Moment der Ruhe, Besinnung und immensen stillen Freude von Sujata Bhatt, drei Monate nachdem die Tochter geboren wurde. Vorgetragen hat es Ludwig Steinherr.

Wie es ist, das Altern, das Fühllos-Werden, das langsame Sich-Verabschieden aus der Welt, das ließ Babette Werth in »Farbenleere« ahnbar werden. Und das »Gedicht für Lucas« von Erich Jooß, vorgetragen von Walter Flemmer, zeigte, wie berührt ein Opa davon sein kann, wenn der kleine Enkel, »kaum kniehoch«, sich von der Hand löst und in die quasi erste Selbstständigkeit begibt. Der Opa blickt dann schon weit in die Zukunft und stellt sich in wahrhaft poetischen Worten vor, wie das dann sein wird: »Nicht / mehr lange, dann tanzt er mit dem / Mond. Das weiß er noch nicht, aber / seine Bewegungen träumen davon.« Gut, dass Erich Jooß in die Zukunft blicken konnte – so hat er ein bisschen weniger verpasst. Er starb letztes Jahr. Dass wenigstens seine Verse anwesend waren, stellte für viele einen kleinen Trost dar – auch für mich.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.