Weihnachtsgruß: »Einsiedlers Heiliger Abend« von Joachim Ringelnatz

 

Joachim Ringelnatz

Einsiedlers Heiliger Abend

Ich hab’ in den Weihnachtstagen –
Ich weiß auch, warum –
Mir selbst einen Christbaum geschlagen,
Der ist ganz verkrüppelt und krumm.

Ich bohrte ein Loch in die Diele
Und steckte ihn da hinein
Und stellte rings um ihn viele
Flaschen Burgunderwein.

Und zierte, um Baumschmuck und Lichter
Zu sparen, ihn abend noch spät
Mit Löffeln, Gabeln und Trichter
Und anderem blanken Gerät.

Ich kochte zur heiligen Stunde
Mir Erbsenuppe mit Speck
Und gab meinem fröhlichen Hunde
Gulasch und litt seinen Dreck.

Und sang aus burgundernder Kehle
Das Pfannenflickerlied.
Und pries mit bewundernder Seele
Alles das, was ich mied.

Es glimmte petroleumbetrunken
Später der Lampendocht.
Ich saß in Gedanken versunken.
Da hat’s an die Türe gepocht,

Und pochte wieder und wieder.
Es konnte das Christkind sein.
Und klang’s nicht wie Weihnachtslieder?
Ich aber rief nicht: »Herein!«

Ich zog mich aus und ging leise
Zu Bett, ohne Angst, ohne Spott,
Und dankte auf krumme Weise
Lallend dem lieben Gott.

 

Winter – Baum, Schnee, Struktur (Foto: Jan-Eike Hornauer)

 

 

Anton G. Leitner und die Redaktion von DAS GEDICHT und DAS GEDICHT blog wünschen Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, friedliche Weihnachten und ein glückliches Jahr 2020 mit vielen poetischen Momenten.

 

 

 

 

 

 

Das Gedicht »Einsiedlers Heiliger Abend« von Joachim Ringelnatz ist entnommen aus: »Weihnachtsgedichte«, hg. v. Anton G. Leitner und Gabriele Trinckler, dtv 2012 / 2015

 

 

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