»Wenn du jagen gehst in jener Stadt«: Der außergewöhnliche Gedichtband »Aus geteilten Städten« von Frank Röhricht mit Fotografien von Andreas Coutas

rezensiert von Norbert Kron

Diese Gedichte besitzen eine kristallene Kraft, als wären ihre Worte in Glas geritzt. Sprachmächtig blitzen ihre Bilder bei jeder Wiederlektüre neu im Licht. Ob sie in naturlyrischer Tradition den »Morgentau« beschreiben, in dem die »Blüten veratmen«, oder erotisch die Geliebte besingen: »An Deinem Schrei / entzündet sich die Stille«, es sind poetische Menetekel, die den Leser ebenso sinnlich ansprechen, wie sie ihm metaphorische Rätsel aufgeben.

Ja, was Frank Röhricht in seinem Gedichtband »Aus geteilten Städten« formt, sind hintersinnige Sprachwelten, die ihr Anschauungsmaterial aus einer offensichtlich autobiographisch geprägten Wirklichkeit beziehen, die sich nie an den Leser verrät, sondern die dieser Glanz und Geheimnis verleihen. Der Autor, der als Professor für Psychiatrie in London und Berlin lebt, zeigt das auch in seinen Metropolen-Gedichten, die u.a. von U-Bahn-Beobachtungen oder Stadtspaziergängen »erzählen«. Auf den ersten Blick scheinen sie nur Großstadtimpressionen zu sein wie der Sonntagsausflug auf Inline-Skates durch den Tiergarten (»Auf scharfen Kufen surfen wir durch das Blickicht (…) / Wenn du jagen gehst / in jener Stadt / am 17. Juni / spielt der alte Mann die Geige«), doch in Wahrheit entwerfen sie scharfzüngige Psychogramme unserer Gegenwart. Das Stadtgedicht wird zur Zeitlyrik, »Die geteilte Stadt«, so der Titel eines Schlüsselgedichts, erweist sich als Sinnbild unserer polarisierten Gesellschaft im Westen: »Da wird Kaffeesatz verlesen / Manche ziehen die Schoten dicht (…) / Die Klagemauer an der Heimatfront rodet eine Tiefe Furt ins Gemüt, so / Nah ist der Osten, den wir westwärts / wähnen«. Um den kosmopolitischen Moment zu betonen, den der Autor auf seinen lyrischen Welterkundungen immer im Auge hat, sind viele dieser Gedichte von Milan Röhricht exzellent ins Englische übertragen.

Als wäre das alles noch nicht stark genug, kombiniert der Band das lyrische Kaleidoskop mit Fotografien von Andreas Coutas, einem kurz vor Veröffentlichung des Bandes verstorbenen Freund des Autors. Dessen Bilder, die in den Band mal farbig, mal schwarzweiß eingestreut sind, sind ein Mix aus Reportagefotos von Reisen, Menschenportraits, Stadtstilleben und fast psychedelischen Fotomontagen. Auch hier zeigt sich eine große künstlerische Hand, die beim Auslösen der Kamera starke Momente einfängt. Im Zusammenspiel mit den Gedichten wird freilich kein wirkliches Strukturprinzip sichtbar, was ein wenig auf die Texte selbst zurückschlägt. Auch in deren Bildsprache findet sich etwas Überschießendes, großzügig Diverses, das für den Leser manchmal zu weit geht. Je länger er liest, desto klarer wird ihm, dass die poetische Handschrift des Autors von einer – teils dem Unbewussten entspringenden – Privatsprache geprägt ist, die für ihn nicht aufzulösen ist: »Es bleibt unklar was Es / denn sei das rolle und wolle, / das komme wie es solle.«

Der Leser steht vor dieser kristallinen Kraft meist begeistert, manchmal aber auch ratlos, und wünscht sich dann mehr Transparenz und Nahbarkeit, die Licht in die dunkle Hermetik bringt. Denn am schönsten, am berührendsten sind diese Gedichte, wenn Frank Röhricht seinem lyrischen Ich die Freiheit lässt, jene sinnliche Begeisterung durchblicken zu lassen, die sich in manchen Liebesgedichten Bahn bricht: »Eine feine Perle löst sich / aus der Schulterschmelze ruht / auf den abschüssigen Hügeln«. Ich empfehle diesen außergewöhnlichen Poesie- und Fotoband sehr.
 

Frank Röhricht
Aus geteilten Städten / From divided cities

Mit Fotografien von Andreas Coutas und Übersetzungen von Milan Röhricht
Paramon Verlag, Zug 2017
133 Seiten, Hardcover
ISBN 978-3-03830-351-0

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