Wiedergelesen – Folge 14: »Die Scheune der Vögel« von Christine Busta

Literatur ist vergänglich, auch wenn sie sich, wie jede Kunst, gegen ihre Vergänglichkeit zur Wehr setzt. Trotzdem entschwinden Bücher in Archivbibliotheken. Auf einmal gehören sie nicht mehr zu unserem Erfahrungshorizont. Erich Jooß stellt an jedem 15. des Monats vergessene Lyrikveröffentlichungen in seiner Rubrik »Wiedergelesen« vor, die bewusst unsystematisch angelegt ist. Entdeckerfreude und persönliche Vorlieben sind ihm als Kolumnist von DAS GEDICHT blog wichtiger als literaturhistorische Zensuren.

 

Fast drei Jahrzehnte nach dem Tod der Autorin ist das Werk von Christine Busta weithin verschwunden aus dem literarischen Bewusstsein – in ihrer Heimat Österreich, wo sie vielfach ausgezeichnet worden war, kaum weniger als in Deutschland. Das mag mit der lyrischen Sprache von Christine Busta zusammenhängen, mit der Tonalität aus zivilisationsfernen Bildern und intensiver mythisch-religiöser Grundierung der Texte. Die Autorin, die wie so viele ihrer Generation das Jahr 1945 als einen radikalen Epochenbruch erlebt und verinnerlicht hat, blieb trotzdem eine formal höchst kultivierte Traditionalistin. Bei aller Melancholie und Trauer wollte sie die Frage nach dem Sinn des Lebens nicht einfach auf irgendwelchen literarischen Schutthalden entsorgen. Hinzu kam die bewusst gelebte Katholizität von Christine Busta. Das hat gegenüber dem Werk der Dichterin zu den üblichen Abwehrreflexen geführt und tut es noch heute. Aber die »heile Welt«, die Kritiker an ihrer Lyrik monieren, ist dort eher als Hoffnung wider alle Vernunft spürbar: als letztmöglicher Einwand gegen eine Verzweiflung, die auch Christine Busta, beschäftigt man sich eingehender mit ihren Büchern, immer wieder befallen zu haben scheint…

Mein Interesse für das Werk von Christine Busta setzte eher untypisch ein mit der Lektüre der beiden, einmal sehr erfolgreichen Kindergedicht-Bände »Die Sternenmühle«, 1959 erschienen und von Johannes Grüger illustriert, sowie »Die Zauberin Frau Zappelzeh« aus dem Jahr 1979 mit Bildern von Hilde Leiter. Vor allem der erste Band atmet noch ganz den Geist der Fünfziger Jahre und war bereits damals ein sehr versponnenes Fluchtbuch in die umzäunte Idyllik der Mondschafe und des Engelhauchs: »Leiser als die Spinne spinnt, / webt im Ofenloch der Wind / Träume schon für Vater, / Mutter, Kind und Kater.« Heutzutage sind diese spielerisch-verträumten Bücher nostalgische Sammlerstücke. Gleichzeitig machen sie jedoch schmerzhaft deutlich, was unserem hypernervösen, trendfixierten Literaturbetrieb fehlt: die Bereitschaft, Kinder mit poetisch eigenwilligen Versen vertraut zu machen. Zur Eigenwilligkeit gehört bei Christine Busta auch die Musikalität. Jedes dieser Kindergedichte – übrigens genauso die Erwachsenengedichte der Autorin – sollte laut gelesen werden. Dann erst entfaltet es seine kräftig strukturierte, melodiöse Klang- und Reimwelt.

Es gibt viele Werk- und Lebenskorrespondenzen zwischen Christine Busta und Christine Lavant. Beiden war der Trakl-Entdecker und Herausgeber des »Brenner« Ludwig von Ficker ein wichtiger Förderer und Briefpartner und beide wuchsen in äußerst prekären Verhältnissen und gleichzeitig in festen, kirchlich fixierten Milieus auf. Freilich enden da bereits die Gemeinsamkeiten. Während Christine Busta mit Wien einen ganz anderen, weit größeren Erfahrungsraum hatte, lebte Christine Lavant in ihrem Kärtner Heimattal, das sie nie wirklich verließ. Das hat sie schroffer gemacht, unzugänglicher, radikaler. Wo Christine Busta sprachlich geschmeidig blieb und bald vom Feuilleton angenommen wurde, verschanzte sich Christine Lavant in ihren apokalyptischen Angstzuständen. Ihre Kollegin jedenfalls publizierte schon bald in der »Furche«, gewann den omnipräsenten Ignaz Zangerle als Fürsprecher, der von der »Sakralität« in ihrem Werk schwärmte. Ab 1950 veröffentlichte die Bibliothekarin der Wiener Städtischen Büchereien in regelmäßigen Abständen Lyrikbände, die schon bald im ganzen deutschen Sprachraum registriert wurden.

Das Buch »Die Scheune der Vögel« kam 1958 in ihrem Stammverlag Otto Müller in Salzburg heraus – mit einem biegsamen Plastikeinband, der damals modern gewesen sein mag, heutzutage aber eher widerwillig in der Hand liegt. Auch dem noch völlig unbekannten Thomas Bernhard hatte der Verlag für den Lyrikband »Auf der Erde und in der Hölle« (1957) eine solche gebetbuchartige Ausstattung gespendet. »Die Scheune der Vögel« markiert für das Werk von Christine Busta einen Wendepunkt: Jetzt werden die Reime seltener, die Sprache wirkt befreiter, die Sujets sind vielfältiger. Zwischen Bilderwelten und Sinneseindrücken, die uns fremd geworden sind, den Wetterhähnen und krummen Häuserzeilen, dem Kampferduft und dem schwärzlichen Mutterkorn, macht sich eine neue Lakonie bemerkbar. Da hat Dornröschen ein »leergeschlafenes Gesicht«, der Morgen ist grau »wie ein Soldatenhemd«, vom Leben bleibt »die unlesbare Schrift« und das Gras auf dem Friedhof wächst »gerecht und bitter.« Neben dem biblischen Legendenton trifft man nun auf präzise Reisebeobachtungen, vor allem aus Venedig. Die klaustrophobische Welt nach dem Krieg wird spürbar weiter, auch wenn Wien nach wie vor der Herzmittelpunkt dieser Gedichte ist: »Schauder runzelt die Haut des Stromes, / und wie ein Nest voller Sperlinge / steht meine Stadt / geduckt vorm Feuer« (Herbst über Wien). Wer mehr erfahren will über Christine Busta, sollte den im Internet zugänglichen Vortrag von Georg Bydlinski »Sonnensprache und Sternenmühle« lesen – eine sehr differenzierte Hommage an die Autorin, ein Zeugnis auch dafür, wie einfühlsam Christine Busta jungen Autoren begegnet ist und welchen weitgespannten Lektürehorizont sie hatte. Ihr vielleicht persönlichstes Gedicht in der »Scheune der Vögel« trägt nur eine Jahreszahl – 1945 – als Titel und kommt auf dem theologischen Hintergrund von Golgatha, nach Schande und Schuld, zu einem versöhnlichen Schluss, über dessen entlastenden Charakter man im Blick auf den selbstverursachten nationalsozialistischen Kriegswahnsinn sicherlich streiten kann: »So wurden wir aufgenommen / als Schächer in die Verheißung / und, von Scham und Milde gezeichnet, / jäher verwandelt als vom Richtschwert.«
 

Dr. Erich Jooß. Foto: Volker Derlath

Dr. Erich Jooß. Foto: Volker Derlath

»Wiedergelesen« wird Ihnen von Erich Jooß präsentiert. Der Schriftsteller aus Höhenkirchen veröffentlicht neben eigenen Lyrikbänden auch Lyrikanthologien, Bilderbücher und Erzählbände. Jooß ist Vorsitzender des Medienrats in Bayern und Vizepräsident der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur. Zuletzt erschien von ihm »Am Ende der sichtbaren Welt« (Verlag St. Michaelsbund, München 2011).

Alle bereits erschienenen Folgen von »Wiedergelesen« finden Sie hier.

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