Wiedergelesen – Folge 15: »Mit der Ziehharmonika« von Theodor Kramer

Literatur ist vergänglich, auch wenn sie sich, wie jede Kunst, gegen ihre Vergänglichkeit zur Wehr setzt. Trotzdem entschwinden Bücher in Archivbibliotheken. Auf einmal gehören sie nicht mehr zu unserem Erfahrungshorizont. Erich Jooß stellt an jedem 15. des Monats vergessene Lyrikveröffentlichungen in seiner Rubrik »Wiedergelesen« vor, die bewusst unsystematisch angelegt ist. Entdeckerfreude und persönliche Vorlieben sind ihm als Kolumnist von DAS GEDICHT blog wichtiger als literaturhistorische Zensuren.

 

Wer kennt heutzutage Theodor Kramer? Der niederösterreichische Lyriker führt literarisch nur noch eine Fußnotenexistenz und es ist müßig, sich auszumalen, ob er jemals auf den Parnass gelangt wäre, wenn ihn, den Sohn eines jüdischen Gemeindearztes, nicht das Schicksal der Zwangsemigration ereilt hätte. Kramers Leben verlief über weite Strecken unstet und in prekären Verhältnissen. Nach der Heimkehr aus dem Ersten Weltkrieg, in dem er schwer verwundet worden war, brach er, immer von wirtschaftlichen Sorgen geplagt, sein Studium ab und verdingte sich als Hilfskraft in Buchhandlungen und Verlagen. In dieser Zeit ließ er mit ersten Gedichtveröffentlichungen aufhorchen. Damals trat er auch der »Vereinigung sozialistischer Schriftsteller« bei. Bis zu seinem Tod im Jahr 1958 konnte Theodor Kramer sieben Gedichtbände publizieren. Vier dieser Bände sind vor seiner Flucht erschienen, drei weitere während des Krieges (»Verbannt aus Österreich«, 1943) und in den ersten beiden Nachkriegsjahren. Bis zu seiner (vorübergehenden) Wiederentdeckung nach mehr als zehn Jahre wurde es dann still um ihn. Sein Gesamtwerk umfasst, folgt man den Angaben des rührigen Nachlassverwalters Erwin Chvojka, ungefähr 12.000 Gedichte und ist trotz der dreibändigen Ausgabe der »Gesammelten Gedichte« (1984-87) noch lange nicht erschlossen. Kramer war ganz offensichtlich ein geradezu manisch getriebener Autor mit einem Tagespensum von ein bis zwei Gedichten, bis ihn am Ende die Kraft verließ. Dieser obsessive Schreibdrang erklärt manche Schwächen des labyrinthischen, aber dennoch in sich stimmigen Werkes. 1983 hat der Carl Hanser Verlag unter dem Titel »Orgel aus Staub« in seiner verdienstvollen Entdeckungsreihe einen klugen Querschnitt der Lyrik von Theodor Kramer publiziert. Selbst das Nachwort von Hans J. Fröhlich, das sich dem Dichter aus der Perspektive der Fast-Zeitgenossenschaft nähert, aber konnte dessen Gedichte nicht zurückholen in die Gegenwart.

Manchmal wird der Band »Mit der Ziehharmonika« als das Hauptwerk Kramers bezeichnet. Das Buch war 1936, in der repressiven Endphase des österreichischen Ständestaates, mit Unterstützung von Freunden beim sozialdemokratischen Verlag Gsur u. Co. erschienen. Als Hauptwerk im Urteil der Kritiker fungiert es vermutlich deshalb, weil es die umfangreichste, zu Lebzeiten des Lyrikers herausgekommene Gedichtsammlung ist. Inhaltlich knüpft die Sammlung an die sieben Jahre zuvor bei Rütten & Loenig verlegte »Gaunerzinke« an. In fünf Kapiteln, die jeweils durch (Linol-)Schnitte von A. Groß eröffnet werden, enthält der Band, wenn ich richtig gezählt habe, 129 Gedichte. Das illustrative Beiwerk ist am Übergang vom Expressionismus zur Neuen Sachlichkeit angesiedelt und taucht ähnlich in den Lesebüchern der Zeit auf. Auch der Titel nimmt wie sein Vorgängerband eine populäre Anleihe beim Bänkelsang und bei jenem Balladenton, der nicht erst mit Bertolt Brecht in die moderne deutsche Literatur gekommen ist. Einige dieser durchweg gereimten Gedichte erinnern tatsächlich an die »Hauspostille«, andere an Jakob Haringer, den ewigen Vaganten, nur dass ihnen die Leichtigkeit fehlt, auch das freche, gelegentlich zynische Auftrumpfen. Theodor Kramer ist dafür viel zu sehr (und durchaus sentimental) in der heimatlichen Landschaft verankert, der er seine Gedichte widmet: im niederösterreichischen Wein- und Lößland, in der industriellen Brache der großen Städte, aber auch in der zu Ende gehenden, Armut schaffenden Welt der Kleinbauern, Handwerker und Handlanger. Gelegentlich nimmt das neue Zeitalter, das sich hier ankündigt, geradezu hilflose und skurrile Züge an, etwa wenn Kramer »Von den ersten Fahrrädern im Marchfeld« erzählt oder staunend festhält: »Die Motorräder, die aus frischen Fernen / der Stadt zu brausen, tragen schon Laternen.«

Der Autor hat das Buch mit einem Motto versehen, das ins Zentrum seiner Lyrik führt: »Für die, die ohne Stimme sind.« Noch genauer wird dies im Gedicht gleichen Titels ausgeführt: »…was spricht aus mir, /steht für die, die ohne Stimme sind. // Für des Lehrlings Schopf, / für den Wasserkopf, / für die Mütze in des Krüppels Hand, / für den Ausschlag rauh, / für die Rumpelfrau / mit dem Beingeschwür im Gehverband.« Man könnte diese Liste anhand der Gedichte noch beliebig verlängern: für die Kalk- und Ziegelbrenner, die böhmischen und slowakischen Knechte, die Weinmägde, die Rübenzupfer und Rohrschneider, für die Straßensänger, Kohlenschipper und Bürstenbinder, für die Ausgesteuerten. Zu diesen Menschen gehört das trostlose Szenarium der Landstraßen, der Zechen und Halden, der Gasometer und der kalten Schlote –und immer wieder die Sterbekammer. Die Empathie des Dichters, die das eigentliche Kennzeichen seiner Lyrik ist, gilt der erfrorenen Säuferin genauso wie dem Armen, der sich im Cafe‘ für den Stundensatz von einem Schilling einen zerschlissenen Winterrock ausleiht, oder dem Schneeschaufler, der sehnsüchtig den unerreichbaren Faschingskrapfen im Schaufenster betrachtet. Es ist die Zeit der großen Depression, die dieser Lyrik ihren Stempel aufdrückt, zusätzlich beglaubigt durch die schadhafte, unaufhaltsam zerrinnende Existenz des Autors. Keine Zeit für große Gedicht, oder doch? Manchmal, wie in den Versen vom Tod des jüdischen Hausierers Moses Vogelhut, gewinnen diese Texte eine Eindringlichkeit, die ihresgleichen sucht. Oder beim Crescendo der »Orgel aus Staub« an einem »Sonntag, für den, der nichts hat…«: Schade nur, dass kaum jemand noch Notiz nimmt von solchen Gedichten, die vieles, was gegenwärtig geschrieben wird, blass und erfahrungslos erscheinen lassen!
 

Dr. Erich Jooß. Foto: Volker Derlath

Dr. Erich Jooß. Foto: Volker Derlath

»Wiedergelesen« wird Ihnen von Erich Jooß präsentiert. Der Schriftsteller aus Höhenkirchen veröffentlicht neben eigenen Lyrikbänden auch Lyrikanthologien, Bilderbücher und Erzählbände. Jooß ist Vorsitzender des Medienrats in Bayern und Vizepräsident der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur. Zuletzt erschien von ihm »Am Ende der sichtbaren Welt« (Verlag St. Michaelsbund, München 2011).

Alle bereits erschienenen Folgen von »Wiedergelesen« finden Sie hier.

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