Wiedergelesen – Folge 20: »Schattenland Ströme« von Johannes Bobrowski

Literatur ist vergänglich, auch wenn sie sich, wie jede Kunst, gegen ihre Vergänglichkeit zur Wehr setzt. Trotzdem entschwinden Bücher in Archivbibliotheken. Auf einmal gehören sie nicht mehr zu unserem Erfahrungshorizont. Erich Jooß stellt an jedem 15. des Monats vergessene Lyrikveröffentlichungen in seiner Rubrik »Wiedergelesen« vor, die bewusst unsystematisch angelegt ist. Entdeckerfreude und persönliche Vorlieben sind ihm als Kolumnist von DAS GEDICHT blog wichtiger als literaturhistorische Zensuren.

 

Wer sich heutzutage auf die Gedichte von Johannes Bobrowski einlassen möchte, steht vor einem großen rezeptionsgeschichtlichen Sprung. So sehr sind diese Gedichte in ihrer (durchaus prekären) Entstehungszeit verwurzelt, dass sie die Leser kaum noch ohne Verständnishilfen erreichen. Bobrowski wurde 1971 in Tilsit geboren, er wuchs an der Memel auf, deren Nordufer eher litauisch und damit katholisch geprägt war, während das Südufer protestantisch-deutschen Charakter hatte. In diesem Kulturraum mit seinem Sprachengemisch musste der Dichter erleben, wie das alte, selbstverständliche Miteinander der Völker in einer »Geschichte aus Unglück und Verschuldung« zugrunde ging. Viele seiner Generation haben diese Erfahrung geteilt; bei Bobrowski, der die Kriegsjahre und die nachfolgende Gefangenschaft an der Wolga und am Don verbrachte, wurde sie zur zentralen poetischen Initiation. So verwundert es nicht, dass die Lyrik von Bobrowski einen schwermütigen Grundton hat und dort, wo sie das unwiderruflich Entschwundene ein letztes Mal und noch einmal herbeizitiert, zum magisch aufgeladenen Sprachgestus neigt. Im Internet kann man nachlesen, welche Verdikte dies ausgelöst hat, als der plötzliche Ruhm des Dichters ebenso plötzlich wieder abgeklungen war. Michael Braun beispielsweise konstatierte schon am Ende des vorigen Jahrhunderts im Deutschlandfunk, Bobrowskis Poesie gelte »nur noch als altes schweres Möbel der Poesie« und fügte sogar, weil das immer noch nicht genug an Abschreckung war, erklärend hinzu, der Lyriker sei »seit dem Erscheinen seiner ›Gesammelten Werke‹ im Jahr 1987 fast unauffindbar verschollen.«

Bei Wikipedia kann man nachlesen, dass Johannes Bobrowski seine ersten Gedichte 1944 in der Zeitschrift »Das Innere Reich« veröffentlicht hatte, kurz vor deren Einstellung. Der ideologische Schlingerkurs dieser Zeitschrift und ihre fatale Anbiederung an das NS-Regime verraten einiges über die Unmöglichkeit, mit einem Unrechtsstaat Kompromisse zu schließen. Für Johannes Bobrowski wie für Günter Eich und Karl Krolow ist das »Innere Reich« aber vermutlich die einzige Möglichkeit gewesen, ihren Gedichten überhaupt eine Öffentlichkeit zu verschaffen. Danach vergingen elf Jahre, bis Bobrowski mit neuen Gedichten in Peter Huchels Zeitschrift »Sinn und Form« aufhorchen ließ – auch Huchel hatte übrigens im »Inneren Reich« debütiert. 1961 erschien dann endlich in der Deutschen Verlagsanstalt in Stuttgart Bobrowskis erster Lyrikband »Sarmatische Zeit«, ein Jahr darauf kam »Schattenland Ströme« heraus. Ich konzentriere mich in diesem Blog auf den zweiten Band, obwohl beide Bücher thematisch und formal eng zusammengehören; im Grunde bilden sie e i n e n Lyrikkorpus. »Sarmatien« – das meint einerseits das in der Antike eher sagenhafte Land, das an Germanien und Dacien angrenzte. Es meint aber auch, geographisch bestimmter, die Region zwischen Wolga und Weichsel. Sie lieferte Johannes Bobrowski die literarischen Topoi, die Sehnsuchtsmetaphern, aus denen er seine imaginäre Landschaft baute. Gleichzeitig sind in diese Landschaft – sonst wäre Bobrowski ein nicht weiter beachtenswerter Heimatdichter gewesen – viele Schmerzlinien eingezeichnet, insbesondere die Verwüstungen durch den Naziterror und durch den Krieg. Darauf verweist bereits die dunkle, fast schwarze Einbandgraphik von »Schattenland Ströme«, eine Radierung, die Christoph Meckel, der Bobrowski eng verbunden war, beigesteuert hat. Seine Untergangskulisse ist eher einem bedrückenden Traum als einer greifbaren Wirklichkeit entsprungen. Die sarmatische Zeit, sie spielt sich ab im vergangenen, vom Dichter wiederbelebten Schattenland der Ströme und Wälder, der jüdischen Händler und der Zigeuner (damals noch unwidersprochen so gerufen), die auf kaum sichtbaren Lehmpfaden von einem kleinen Dorf zum anderen wanderten.

Mag sein, dass die Chiffre »Sarmatien« in den Gedichten auch mit der Flucht des Dichters aus der »politischen Gegenwart« zu tun hatte, wie Horst Bienek in seinem Nachwort zu dem 1978 erschienen Doppelband bei Heyne Lyrik mutmaßte. Aber Bienek ist selbst ein Vertriebener gewesen, der von seiner schlesischen Heimat nicht loskam. Deshalb hätte er eigentlich wissen müssen, dass die traumatischen Erfahrungen der Entwurzelung, wo sie literarisiert wurden, in vielerlei Gestalt zu uns sprechen. Gerade rückwärts gewandte Utopien können – vorausgesetzt: sie bleiben wahrhaftig(darauf komme ich noch zurück) – die Zerstörungen der Welt genauer als andere Utopien in den Blick nehmen. Bei Bobrowski geschieht dies auf dem stillen, weil unspektakulären Weg der »poetischen Landnahme« (Bienek). Eine abseitige Region, die das Fremde schlechthin verkörpert, wird mit Stichworten, mit poetischen Assoziationen ins Leben gerufen. Ihre vermeintliche Exotik entpuppt sich dabei als verlorene Nähe. Der Kunstgriff des Dichters besteht darin, dass er sich auf die Seite der Zurückgebliebenen schlägt, die im Mahlstrom der Zeit untergegangen sind. Anders ausgedrückt: Er ist ganz dort, wo er nie mehr sein kann und wird so zum Fürsprecher der Vergessenen. Das dürfte auch die Gruppe 47 gespürt haben, die ihm – zur Überraschung mancher – 1962 ihren Preis zuerkannte. Spätestens ab diesem Zeitpunkt war er ein gesamtdeutscher Autor, der mit der ideologischen Propagierung unterschiedlicher deutscher Literaturen erkennbar nichts anfangen konnte.

Eines seiner schönsten Gedichte, »DER WACHTELSCHLAG«, entwickelt sich – wie viele Gedichte Bobrowskis – aus lyrischen Reihungen. Der Text handelt, auch darin charakteristisch für den Dichter, vom Licht. Im Traum ist das Licht »wie Salz, gebrochen und bläulich«. Gleichzeitig aber lässt es sich nicht denken ohne die Dunkelheit; beide treffen aufeinander in dem Satz »ich hörte / aus der Finsternis / ›Lobet Gott‹.« Die Verheißungen des Glaubens sind der Rettungsanker in den Gedichten von Bobrowski, der ein bekennender evangelischer Christ war. Agnostikern dürfte das Werk des Dichters deshalb eher suspekt sein. Wer dagegen ein religiöses Sensorium mitbringt und vielleicht auch die geistliche Odendichtung von Friedrich Gottlieb Klopstock kennt, stößt bei dessen Nachfahr, dem in den Katastrophen des 20. Jahrhunderts gebeutelten Johannes Bobrowski, auf Verse, die tief berühren, zum Beispiel in einem Ostergedicht mit typischen Zeilenbrechungen: »es ist / erstanden der Herr, so ruft, / Augen, ruft, Wange, ruf, Mund, / ruf Hosianna.« Dagegen werden Leser, die die Sprache der Bibel nicht mehr kennen, vielleicht eher von der »Landschaftsmusik« der Gedichte eingefangen. Interpreten wie Rolf Haufs zogen dafür die Märchenwelt Chagalls als Analogie heran. Aber Sarmatien ist bei Bobrowski nur selten ein Märchenland. Viel häufiger strahlt es eine tief melancholische, oft verzweifelte Stimmung aus: hervorgerufen durch dunkle Moorwälder und die Stimmen der Käuzchen, durch reglose Gewässer, einen Himmel, den die Feuer durchzucken, verlassene Siedlungen und »Mauern im Krähenschatten«. Die Landschaft zerfällt in lauter lyrische Findlinge, sie hat etwas Zeichenhaftes, ist Spiegel einer wiedererwachten Kindheit und schon im nächsten Atemzug Spiegel ihrer Zerstörung. Was Bobrowski erblickt, das sieht er – ein wiederkehrendes, programmatisches Wort bei ihm – »augenlos«; was er hört, ist in Wahrheit »unhörbar«. Der Erzähler, der Sarmatien noch einmal heraufbeschwört, redet – Paradoxon dieser Lyrik – »ohne Stimme«.

Das Schattenland, so traumentrückt und wie erfunden es heutigen Lesern erscheinen mag, lässt sich nicht denken ohne die Menschen, die dieses Land geprägt haben. Selbst wo ihre Spuren schon lange verweht sind, erkennt sie der Dichter wieder. Johannes Bobrowski hat aber auch dezidiert biographische Gedichte geschrieben; er ist darin ein großer Meister. Sein erster Lyrikband enthält, manchmal mit Zitaten unterlegt, Porträts von Nelly Sachs, Gertrud Kolmar und seiner »Schwester«, so spricht er sie an, Else Lasker-Schüler. Ihn interessiert, wie Clemens Brentano in Aschaffenburg, wie Friedrich Hölderlin in Tübingen gelebt hat. Erschütternd sind diese Gedichte vor allem dann, wenn sie sich der menschengemachten Hölle aussetzen. In »HOLUNDERBLÜTE« tritt Isaak Babel auf: »Bei dem Pogrom, / als ich Kind war, / meiner Taube / riß man den Kopf ab.« Das Gedicht endet mit den Zeilen: »Es kommen die jungen Menschen, / ihr Lachen wie Büsche Holunders. / Leute, es möchte der Holunder / sterben / an eurer Vergeßlichkeit.« Gegen diese Vergesslichkeit schrieb Johannes Bobrowski leidenschaftlich an. Er setzte der verlorenen Heimat auch in berühmt gewordenen Romanen (Levins Mühle, 1964; Litauische Claviere, 1966) ein literarisches Denkmal. Nach seinem überraschenden Tod am 2. September 1965 erschienen aus dem Nachlass noch zwei weitere Gedichtbände von ihm (Wetterzeichen, 1966); Im Windgesträuch, 1970). Beim Lesen dieser Bände drängt sich der Eindruck auf, dass der früh verstorbene Dichter seine poetische Welt zur Gänze ausgeschritten hat und ihm danach vielleicht nur noch Wiederholungen möglich gewesen wären.

 

Dr. Erich Jooß. Foto: Volker Derlath

Dr. Erich Jooß. Foto: Volker Derlath

»Wiedergelesen« wird Ihnen von Erich Jooß präsentiert. Der Schriftsteller aus Höhenkirchen veröffentlicht neben eigenen Lyrikbänden auch Lyrikanthologien, Bilderbücher und Erzählbände. Jooß ist Vorsitzender des Medienrats in Bayern und Vizepräsident der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur. Zuletzt erschien von ihm »Am Ende der sichtbaren Welt« (Verlag St. Michaelsbund, München 2011).

Alle bereits erschienenen Folgen von »Wiedergelesen« finden Sie hier.

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