Wiedergelesen – Folge 21: »Gedichte« (Sonette, Lieder, Reden und Rufe) von Jesse Thoor

Literatur ist vergänglich, auch wenn sie sich, wie jede Kunst, gegen ihre Vergänglichkeit zur Wehr setzt. Trotzdem entschwinden Bücher in Archivbibliotheken. Auf einmal gehören sie nicht mehr zu unserem Erfahrungshorizont. Erich Jooß stellt an jedem 15. des Monats vergessene Lyrikveröffentlichungen in seiner Rubrik »Wiedergelesen« vor, die bewusst unsystematisch angelegt ist. Entdeckerfreude und persönliche Vorlieben sind ihm als Kolumnist von DAS GEDICHT blog wichtiger als literaturhistorische Zensuren.

 

Zum ersten Mal aufgefallen ist mir Jesse Thoor in Anthologien, die die lyrische Ernte der ersten Nachkriegsjahre einfuhren. Damals hatte die Lyrik noch einen anderen Stellenwert in der Konkurrenz der literarischen Gattungen und sie schien auch deutlich stärker als die erst zaghaft einsetzende Romanproduktion den Neubeginn nach dem kulturellen Kahlschlag der Faschisten zu markieren. Es dauerte ein Zeitlang, bis dieser Befund hinterfragt wurde und die durchaus »gemischte Vergangenheit« vieler Lyriker zutage trat, die sich nach dem Zusammenbruch des NS-Staates auf ihre innere Emigration in der Unrechtszeit beriefen. Erst mit Verzögerung wurde die Moderne – nicht zuletzt durch Hans Magnus Enzensberger – in die deutsche Lyrik hereingeholt und veränderte sie tiefgreifend. Die wirklichen Emigranten aber blieben weiterhin seltene Gäste in den literarischen Sammlungen, von den Anthologisten allenfalls aus moralischer Verlegenheit geduldet. So ein Fall ist auch Jesse Thoor. Dabei hat es an Versuchen, den Autor wieder ins literarische Bewusstsein zu rücken, nicht gemangelt – übrigens bis heute nicht. 1939 waren erstmals sechs Gedichte von ihm in der Exilzeitschrift »Maß und Wert« erschienen. Thomas Mann gehörte zu seinen Förderern, Franz Werfel besorgte ihm ein Stipendium in der Fremde, ein so unbestechlicher Schriftsteller wie Elias Canetti bewunderte seine Gedichte. Aber kaum jemand schien sich für dieses Lob zu interessieren und die schmalen Nachkriegsausgaben seiner Lyrik beim Nest-Verlag (1948), bei Lambert Schneider in Heidelberg (1958) und in der Stierstädter Eremiten Presse (1958) verharrten unter der Aufmerksamkeitsschwelle der Feuilletons. Daran änderte auch die erste Werkausgabe nichts, die Michael Hamburger 1965 in der Europäischen Verlagsanstalt besorgt hatte. Was er dort vom Leben des Jesse Thoor erzählte, bildet bis heute das biographische Gerüst, an dem sich alle nachfolgenden Herausgeber orientierten. Auch Peter Hamm stützte sich darauf. Er hat im Band 424 der Bibliothek Suhrkamp (1975) seiner knappen Gedichtauswahl, kaum mehr als sechzig Seiten, ein opulentes, dreißigseitiges Nachwort spendiert. Darin ordnet er den Dichter irgendwo zwischen Christine Lavant und Angelus Silesius, zwischen William Blake und Simone Weil ein. Andere fühlten sich bei der Lektüre der Gedichte eher an den Schuhmacher Jakob Böhme erinnert. Der Ruf, ein verspäteter Mystiker zu sein, der sich ganz zurückzog in seine innere, religiöse Welt, war und ist wohl das entscheidende Hemmnis für die längst überfällige Wiederentdeckung von Jesse Thoor. Dagegen vermochte auch Paul Konrad Kurz nichts auszurichten, der an den Autor in der leider folgenlosen Sammlung bei Herder »Psalmen vom Expressionismus bis zur Gegenwart« (1978) mit vier Preisgedichten erinnerte, darunter die überwältigende »Adventsrede«.

Geboren wurde der Dichter als Peter Karl Höfler am 23. Januar 1905 in Berlin – »unter Schmerzen im Schatten einer Monarchie«, wie er später schrieb. Seine Eltern waren aus Oberösterreich zugezogen; der Vater, ein in das Industrieproletariat abgesunkener Handwerker, wanderte schon bald wieder zurück mit seiner Familie. Der Sohn lernte Feilenhauer und hielt sich in wechselnden Professionen als Tischler, Bildhauer und Silberschmied über Wasser; zeitweise war er auch Vertreter oder Heizer in der Küstenschifffahrt. Er bereiste halb Europa. Rückblickend wird er deshalb gern zu den »Vaganten« unter den Lyrikern gezählt und in einem Atemzug mit Jakob Haringer und Theodor Kramer genannt. Während diese aber Gedichte in (Über-)Fülle schrieben und sie gleichsam »unterwegs« verteilten, ist Jesse Thoor eher ein schwer zugänglicher, kreativer Zauderer geblieben. Manchmal kann man fast den Eindruck gewinnen, dass er die Ausdrucksform des Gedichts nur für sich entwickelt hat und sie zur Selbstvergewisserung in einer unbeständigen Welt, später auch zur mystischen Rettung seines gefährdeten Lebens nutzte. Im Übrigen ist die Unstetigkeit, die sein Leben charakterisiert, eine Signatur der Zeit: die Folge des Kriegstraumas, der großen wirtschaftlichen Depression und der Diktaturen, die daraus entstanden. Das erfahrene Elend veranlasst Jesse Thoor immer wieder zu schonungslosen Selbstporträts: »ein krummer Hund, vom Leben arg zerfressen und verschabt«, so beschreibt er sich im fünften Irrenhaussonett und ein andereses Lied, die »Rufe zur Nacht«, beginnt mit den Zeilen »Ich, der Dichter Jesse Thoor – / dem Zünglein, Zeh und Ohr / und die Seele fror!«

Solche liedhaften Zeilen erinnern an die Anfänge des Dichters, als dieser noch einen frechen und sentimentalen Coupletstil pflegte, wenn er beispielsweise einem Fünfzigpfennigstück (»Du kleiner Vagabund«!) seinen zärtlichen Dank abstattete: »Ich hielt dich gleichsam staunend und verängstigt in der Hand. / Das Mondlicht hing im Fenster mit vergilbten Flocken // und malte Schäfchen und Klabautermänner an die Wand. – / Da saß ein Kindertraum dabei und summte fast erschrocken / das Lied vom Glück, vom Glück – und von zwei warmen Socken…« Zugegeben, das klingt noch arg konventionell und es bedurfte einiger Not- und Fluchtjahre, bis aus dem etwas selbstverliebten Wanderpoeten ein großer, von Sprachlosigkeit heimgesuchter Dichter und Mystiker wurde. Da hatte sich der wagemutige Kletterer, der heimlich auf unwegsamen Dächern rote Fahnen hisste und trotzdem dem bäuerlichen Katholizismus der Eltern verbunden blieb, längst aus Nazideutschland abgesetzt. Zunächst kam er bei seiner Tante Josefine Matschl in Wien unter, floh dann nach dem Anschluss von Österreich weiter in die Tschechoslowakei und erhielt schließlich 1938 die Einreiseerlaubnis nach England. Während der Exiljahre legte er sich den Künstlernamen Jesse Thoor zu – ein Pseudonym, mit dem er gleichzeitig an den germanischen Donnergott Thor und an den Propheten Jesaja erinnern wollte. Die Mahner- und Ruferfunktion des Dichters in einer finsteren Zeit nimmt er jetzt so ernst wie kaum ein anderer Exilautor. Er wählt dafür die Form des Sonetts, freilich eines Sonetts, das bei ihm das strenge, jahrhundertelang angewandte Sprach- und Rhythmusschema bis ins Äußerste zerdehnt, ja aufsprengt. »Die Freiheit«, so heißte es nun bei ihm, »ist durchaus nicht mehr mein Argument.« An ihre Stelle tritt ein ganz eigenständiger, zutiefst persönlich erfahrener Glaube, jenseits kirchlicher Leerformeln. Da hat dann vieles Platz: die besorgte Zuwendung zum stets gefährdeten Menschen (»Der du ein Blinder in der Nacht…«) genauso wie das Marienlob (»Oh du Amsel meines Herzens«), der Advent mit seinem Heilsversprechen (»Und wir verlassen uns auf das Dach, das keinen Regen durchläßt. / Und wir vertrauen dem Stuhl, der fest steht, und der uns trägt.«) genauso wie die Seligpreisungen (»Selig ist das Licht über allen Dingen ohne Anfang und ohne Ende.«). Manchmal, wenn der Dichter überwältigt wird von seinen visionären Bildern, nimmt der sprachlos Gewordene auch Zuflucht zu Strichen und Punkten. Jesse Thoor ist am 15. August 1952 im osttirolischen Lienz gestorben. Es war nach dem Krieg der zweite Aufenthalt in der verlorenen Heimat. Schon lange davor hatte er sich freilich für eine andere Heimat entschieden: »Werde nach Hause wandern, / und barfuß ankommen.« Mittlerweile das Gesamtwerk des Dichters in einem Band mit 397 Seiten bei Wallstein (Göttingen 2013) vor. Michael Lentz hat dazu einen Essay beigesteuert, der vor allem der Frage nachspürt, auf welche einzigartige Weise sich bei Jesse Thoor das Poetische mit dem Religiösen zum Mystischen verdichtet. Die Abschlussstrophe aus dem »Schlafsonett« ist ein Beleg dafür: »Denn Licht und Dunkelheit sind in mir zusammengeschlagen. / Hell sind meine Ohren. Und in meinen Augen friert die Nacht. / Und müde bin ich wie der Schläfer, der im Traume seufzt und lacht.«

 

Dr. Erich Jooß. Foto: Volker Derlath

Dr. Erich Jooß. Foto: Volker Derlath

»Wiedergelesen« wird Ihnen von Erich Jooß präsentiert. Der Schriftsteller aus Höhenkirchen veröffentlicht neben eigenen Lyrikbänden auch Lyrikanthologien, Bilderbücher und Erzählbände. Jooß ist Vorsitzender des Medienrats in Bayern und Vizepräsident der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur. Zuletzt erschien von ihm »Am Ende der sichtbaren Welt« (Verlag St. Michaelsbund, München 2011).

Alle bereits erschienenen Folgen von »Wiedergelesen« finden Sie hier.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.