Wiedergelesen – Folge 33: »Der irdische Tag« und »Rabe, Ross und Hahn« von Georg Britting oder der schwarze, singende Regen

Literatur ist vergänglich, auch wenn sie sich, wie jede Kunst, gegen ihre Vergänglichkeit zur Wehr setzt. Trotzdem entschwinden Bücher in Archivbibliotheken. Auf einmal gehören sie nicht mehr zu unserem Erfahrungshorizont. Erich Jooß stellt an jedem 15. des Monats vergessene Lyrikveröffentlichungen in seiner Rubrik »Wiedergelesen« vor, die bewusst unsystematisch angelegt ist. Entdeckerfreude und persönliche Vorlieben sind ihm als Kolumnist von DAS GEDICHT blog wichtiger als literaturhistorische Zensuren.

 

Gedichte von Georg Britting gehörten einmal – von den fünfziger bis weit in die siebziger Jahre hinein – zum Lyrikkanon der deutschen Moderne. Besonders in Bayern war Britting als Lesebuchautor gesetzt. Dabei beschränkte sich die Auswahl aus seinem umfangreichen Werk fast immer auf die Gedichte und Erzählungen des Erfolgsbändchens »Die kleine Welt am Strom«, das schon im Erscheinungsjahr 1933 zum poetischen Markenzeichen des Dichters wurde. Die damit einhergehende thematische Verengung entsprach dem Zeitgeist und verschaffte Georg Britting während der Naziherrschaft den Status eines unpolitischen Naturlyrikers, den er mit gelegentlichen Ergebenheitsadressen an das Regime absicherte. Heutzutage wissen wir aus leidvoller Erfahrung, wie politisch gerade das Unpolitische sein kann. Der Frontoffizier Britting begann nach der Rückkehr aus dem ersten Weltkrieg seine literarische Karriere als verspäteter Expressionist. In meiner Bibliothek steht der Band »Der verlachte Hiob«, 1921 beim Darmstädter Arkadenverlag als Erstling des Autors erschienen. Er enthält sieben sehr kurze Erzählungen, eher dramatisch bewegte Skizzen, die schon mit Titeln wie »Die Irren«, »Kain« oder »Totentanz« auf ihre expressionistische Herkunft verweisen. Hier zeigt sich Britting, wie später noch öfters, als Theatermensch; er schildert eine von Gewaltexzessen geprägte Welt, impulsiv, triebhaft und rauschhaft. Hiob, »der dreckige, alte Jude«, wird auf seinem faulenden Strohhaufen von fremden Männern verspottet. Sogar seine Tochter wendet sich ab und folgt den Männern: »Ein prasselndes Lachen fetzte in seine Dunkelheit, steil stieg darüber das silberne des Mädchens in den hitzigblauen Himmel.« Fulminanter kann eine Erzählung kaum enden, auch wenn sie Fragment blieb…

Damit war die expressionistische Phase von Britting aber noch nicht abgelaufen. Sie ist am Ende der Zwanziger Jahre immer noch spürbar im »Märchen vom dicken Liebhaber«, das man auch als Vorstufe oder Nebenprodukt lesen darf zu dem Roman »Lebenslauf eines dicken Mannes, der Hamlet hieß« (1932). Beide Texte sprengen den zeitgenössischen literarischen Rahmen. Während das Sommermärchen sprachlich und inhaltlich weit ins Phantastische ausgreift und die biedere Kleinstadtwelt , sprich: die »Dame in weißer Bluse und mit weißem Hals« der faunisch-dämonischen Welt des bocksfüßigen Pan ausliefert, gerät der Roman ganz in den Sog einer darwinistisch beeinflussten, von Naturmetaphern überwucherten Sprache. Idylle und Katastrophe sind hier sehr eng verschwistert. Sowohl das Märchen wie der Roman ragen erratisch aus der zeitgenössischen Literaturproduktion heraus und entziehen sich allen Vergleichen. Umso mehr überrascht, dass die Lyrik von Georg Britting ebenso wie seine weiteren, novellistisch strukturierten Erzählbände hinter diese Schaffenshöhepunkte zurückfallen und auf den ersten Blick formal eher gemäßigt anmuten. Um Missverständnisse zu vermeiden: Im Vergleich mit dem, was sonst zwischen 1930 und 1955 bei uns veröffentlicht wurde, sind diese Bücher immer noch bemerkenswert und verraten eine eigenwillige poetische Handschrift und stilistische Sicherheit jenseits des damaligen literarischen Mainstreams in Deutschland. Erklärungen für den literarischen Rückschritt, sofern man ihn als solchen bezeichnen will, gibt es gleich mehrere: Wie alle Schriftsteller, die nach 1933 in Deutschland weiterschrieben, blieb Britting von der Entwicklung der modernen Literatur abgeschnitten. Im geistigen Unheilsklima der Faschisten gab es keine kreativen Impulse von innen, geschweige denn von außen, lediglich Stillstand oder Regression. Vielleicht noch entscheidender für die Engführung im Werk Brittings war die schon während der Zwanziger Jahre auffällige Abwendung von der Großstadtliteratur, die mit dem hektischen Moloch Berlin gleichgesetzt wurde, und in vielen Büchern ein ostentatives Interesse für vorstädtische Themen und Szenarien zur Folge hatte. Bei Britting, der schon aus Gründen des Selbstschutzes nie ein bayrischer Autor sein wollte, weil er die damit verbundenen Klischees fürchtete, überwogen seitdem trendkonform die historischen und die kleinbürgerlich-regionalen Sujets. Aus dem wilden, ungezähmten Erzähler wurde ein stiller Beobachter, der jenseits von Geld und Kommerz in seinen Gedichten festhielt, wie sich die Natur dem menschlichen Blick unterwirft – und ihn gleichzeitig ihrerseits determiniert.

Zwei Lyrikveröffentlichungen haben das Bild Brittings in der Literaturgeschichte entscheidend geprägt. Da ist zunächst »Der irdische Tag«, eine Sammlung von mehr als hundert Gedichten, teilweise aus früheren Veröffentlichungen zusammengestellt und 1935 herausgekommen im Albert Langen – Georg Müller Verlag in München. Damals war das eine durchaus respektable literarische Adresse, freilich mit einer den Zeitläuften geschuldeten nationalkonservativen Schlagseite. Britting, der bereits 1919 lapidar formuliert hatte »Im tiefsten Grund meines Herzens ist mir Politik sauwurst«, zieht sich in seinem Lyrikband von 1935 auf »Regenlieder« und Gedichte über die Donaulandschaft zurück; er beobachtet die Jahreszeiten und schreitet den weihnachtlichen Festkreis aus. »Ich bin Atheist, aber selbstverständlich katholisch« – dieses Notat von Maurois hatte er sich bereits frühzeitig zu eigen gemacht. Jetzt wird es in Gedichten wie »Die heiligen drei Könige« oder »Mitten im Föhrenwald« übersetzt in eingängige Strophen für Leser, die noch empfänglich sind gegenüber dem Zauber des christlichen Geburtsfestes. »Der irdische Tag« ist freilich auch »der untere Tag« mit »dem lärmenden Schlag des unbehausten, flüchtigen Kuckucks« und mit der »Bitterkeit des Winters«. Ein »schwarzer, singender Regen stürzt / Schrägher über das Haus« und der »Hahn, rotspornig und blaugeschwänzt« rennt »In den Brunnenschatten und schreit«. Die Welt in Brittings Gedichten kennt allenfalls »Radfahrerlaternen«, aber noch keine Automobile, obwohl bereits Autobahnen aus militärischen Gründen gebaut werden. Stattdessen ducken sich die Pferde unter den scharfen Hieben der Fuhrleute und der »Windriese« trägt »auf breiten Schultern den Regenkrug«. Kein Zweifel, der »Bayerische Sonntag« gibt hier noch den (Glocken-) Ton an. Trotzdem besteht »Die kleine Welt in Bayern« aus mehr als nur der funkelnden »Mütze« des Regensburger Doms. Es ist dies auch ein Land, in dem »die Vögel aus den Nestern fallen« und das Unbedeutende zum Spiegel des Schrecklichen werden kann: »Ein großes, schweflich gefärbtes, / Pockennarbig gegerbtes / Blatt peitscht der Regen vom Stamm: / Da liegt es und hebt sein verderbtes / Gesicht aus dem Strassenschlamm.«

Curt Hohoff wies in einem Vortrag, den er am 27. April 1967, dem dritten Todestag von Georg Britting, in der Bayerischen Staatsbibliothek hielt, auf die Lieblingstiere des Dichters hin. Sie haben eine »fast heraldische Bedeutung« und erinnern mitunter an die »alten Totem- und Göttertiere«, auch an die sprechenden Tiere des Märchens. Zu diesen Lieblingstieren gehört vor allem der Hecht, der »Raubritter«, dem er ein berühmtes, immer noch fesselndes Gedicht gewidmet hat: »Zwischen Kraut und grünen Stangen / Jungen Schilfs steht der Hecht, / Mit Unholdsaugen im Kopf, dem langen, / Der Herr der Fische und Wasserschlangen / Mit Kiefern, gewaltig wie Eisenzangen, / Gestachelt die Flossen: Raubtiergeschlecht.« Die weitere Trias von Lieblingstieren »Rabe, Roß und Hahn« brachte es sogar zum Titel des nächsten Gedichtbandes, den Britting 1939 publizierte. Der Dichter, so scheint es, hat nun endgültig seinen eigenen Ton gefunden. Wieder fällt auf, wie sehr Georg Britting in den Gedichten ein (Stimmungs-)Maler ist, der das Licht mit seinen Schattierungen manchmal feierlich, dann wieder resignativ gegen die Dunkelheit aufruft. Mehr noch als die Sonne steht der Mond im Zentrum dieser Gedichte: »Aber wenn er im kalten Winter sich zeigt, / Ist er klein und weiß, / Wie eine Lampe aus Eis / Hoch in die frierende Bläue gestellt.« Auffällig und eine eigene Analyse wert ist das ambivalente Verhältnis von Britting zu Italien, das bis zum »Überdruß des Südens« führt, den allerdings ein Dichter formuliert, der sich selbst im gleichen Gedicht als »finstern Vogel, Uhu, Nachtgetier« beschreibt. Wer die beiden Lyrikbände, die in Antiquariaten immer noch greifbar sind, zu lesen beginnt, wird auf viele Widersprüche stoßen und gleichzeitig der Bildkraft des Dichters und seinem Sprachgefühl Bewunderung nicht versagen können. Für Interessiert gibt es neben den Einzelbänden auch Sämtliche Werke in fünf (eigentlich sechs) Bänden mit einem unterschiedlich aussagekräftigen Apparat, weil diese Ausgabe aus Gründen, die hier nicht weiter erörtert werden können, in zwei sehr disparate Teile auseinanderfällt. Ein letzter Hinweis noch: Einem äußerst formbewussten und formstrengen Dichter begegnet der Leser in dem Band »Die Begegnung« (1947) mit den »Todsonetten«. Man kann diese Gedichte als eine distanzierte Antwort auf die Katastrophe des zweiten Weltkrieges lesen, aber sie bleiben auch jenseits solcher Erfahrungen für uns Heutige fremd und anziehend zugleich und machen den Autor noch mehr zu einem Rätsel.

 

Dr. Erich Jooß. Foto: Volker Derlath

Dr. Erich Jooß. Foto: Volker Derlath

»Wiedergelesen« wird Ihnen von Erich Jooß präsentiert. Der Schriftsteller aus Höhenkirchen veröffentlicht neben eigenen Lyrikbänden auch Lyrikanthologien, Bilderbücher und Erzählbände. Jooß ist Vorsitzender des Medienrats in Bayern und Vizepräsident der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur. Zuletzt erschien von ihm »blues in der früh« (Ed. Toni Pongratz, Hauzenberg 2015).

Alle bereits erschienenen Folgen von »Wiedergelesen« finden Sie hier.

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