Zwei Gedichte zu »30 Jahre Mauerfall«: ein lyrisches Innehalten am heutigen Jubel-9.-November

 

Sabine Minkwitz

Sesam, Märchen

Die Mauer war da
betoniertes System
Aber von beiden Seiten
rannten wir an gegen sie

Dann hatten wir das Wort
unverzüglich und das Tor
öffnete sich endlich
brandenburgisch

© Sabine Minkwitz, Erkrath

 

Maik Lippert

Herbert Wehner für immer

Damals am 19. März 1970
Gehörte mein Vater nicht
Zu den Willy-Rufern
Unterhalb vom Fenster im Erfurter Hof,
Sondern rückte Getränkekästen
Im Dorfkonsum,
Bis der Gemeindearbeiter erschien:
Schon gehört?
Für Vater war aber Herbert Wehner der einzige,
Der noch glaubwürdig die Faust ballen konnte.
Gegen Bonzen in Ost und West,
Wollte Vater gerade sagen.
Da sprang Mutter bereits dazwischen:
Keine Politik. Als Verkaufsstellenleiterin
Bin ich hier für die Zufriedenheit
Der Werktätigen verantwortlich.
Fünf Helle, oder?

Das zweite Mal nach Erfurt kam Willy Brandt
Zwanzig Jahre zu spät
Für meinen Vater.
Als Heizer in der Zuckerrübenfabrik
Führte ihn stetig die Leiter
Hinab in den sich leerenden Kohlenbunker.
Die letzten Stufen stolperte er und stürzte.
Das Reservefläschchen genügte schon lange nicht mehr
Gegen den Druck in der Schädeldecke.
Gespannte Kapillaren
Bis zum Zerreißen.
Zwischen den Buchdeckeln von zwei Bänden Strittmatter
Hinterließ er uns Kohlenstaub.

© Maik Lippert, Berlin

 

DAS GEDICHT 26 kennt als wahrhaftige Wende-Ausgabe kein echtes Vorne oder Hinten. Anstoß für sie war das Jubiläum »30 Jahre Mauerfall«.

Heute ist bekanntermaßen ein besonderes rundes Jubiläum zu feiern: Auf den Tag genau vor 30 Jahren ist die Berliner Mauer gefallen. Aus diesem Anlass gibt es hier zwei »Wende«-Gedichte, die zugleich vier Perspektiven abdecken: männlich und weiblich, West und Ost.

Entnommen sind beide Poeme aus DAS GEDICHT 26 zum Thema »Wende«, herausgegeben von Melanie Arzenheimer und Anton G. Leitner, mit einem Kinderlyrikteil von Uwe-Michael Gutzschhahn (ebenso wie auch schon die Poeme aus unserem Sechs-Gedichte-Special zum diesjährigen Tag der Deutschen Einheit). In der aktuellen Ausgabe unserer Poesie-Jahresschrift geht es dabei nicht nur um die politische Wende, wenngleich diese und ihr besonderer Jahrestag der Aufhänger für das Thema waren und sie auch lyrisch aus den unterschiedlichsten Perspektiven dargestellt wird. Kipp-Punkte in allen Lebens- und Sprachbereichen werden hier mit den Mitteln der Poesie untersucht. Aufgeteilt ist die Publikation, die kein klares Hinten oder Vorne kennt, da sie von beiden Seiten aus gelesen werden kann, in zwei große Blöcke, genannt »Der Poetische Dreh« und »Wendepunkte«.  (jeh)

 

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