Der Poesie-Talk – Folge 10: Franziska Röchter im Gespräch mit Ralf Liebe

Werk, Wirkung, Wirklichkeit: Am 22. jeden Monats unterhalten sich im losen Wechsel GEDICHT-Herausgeber Anton G. Leitner und die Bloggerin Franziska Röchter mit Schriftstellern und Literaturvermittlern über ihre Arbeit und ihr Leben.

 

Ralf Liebe ist Drucker, Setzer, Buchbinder, Verleger und Autor

Lieber Ralf Liebe, in den digitalen Medien beschreiben Sie die Aufgabe Ihres Verlages folgendermaßen: „Der Kampf gegen die Dummheit hat gerade erst begonnen.“ Das passt natürlich aktuell besonders gut. Womit genau haben Sie in jüngster Zeit versucht, die Dummheit zu bekämpfen?

Reines „Lesefutter“ habe ich wohl nie verlegt

Derzeit arbeite ich mehr am Projekt „Vermehrt Schönes“ – wobei dies wohl auch ein stetiger Beitrag im Kampf gegen die Dummheit ist. Und vielleicht „kämpfen“ ja auch alle Bücher, die ich je gemacht habe, immerzu gegen die Dummheit. Zumindest fällt mir spontan keines „meiner“ Bücher ein, das einfach nur so gelesen oder angeschaut werden kann. Letztendlich ist es bei jedem von denen nötig, selber zu denken, reines Lesefutter habe ich wohl nie verlegt.

Ralf Liebe

Ralf Liebe / Foto: privat

Des Weiteren heißt es über Ihr Programm: „Bücher jenseits von Gut und Böse oder vielleicht doch eher einfach nur Abseits vom Mainstream …“ Das klingt sehr sympathisch. Welches Buch aus Ihrem Programm fällt am meisten aus der Norm?

Von der Form her? Wohl das RaumPoem „Das Material des Sanddornschattens“ von Volker Demuth. Vom Layout her? „Sammeln und Lesen“, eine Bibliographie über die Bücher von H.C. Artmann (eine Auftragsarbeit für die Universitäts- und Stadtbibliothek Köln). Inhaltlich? „Die Geschichte eines Mordes“ von Ernst Kaiser.

Buchcover "Das Material des Sanddornschattens" von Volker Demuth

Buchcoverabbildung (Verlag Landpresse)

Buchcover "Die Geschite eines Mordes" von Ernst Kaiser

Buchcoverabbildung (Verlag Ralf Liebe)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wo oder unter welchem Pseudonym finde ich einen möglichen Autor Ralf Liebe? Schließlich haben Sie einen hochpoetischen Namen, außerdem habe ich den Eindruck, dass so ziemlich alle Verleger selbst in verschiedenen Bereichen als Autoren tätig sind? Zu Ihrer Person stoße ich auf den Titel „Das Fragezeichen-Paket“, der aber wiederum Fragen aufwirft.

„Das Fragezeichenpaket“ war „nur“ eine Art Wundertüte aus dem Programm des Verlages, so als Verkaufsmaßnahme. Geschrieben habe ich bisher ganz wenig, genau gesagt ein Kinderbuch („Minna Spaghetti“), ein Gedicht („Was vom Wege übrig blieb“, zu finden in „Versnetze_sieben“), sowie ein paar Essays (zuletzt „Vom richtigen Umgang mit Freunden“, in „… wenn ich mir was wünschen dürfte … – Impulse für eine Demokratie der Moderne“).

Was hat Sie 1987 mit gerade mal 22 Jahren dazu bewogen, sich als Drucker selbstständig zu machen?

Meine Unfähigkeit, mich unterzuordnen sowie die Möglichkeit durch die Mithilfe meines Elternhauses.

Wieviel Titel bringen Sie durchschnittlich pro Jahr heraus und wieviel fleißige Helfer kommen dabei ins Spiel?

So acht bis zwölf Titel pro Jahr – und dabei helfen so drei bis acht Leute.

Irgendwoher muss das Geld ja kommen.

Wie „independent“ ist Ihrer Meinung nach ein Verlag, der bestimmte Kriterien erfüllen muss wie z.B. Mitglied in diversen Vereinigungen zu sein, um wiederum in Kreise aufgenommen zu werden, die diverse Anliegen der Independents gemeinsam vertreten?

In einem mehr oder weniger kapitalistischen Wirtschaftssystem ist Unabhängigkeit überbewertet. Irgendwoher muss das Geld ja kommen, mit dem man es sich ermöglicht, Bücher zu machen und zu verlegen. Die einen machen Kompromisse beim Programm (ich zum Beispiel), die anderen hängen am Förderungstropf, wieder andere gehen ganz banal pleite. Verlegervereinigungen sind meines Erachtens zwitterhafte Verbindungen, einerseits weiß man, dass man alleine noch weniger Aufmerksamkeit erhält, andererseits ist jede dem Kollegen zugedachte Aufmerksamkeit eine, die man nicht selbst erhalten hat.

Mit 26 Jahren lernten Sie den bekannten Lyriker und nimmermüden Herausgeber Axel Kutsch kennen. In welcher Weise war diese Begegnung schicksalhaft und richtungsweisend für Sie?

Buchcover "Versnetze_zwölf", herausgegeben von Axel Kutsch

Buchcoverabbildung (Verlag Ralf Liebe)

Nun, als Schüler eines Gymnasiums war mir (ver-)bildungsmäßig die Lyrik von Natur aus verhasst. Dass ich also mal als Lyrikverleger in die Geschichte eingehen werde, ist ausschließlich der Verdienst von Axel.

Die Entwicklung Ihres Verlages liest sich schon sehr erbaulich. Im vergangenen Jahr feierte der Verlag Ralf Liebe sein 25-jähriges Jubiläum. Sie selbst lassen ja verlauten, dass Sie damals – 26-jährig – gar nicht so viel Know-how besaßen, sondern an der Verlegerei gewachsen sind und sich stetig weiterentwickelten. Sie räumen aber ein, dass es schon so ist, dass „man gut mit Büchern, aber nicht gut von Büchern“ lebt oder leben kann. Ist das ein Grund dafür, dass Sie nebenbei noch als Model tätig sind (#scherz)?

Meine Modelkarriere verläuft bedauerlicherweise ähnlich holprig wie meine Verlegerkarriere. Von Nebenberuflichkeit kann da leider keine Rede sein. Verlegerei wie Modelei haben aber den Vorteil, dass so der – also meiner – Eitelkeit genug geschmeichelt wird. Eigentlich bin ich „nur“ Handwerker – also Drucker und Setzer sowie autodidaktischer Buchbinder –, davon lebe ich. Der Verlag hat seit Beginn immer auch Kunden für die Druckerei akquiriert, insoweit war das hier schon immer symbiotisch. Und es ist ein gigantisches Privileg, sich als Drucker praktisch ausschließlich mit Büchern beschäftigen zu dürfen.

Ralf Liebe in seiner Werkstatt

Fotos: Achim Schwedtfeger, © Ralf Liebe

Sie betreiben ja auch ein kleines Museum für Druckgeschichte und Buchherstellung in Weilerswist. Erfährt man da auf kommunaler Ebene Unterstützung oder stemmen Sie alles komplett allein?

Habe ich nicht nachgefragt, nach Unterstützung. Kann also sein, kann auch nicht sein. Außerdem sind Werkstatt und Museum identisch, und die Werkstatt brauche ich sowieso, und wenn ich damit gleichzeitig noch was über die Geschichte und Kultur des Druckens vermitteln kann, so ist das doch gut, oder?

Wie reagieren Kinder, die aus der digitalen Welt kommen, wenn Sie beim Besuch Ihres Museums Einblick in die analoge Welt des Büchermachens bekommen?

So wie der Rest der Welt auch: 90% geht es mehr oder weniger am Arsch vorbei, aber für die 10% lohnt der Aufwand allemal.

Kalender

Fotos: Rene de Brun, © Ralf Liebe

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Um die Jahrtausendwende haben Sie es mit dem „schnellsten Buch der Welt“ einmal bis in die Tagesschau geschafft. Ein anderes Mal schufen Sie Aufmerksamkeit mittels eines Kalenders, der Sie mehr oder weniger nackthäutig an Ihren Druckerpressen zeigte. Was werden Sie sich noch alles einfallen lassen – und: Gibt es den Kalender noch?

Wenn ich jetzt schon wüsste, was mir irgendwann mal einfällt, dann wäre es ja kein Einfall mehr. Aktuell habe ich weder eine Idee, noch einen Einfall, auch keinen Plan. Ich mache weiter Bücher, jammere so wenig, wie ich kann, warte ab und bin gehoben optimistisch. So wie wir den Buchmarkt heute noch kennen, davon gehe ich aus, wird in absehbarer Zukunft nicht mehr viel übrig sein. Die großen Verlagshäuser lernen gerade erst mal Krise kennen, die kleinen Verlage kennen nichts anderes als diverse Krisen. Wer ist also besser auf die Umbrüche vorbreitet?

Bücher von Ralf Liebe

Foto: privat

Ende 2013 haben Sie in den sozialen Medien laut die „Jahresendsinnfrage“ gestellt. Darin beschrieben Sie anschaulich die Befindlichkeit eines Verlegers, der über 20 Jahre lang Bücher macht und sich immer noch die Frage stellt, warum er das eigentlich tut. Sie beschrieben das Büchermachen als ein Fass ohne Boden, das sehr viel Energie verschlingt. Wie denken Sie heute darüber? Wo liegen allgemein die Hürden bei Kleinunternehmungen in diesem Bereich? Wird alles zu selbstverständlich genommen (der Mensch meckert halt lieber statt zu loben)? Haben Sie das Gefühl, für die „Großen“ ist man redundant?

 

Weder ein großes Feuilleton noch einer der größeren Radiosender nimmt sich regelmäßig Platz oder Zeit, um auf die Bücher vom Rande des Marktes hinzuweisen.

 

 

 

Ich sollte vielleicht öfter mal selbst nachschauen, was ich wann so schrieb. Ich war wohl damals ein wenig befindlich, aktuell bin ich – siehe oben – gehoben optimistisch.
Die größten Hürden liegen wohl bei den „Kleinverlegern“ selber. Bei mir war es lange Zeit so, dass ich viel Geld im Verlag verbrannt habe, weil ich auf meine eigene Begeisterung hereingefallen war. Das passiert einem Klempner (um ein Beispiel zu nennen für einen anderen Kleinunternehmer) eher selten. Der macht seinen Job, der Kunde ist zufrieden und gut ist. Ein Verleger macht auch seinen Job, aber erst nachdem das Buch fertig ist, kann er feststellen, ob sich überhaupt jemand dafür interessiert. Und dann ist das ja auch noch Kunst, die er verbreitet, und deren Schönheit liegt noch mehr im Auge des Betrachters, als z.B. die Schönheit eines Badezimmers. Hat nur der Verleger das Schöne gesehen, dann neigt er dazu, allen anderen die Schuld zu geben, den Rezensenten, den Buchhändlern, den Lesern. Er kommt aber nie auf die Idee, einfach nur ein schlechtes Buch verlegt zu haben.
Bedauerlich finde ich in erster Linie nur eines, und das war, als ich anfing mit der Büchermacherei, noch anders: Weder ein großes Feuilleton noch einer der größeren Radiosender nimmt sich regelmäßig Platz oder Zeit, um auf die Bücher vom Rande des Marktes hinzuweisen, stattdessen wird man selbst in der ZEIT monatlich ganzseitig mit irgendwelchem Krimimüll zugeschmissen. Rezensenten haben, so sehe ich das, nicht mehr die Lust am Entdecken, sie beschäftigen sich ausschließlich mit dem, was andere Rezensenten schon besprochen haben.

2014 haben Sie sich etwas ganz Besonderes einfallen lassen: Sie wollten – um das Überleben Ihres Verlages zu sichern – innerhalb einer bestimmten Zeit 5555 Bücher verkaufen und schrieben deshalb mittels Postkarten Kunden direkt an. Die Aktion muss ja gut ausgegangen sein, sonst wären ja nicht gerade aktuell die „Versnetze_zwölf“ veröffentlicht worden? Oder sind Sie dann doch lieber 5555 km zu Fuß bis ans Ende der Welt gewandert?

Die ganze Geschichte würde Stoff für einen kleinen Roman liefern, mit Haupt- und Nebenrollen in Finanzämtern und Banken, Freunden des Verlagshauses, Irrungen und Wirrungen, und einem glücklichen Ausgang. Ich bin nur 3700 km gewandert (bis ans Ende der Welt, aber zurück dann doch durch ganz Frankreich mit der Bahn) und habe auch keine 5555 Bücher zusätzlich verkauft.

Neben Bücher machen kann Welt retten sehr erbauend sein.

2015 kandidierten Sie parteilos als Bürgermeister in Weilerswist. Was hatte Sie derzeit dazu bewogen?

Wegen der Irrungen und Wirrungen des Jahres 2014 und um nicht insolvent zu gehen, habe ich die Kandidatur zurückgezogen.
Neben Bücher machen kann Welt retten sehr erbauend sein. Und da Weilerswist ein Nabel der Welt ist, dachte ich, dass hier das Weltretten doch beginnen kann. Und dazu wollte ich meinen Beitrag leisten …

Wohin man auch schaut: Zentralisierung, Fusionierung, Monopolisierung bestimmen das Geschehen. Was müsste sich ändern, damit Kleinverlage das, was sie tun, noch möglichst lange tun und tun können?

Jeder Kleinverleger hat letztendlich seine eigene Motivation, warum er „in Büchern macht“. Und grundsätzlich sind die Rahmenbedingungen in Deutschland und Europa ausgesprochen gut. Wenn es ein Problem gibt, dann, dass einfach viel mehr Bücher gemacht und verlegt werden, als der Markt auch nur ansatzweise vertragen kann. Insoweit ist jeder einzelne Kleinverleger Teil des „Problems“. Wenn also jeder einzelne Kleinverleger weiter Bücher macht, so sollte er so ehrlich sein, dass er es in erster Linie für sich selbst macht, weil es ihm wichtig ist. Aus dieser persönlichen Neigung das Recht auf eine Alimentierung abzuleiten, halte ich für vermessen.
Und ansonsten: Kauft nicht bei amazon und verkauft nicht über amazon. Das würde schon mal helfen …

Lieber Ralf Liebe, herzlichen Dank für das Interview.

 

© Franziska Röchter für dasgedichtblog, Mai 2019

 

Der Verlag Ralf Liebe, der bis 2006 Verlag Landpresse hieß, wurde 1992 von Ralf und Sabine Liebe in Weilerswist mit der Veröffentlichung eines Kinderbuchs gegründet. Der Verlag publiziert Gedichtbände, Romane, Sachbücher, Comics und Kunstbände. Dem Verlag sind seit 1992 die Druckerei Landpresse sowie seit 2001 das Museum für Druckgeschichte angegliedert.
Die von Axel Kutsch edierten Lyrik-Sammelbände, die seit 2008 den festen Titel „Versnetze“ tragen, erscheinen seit 1994 einmal im Jahr im Verlag Ralf Liebe. Sie wollen quer durch die Regionen und Generationen ein weitreichendes Bild der facettenreichen aktuellen deutschsprachigen Poesie vermitteln.
Die Herausgabe von Romanen und Sachbüchern bildet den zweiten Schwerpunkt im Verlagsprogramm. (Auszug Wikipedia)
Verlag Ralf Liebe

 

Die Rubrik »Der Poesie-Talk« wurde in Zusammenarbeit mit Timo Brandt gegründet, der die ersten fünf Folgen betreute. Alle bereits erschienenen Folgen von »Der Poesie-Talk« finden Sie hier.

 

Franziska Röchter

Franziska Röchter, (*1959), kam als Österreicherin auf die Welt und lebt derzeit mit deutscher Staatszugehörigkeit in Verl. Sie schreibt seit vielen Jahren Lyrik, Prosa, kulturjournalistische Beiträge, Rezensionen und mehr. Jahrelang verfasste sie für den mittlerweile eingestellten bekannten Blog der Poetryslamszene, Myslam, Beiträge, Rezensionen, Interviews und trat etliche Jahre (erstmalig mit 50) als Poetry Slammerin in Erscheinung. Sie organisiert(e) Lesungsveranstaltungen in Gütersloh und Bielefeld und betreibt seit 2011 den chiliverlag.
Franziska Röchter war mehrmals Jubiläumsbloggerin für die Zeitschrift DAS GEDICHT (2012 und 2017), führte Interviews und schrieb Features über annähernd 100 bekannte Persönlichkeiten der Literaturszene.
1. Preis Hochstadter Stier (jetzt: Lyrikstier) 2011, seit 2015 Vorstandsmitglied der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V. mit Sitz in Leipzig, Mitglied im VS NRW.
Sie ist seit vielen Jahren regelmäßig in bekannten Literaturorganen wie DAS GEDICHT (Anton G. Leitner), in Vers_netze (Axel Kutsch), im Poesiealbum neu (Ralph Grüneberger), bis zu seiner Einstellung (2014) in Der Deutsche Lyrikkalender (Shafiq Naz) vertreten. Unzählige Veröffentlichungen in anderen Printmedien, Anthologien, Zeitschriften (u.a. bei dtv, in Flandziu, Halbjahresblätter für Literatur der Moderne, in Signum, Blätter für Literatur und Kritik u.v.m.). Etliche eigenständige Veröffentlichungen (Bücher, CDs), zuletzt das Projekt Fernreise. Philipp Röchter singt und spielt Gedichte von Franziska Röchter, 2017. Darüber hinaus ist Franziska Röchter Rundum-Betreuerin ihrer stark pflegebedürftigen Tochter.

© Franziska Röchter, 12/2018

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.