Der Poesie-Talk – Folge 11: Franziska Röchter im Gespräch mit Jörg Neugebauer

Werk, Wirkung, Wirklichkeit: Am 22. jeden Monats unterhalten sich im losen Wechsel GEDICHT-Herausgeber Anton G. Leitner und die Bloggerin Franziska Röchter mit Schriftstellern und Literaturvermittlern über ihre Arbeit und ihr Leben.

 

Jörg Neugebauer ist Autor, Lyriker, Performer und Radiomoderator

Lieber Jörg, auf den Seiten der Ulmer Gestalten – und eine solche bist du ja zweifelsohne nicht nur aufgrund der Tatsache, dass du in Ulm aufgewachsen bist – wirst du zitiert: „Die Suche ist niemals zu Ende.“ Wonach suchst du denn noch?

Gute Frage. Täglich nach dem „gelingenden Tag“, zuweilen entsprechend auch nachts. Das ist eine ständige Aufgabe, für die ich auch dankbar bin.

Jörg Neugebauer

Jörg Neugebauer (Foto: Lars Schwerdtfeger, Südwest Presse Ulm, mit freundlicher Genehmigung)

Ebenfalls imaginierst du dich mit einer Zeitmaschine „nochmal zurück in die späten 60er und frühen 70er Jahre“ und würdest gern „manches etwas schlauer machen als damals“. Was genau wäre das?

Diese Zeit ist immer wieder überraschend präsent, einzelne Begebenheiten melden sich oft ungefragt und rufen: „Erinnerst du dich noch an mich?“ Im Rückblick würde ich eigentlich nicht vieles anders machen, außer vielleicht bewusster diese Zeit erleben, wo man jung ist. Und sie mehr schätzen.

Jörg Neugebauer auf dem Genfer See

Jörg Neugebauer auf dem Genfer See (Foto: privat)

Du hast u.a. ein Theaterstück verfasst, in dem es um Personen geht, die „aus der Zeit gefallen“ wirken bzw. die Regeln der Zeit und der Vergänglichkeit zu negieren scheinen. Basiert dieses Stück auf authentischen Vorkommnissen?

Du meinst „Irgendwann wird es von selber hell“? Es ist schon Selbsterlebtes mit drin, aber im Zuge des dramatischen Geschehens entwickeln diese Motive eine Eigendynamik, die weit über das Autobiografische hinausführt. Von denen, die das Stück gesehen haben, waren manche tatsächlich „ergriffen“, das hat aber wohl eher nichts mit irgendeinem „biografischen Hintergrund“ zu tun.

Ursprünglich wollt ich ja mal Schauspieler werden, später Literaturdozent.

In deinem langen Berufsleben warst du durchaus auch so etwas wie ein Literatur- oder gar Lyrikvermittler. Hättest du dir da manchmal etwas andere Lehrpläne gewünscht? Hättest du dir überhaupt manchmal einen anderen Beruf gewünscht?

Die Lehrpläne haben mich nicht groß gestört, da hatte man viel Freiheit oder konnte sie sich nehmen. Störend war eher, dass man in so einem „Apparat“ drinsteckt. Ursprünglich wollt ich ja mal Schauspieler werden, später Literaturdozent. So gesehen hab ich eine Art Mittelweg eingeschlagen, vielleicht nicht ganz optimal.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Theaterwerkstatt Ulm, Probe zu Mein Freund Harvey, mit freundlicher Genehmigung

Widersprüche aushalten anstatt alles auf ein Entweder-Oder zu reduzieren.

In einem deiner Gedichte, Ode an Daisy (aus: denksagung. Salon LiteraturVerlag, 2007) thematisierst du das Absurde jeglicher Vergänglichkeit, die gedankenlose Zeitverschwendung durch solche Tätigkeiten wie Rasen mähen (Wut auf morgen denn morgen / bin ich dem Einmal-gewesen-Sein / schon wieder einen Schritt näher …). Wie sollen wir mit dieser Absurdität umgehen?

Na ja, die Absurdität integrieren und nicht dagegen ankämpfen. Das heißt
schon ankämpfen, aber nicht mit dem Anspruch, über Chaos und Widersinn ein für alle Mal zu obsiegen. Widersprüche aushalten anstatt alles auf ein Entweder-Oder zu reduzieren. Das ist nicht immer einfach in der Realität, aber dazu gibt es ja auch noch die Poesie, überhaupt Kunst und das Kreative.

Wortkunstlauf

Wortkunstlauf (Foto: Theater Neu-Ulm, mit freundlicher Genehmigung)

Zusammen mit Elvira Lauscher betreibst du die Seite bzw. das wortexperimentelle Projekt Wortkunstlauf (Untertitel: Literatur mit Humor und Anspruch) und bist seit vielen Jahren leidenschaftlich als Schauspieler und Rezitator aktiv. Wie entwickelst du Texte wie die folgenden, die unter dem Titel „Sprachjazz“ Teil eines Bühnenprogramms sind:
Was würde dir denn so passen? Hörprobe
Wir sind alle gleich Hörprobe

Diese beiden Dialogtexte sind zusammen mit Elvira Lauscher entstanden, der zweite stammt textlich ganz von ihr. Wir haben meist bereits vorhandene eigene lyrische Texte herausgesucht und sie dann intuitiv auf zwei Stimmen verteilt, als Dialog oder als Mini-Sprechchoral. Das Material musste zur Performance geeignet sein, also klanglich-rhythmisches Potenzial aufweisen. In vielen Proben und gemeinsamen Bühnenauftritten haben wir das dann verfeinert. Manche Zuhörer sprachen hinterher von „Wortmusik“.

Wie ist es zu einem so speziellen Buchtitel wie „Jimi Hendrix traf Kafka und fragte ihn nach der Uhrzeit“ gekommen?

Das war ursprünglich der Titel eines kleinen Gedichts. Mein damaliger Verleger, Udo Degener, meinte dann, das sei doch ein guter Titel für den ganzen Band. Wenig später hatte ich ein gleichnamiges Performanceprogramm mit dem inzwischen leider verstorbenen Gitarristen Uli Dumschat. Auf Youtube kann man unter diesem Titel noch Videos davon sehen. Im Scherz haben wir mal gesagt, in der Konstellation wäre er Hendrix und ich wäre Kafka … Es ist sehr traurig, dass er nicht mehr am Leben ist.

Video: Jimi Hendrix traf Kafka und fragte ihn nach der Uhrzeit


Video: When we go

Wie steht es aktuell um deinen kleinen Railroadverlag? Was war der Grund für
die Entstehung?

Den gibt es nicht mehr. Er wurde vor längerer Zeit von meiner Ex-Ehefrau gegründet, um mein Langgedicht „Dionysos – der immerzu kommende Gott“ in Buchform zu publizieren. Inzwischen gibt`s da ja andere Möglichkeiten und es bedarf keines eigenen Verlages mehr.

Jörg Neugebauer als Rundfunkmoderator

Jörg Neugebauer als Rundfunkmoderator (Foto: Radio free FM, mit freundlicher Genehmigung)

Du hast eine sehr prägnante Hörbuch- und Erzählerstimme. Wie wurdest du Moderator der Sendung „Klassisch modern“ bei Radio free FM?
Die Sendung besticht durch eine immer wieder kongeniale Verquickung von

Textbeiträgen und exquisit ausgewählten Musikstücken. Spielst du selbst ein Instrument? Wärst du gern Musiker?

Oh danke – ja, wie wurde ich das? Vor über 10 Jahren war ich Mitglied der „Ulmer Autoren“, und eine von uns hatte dort eine regelmäßige Sendung. Da war ich also mal lesender Gast und kam auf die Idee: „Das könntest du doch auch mal probieren“. So hab ich ein Sendungskonzept entwickelt, ein paar vorgeschriebene Kurse gemacht und mich beworben. Die Verquickung von literarischen Texten mit im Radio sonst eher selten gespielter Musik ist mir tatsächlich besonders wichtig, d.h. das macht mir Spaß. Ein Instrument würde ich sehr gerne spielen, hab es aber weder auf der Gitarre noch auf dem Keyboard je zu etwas gebracht. Seit 2 Jahren trage ich jetzt eigene Verse ab und zu auf der Bühne mit zwei befreundeten Musikern vor, mit dem Ziel, dass aus Rhythmus, Klang und Worten etwas Neues entsteht – unter dem Namen „Mein langsamer Ferrari“.

Zugleich sollte der Dichter auf die Gesellschaft einwirken und sie verändern können, das war Hölderlins Anspruch.

Neben verschiedenen anderen literarischen Vereinigungen bist du auch Mitglied der Rilke-Gesellschaft und der Hölderlin-Gesellschaft.
Was fasziniert dich besonders an Hölderlin, dem „Dichter der Dichter“, der ja – zusammen mit Beethoven und Hegel – im nächsten Jahr seinen 250. Geburtstag hat?

Ja, da würde ich gerne mitfeiern, weiß bloß noch nicht wie. Hölderlin hat eine ganz eigene Sprache, vor allem in den Gedichten, die um und kurz nach 1800 entstanden sind. Dadurch dass er meist antike Formen wie Ode, Elegie oder freirhythmische Hymne verwendet, haben seine Verse etwas Archaisches, etwas das sich nicht um den Zeitgeschmack und den jeweils gerade vorherrschenden „Ton“ schert. Etwas Kompromissloses, das nicht „gefallen“, sondern in sich selbst stimmig sein will. Zugleich sollte der Dichter auf die Gesellschaft einwirken und sie verändern können, das war Hölderlins Anspruch. Zu diesem Zweck hat er so manches künstlerisch bereits vollendete Gedicht wieder umgeschrieben, ohne dabei aber „gefällig zu werden“. Dichten war für ihn Lebensaufgabe, ähnlich wie für Kafka, das hat mich von Jugend an fasziniert.

Insofern ist für mich ein gutes Gedicht auch ein Angebot zum Dialog.

Lieber Jörg, was macht für dich ein gutes Gedicht aus?

Ein gutes Gedicht, liebe Franziska, ja – das braucht Luft. Es darf nicht versuchen, mit Worten alles zu sagen. Das Spezielle, das mich als Leser anspricht, soll mitschwingen, man muss es zwischen den Versen spüren können. Die Wörter dürfen nicht versuchen, selbst Poesie zu sein, sondern sollen „nur“ den Raum für sie schaffen. Insofern ist für mich ein gutes Gedicht auch ein Angebot zum Dialog. Der Leser oder besser noch Hörer muss das Poetische darin selbst mit hervorbringen.

Lieber Jörg, ganz herzlichen Dank!

Und ich danke für deine sehr anregenden Fragen!

 

© Franziska Röchter für dasgedichtblog, 08/2019

 

Jörg Neugebauer, "Wien. Nacht"

Buchcoverabbildung (Salon LiteraturVerlag München)

Jörg Neugebauer, "Jimi Hendrix traf Kafka und fragte ihn nach der Uhrzeit"

Buchcoverabbildung (Udo Degener Verlag)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kurzbiographie von Jörg Neugebauer
Geboren 1949 in Braunschweig, lebt er seit der Kindheit in Süddeutschland. Nach Philosophie- und Geschichtsstudium Lehrtätigkeit in Ulm. Literarische Schwerpunkte sind Lyrik und Prosa, Preisträger u.a. beim Irseer Pegasus und beim Lyrikpreis München. Einzelne Gedichte wurden in „Das Gedicht“, „Signum“, im „Jahrbuch der Lyrik“, in den „Versnetzen“ und anderen Anthologien veröffentlicht. Letzter Einzelband: „Jimi Hendrix traf Kafka und fragte ihn nach der Uhrzeit“ (Udo Degener Verlag). Tätigkeit als Radiomoderator bei Radio Free FM mit der Sendung „Klassisch modern“ seit 2009. Literarische Performances mit „Wortkunstlauf“ und „Mein langsamer Ferrari“. Zuletzt erschien „Wien. Nacht. Eine Erzählung nach Motiven aus der Biografie Freuds“ (Salon LiteraturVerlag München).

 

 

Die Rubrik »Der Poesie-Talk« wurde in Zusammenarbeit mit Timo Brandt gegründet, der die ersten fünf Folgen betreute. Alle bereits erschienenen Folgen von »Der Poesie-Talk« finden Sie hier.

 

Franziska Röchter

Franziska Röchter, (*1959), kam als Österreicherin auf die Welt und lebt derzeit mit deutscher Staatszugehörigkeit in Verl. Sie schreibt seit vielen Jahren Lyrik, Prosa, kulturjournalistische Beiträge, Rezensionen und mehr. Jahrelang verfasste sie für den mittlerweile eingestellten bekannten Blog der Poetryslamszene, Myslam, Beiträge, Rezensionen, Interviews und trat etliche Jahre (erstmalig mit 50) als Poetry Slammerin in Erscheinung. Sie organisiert(e) Lesungsveranstaltungen in Gütersloh und Bielefeld und betreibt seit 2011 den chiliverlag.
Franziska Röchter war mehrmals Jubiläumsbloggerin für die Zeitschrift DAS GEDICHT (2012 und 2017), führte Interviews und schrieb Features über annähernd 100 bekannte Persönlichkeiten der Literaturszene.
1. Preis Hochstadter Stier (jetzt: Lyrikstier) 2011, seit 2015 Vorstandsmitglied der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V. mit Sitz in Leipzig, Mitglied im VS NRW.
Sie ist seit vielen Jahren regelmäßig in bekannten Literaturorganen wie DAS GEDICHT (Anton G. Leitner), in Vers_netze (Axel Kutsch), im Poesiealbum neu (Ralph Grüneberger), bis zu seiner Einstellung (2014) in Der Deutsche Lyrikkalender (Shafiq Naz) vertreten. Unzählige Veröffentlichungen in anderen Printmedien, Anthologien, Zeitschriften (u.a. bei dtv, in Flandziu, Halbjahresblätter für Literatur der Moderne, in Signum, Blätter für Literatur und Kritik u.v.m.). Etliche eigenständige Veröffentlichungen (Bücher, CDs), zuletzt das Projekt Fernreise. Philipp Röchter singt und spielt Gedichte von Franziska Röchter, 2017. Darüber hinaus ist Franziska Röchter Rundum-Betreuerin ihrer stark pflegebedürftigen Tochter.

© Franziska Röchter, 12/2018

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