Der Poesie-Talk – Folge 13: Franziska Röchter im Gespräch mit Michael Helm

Werk, Wirkung, Wirklichkeit: Am 22. jeden Monats unterhalten sich im losen Wechsel GEDICHT-Herausgeber Anton G. Leitner und die Bloggerin Franziska Röchter mit Schriftstellern und Literaturvermittlern über ihre Arbeit und ihr Leben.

 

Michael Helm ist nach einer kurzen Episode als Lehrer Autor und Rezitator

Lieber Michael, du warst – bevor du dich ganz dem Dasein als Autor und Rezitator verschrieben hast – als Lehrer tätig. Was und wen hast du unterrichtet? Und: Was war ausschlaggebend für dich, nicht mehr Lehrer zu sein?

Das waren ja nur knapp drei Jahre. (Meine Lehrerausbildung im Rheinland nicht eingerechnet.) Ich arbeite noch heute gerne mit jungen Leuten. Allerdings nicht mehr als Naturwissenschaftspauker, vor denen sich viele in ihrer Schulzeit so gefürchtet haben. Es waren schöne Fächer, auch eine gute Zeit an einer Gesamtschule, aber sie ist vorbei. Mir ist anderes wichtiger geworden. Wenn auch ein klein bisschen pädagogischer Impetus hängen geblieben sein muss.

Als Rezitator bekannter Lyriker*innen bist du ja sozusagen auch Literaturvermittler. Wie ist es zu der Auswahl deiner bisherigen Programme gekommen, wer sind dein(e) Lieblingsdichter*innen und: Ist es für dich authentischer, männliche Dichter zu rezitieren?

 

Konfrontation ist auch ein starker Antrieb.

Literaturvermittler klingt schon so bürokratisch, klingt so nach Schule oder Lehre. Das ist es gar nicht. Oder nur ein bisschen …
Die Themen sind meine persönlichen, sind meine Auseinandersetzung mit Lebenswelten, mit Texten, auch mit historischen Stoffen, die uns heute noch auf den Nägeln brennen. Mit Persönlichkeiten, an denen ich mich abarbeite. Ich muss sie nicht lieben. Konfrontation ist auch ein starker Antrieb. Das mache ich täglich, und manchmal wird eine Lesung daraus. Manche Programme führe ich nur ein- oder zweimal auf. Andere laufen jahrelang. Wenn es mir wichtig ist, ist beides in Ordnung.

Aber wenn es nicht mein Thema wird, mache ich es nicht.


Äußere Maßgaben spielen natürlich eine Rolle. Es gibt Zwänge. Es gibt Veranstalter, auch Situationen, da ist nicht alles möglich. Es gibt Wünsche, natürlich. Aber wenn es nicht mein Thema wird, mache ich es nicht. Es gibt aber auch Veranstalter und eine Art von Publikum, bei denen ist fast alles möglich, das macht besonders viel Spaß. Experimentieren können … Sie kommen, weil sie einem vertrauen.
Meine Themen haben immer etwas Nachdenkliches: Tucholskys Beziehung zum Krieg und zu dem, was danach kam, seine hoffnungslose Hellsichtigkeit (wie zeitlos, leider), Kafkas Ringen um Klarheit, Heines Exiliertheit in Paris, sein Wille für ein anderes Europa. Das sind nur wenige Beispiele. Dennoch möchte ich die Leute unterhalten. Das bedeutet für mich Auseinandersetzung. Einen guten Gedanken aus einem starken Theaterabend mitzunehmen, das ist mein Vorbild. Meine Lesungen sind keine schöngeistigen Wohlfühlabende. Auch nicht Dichterlesungen mit knarzender Lederjacke.
Authentischer bei männlichen Autoren? Weiß ich nicht. Es ist mir wichtig, dass ich die Figuren zu fassen vermag, dass ich den Text in eine gesprochene Form bekomme, ihm einen Klang geben kann. Ich lese die Texte, ich bin kein Schauspieler.

Was fasziniert dich an Annette von Droste-Hülshoff?

Ihr Leben. Mit dem Schreiben und dem Veröffentlichen als Frau etwas zu tun, was in ihrer Zeit problematisch war, von vielen ihrer Zeitgenossen*innen nicht ernstgenommen wurde.
Wie mit Heinrich Heine, so bin ich mit Annette von Droste-Hülshoff großgeworden. Das mag auch die Nähe hier in Nordrhein-Westfalen sein. Ich kenne die Burg Hülshoff, das Rüschhaus nahe Münster, aber auch die Meersburg am Bodensee. Dort habe ich gestanden und mir ging „Mondesaufgang“ einfach nicht mehr aus dem Kopf. Ort und Gedicht bildeten in meinem Denken mit einem Mal eine Einheit.
Neulich habe ich während meiner Droste-Hülshoff-Lesung „Im Grase“ vorgetragen. Das Gedicht spricht etwas in mir an, ich kann es nicht genau sagen – das prägt mein Lesen. Und danach war es still. Einfach nur still. Kein Applaus. Applaus ist etwas Befreiendes, Erfreuliches, aber die gemeinsame Stille … Am liebsten hätte ich nicht mehr weitergelesen, einfach geschwiegen. Es gemeinsam ausklingen lassen, dem Gehörten nachspüren, nachdenken, das sind tolle Momente.

Wie oft stehst du im Schnitt monatlich auf der Bühne?

Es gibt Zeiten im Jahr, da trete ich gar nicht auf. Zeiten für Recherche und meine Arbeit an eigenen Texten. Die klassischen Lesungszeiten sind Frühjahr und Herbst. In der Zeit kann es sein, dass ich ein- bis dreimal wöchentlich lese. Ich rechne das nicht nach, nur wenn es mir zu viel wird.

Aber Schulen tun sich schwer damit. Einen Raum im Organisationsgeflecht Schule zu öffnen, ist schwierig.

Du bietest auch Schullesungen an. Musst du sehr die Buschtrommel rühren, damit andere Lehrer auf dich aufmerksam werden? Wie groß ist mittlerweile dein Radius in diesem Land?

Da ist ein Angebot für Schulen auf meiner Webseite. Aber Schulen tun sich schwer damit. Einen Raum im Organisationsgeflecht Schule zu öffnen, ist schwierig. Es kommen aber immer wieder Lehrer mit Schülern in die Lesungen. Manchmal ergibt sich daraus mehr. Der persönliche Kontakt ist mir wichtig.
Mein Schwerpunkt ist Nordrhein-Westfalen. Wenn ich dann nach Moskau eingeladen werde, wie 2017, wo ich ein Schüler*innen-Projekt gemacht habe und eine Lesung zum Thema Europa, dann ist das schon etwas Besonderes. Da fließen Schriftstellerei und Lesungen zusammen.

Du arbeitest seit Jahren auch kulturpädagogisch in Lese- und Schreibwerkstätten, die du für Schulen und andere Einrichtungen anbietest. Ein Schwerpunkt dieser Arbeit ist die Jungenleseförderung und die Anregung Jugendlicher zum Schreiben. Wichtiger denn je, oder?

Weiß ich nicht. Auf der einen Seite höre ich von Bibliotheken und Schulen immer wieder, dass Jungen weniger lesen als Mädchen oder gar nicht. Auf der anderen Seite: Wenn in meinen Projekten die Jugendlichen einmal dabei bleiben, dann erlebe ich plötzlich unglaubliche Dinge. Dann ist Lesen doch nicht so uncool. Da wird plötzlich diskutiert und ausprobiert.
Wir reden jetzt vor allem über das „schwierige Alter“: 13-16 Jahre. In Mädchenprojekten bringen die Teilnehmerinnen oft schon beim ersten Mal ihre Bücher mit. Jungen sitzen da und sagen: „Ich lese Internet“. Wenn man dann mit einer Jungengruppe eine Abschlusslesung hinbekommt und sie in der 8. Klasse eine Hobbit-Lesung hinlegen und zwei Jahre später im Projekt Hemingways „Alter Mann an der Brücke“ vortragen, dann ist offenbar etwas passiert.

Jugendliche haben Angst, bewertet zu werden, falsch zu schreiben.

Schreibförderung ist wichtig. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass viele Jugendliche Angst haben, bewertet zu werden, falsch zu schreiben, von wegen: „Im Duden steht aber doch …!“ Ich sage dann immer augenzwinkernd: „Darum kümmert sich später der Lektor! Macht mal …“ Diese Projektarbeit macht Spaß. Das ist Schule einmal ganz anders.

 

Mit deiner hervorragenden Stimme hättest du doch auch eine Karriere beim Rundfunk starten können, oder?

Ich habe mit Kollegen einmal im Bürgerfunk eine monatliche Literatursendung gemacht: war spannend, offen für Experimente, ich habe viel gelernt darüber, wie Radio funktionieren kann. Für das Feature zu Jorge Semprún haben wir sogar den Bürgermedien-Preis NRW bekommen. Aber ich weiß nicht, ob ich das auf Dauer machen wollte. Literatur im Radio, möglichst in maximal drei Minuten. Das gibt es nur noch an erwählter Stelle. Zu viel der äußeren Maßgaben vielleicht. Das haben wir schon damals gespürt.

Als Autor scheinst du weniger der Lyrik verhaftet … oder vielleicht insgeheim doch?

Ich denke Texte laut. Das ist vielleicht eine kleine Gemeinsamkeit mit der Lyrik. Auch mit den Texten fürs Theater.

Ich bin kein Lyriker. Ich habe einmal Gedichte geschrieben, in Poesiealben. Aber mal ehrlich, ich bewege mich am liebsten in der kurzen Prosaform. Auch nicht der Verkaufsschlager. Vor allem müssen meine Texte gesprochen werden. Ich kann mir kaum vorstellen, mir einen neuen Text nicht immer und immer wieder laut vorzulesen — ihn beim Sprechen zu variieren — bevor ihn irgendwer zu Gesicht (und zu Gehör) bekommt. Ich denke Texte laut. Das ist vielleicht eine kleine Gemeinsamkeit mit der Lyrik. Auch mit den Texten fürs Theater.
Ich liebe Theater, auch wenn ich nie dafür schreiben könnte. Theater ist der letzte kindliche Zauber dieser Welt für mich.

Wenn du deine persönlichen Themen und Anliegen, die dir den Impetus fürs Schreiben geben, benennen müsstest: Was sind deine inhaltlichen Schwerpunkte?

Meine Figuren verlieren sich zwischen verschiedenen Welten … sind gefangen in Sprachlosigkeit.

Schwere Frage. Langes Schweigen.
Eine Antwort findet sich in meinen Texten … vielleicht einmal. Ich schreibe, damit ich ihr näher komme. Es geht oft um eine Art Verlorenheit. Meine Figuren verlieren sich zwischen verschiedenen Welten, getrennten und doch nah beieinander liegenden, sind gefangen in Sprachlosigkeit, wollen sich erinnern und können es nicht richtig. Erinnerung ist ein häufiges Thema, auch die historische Erinnerung. Und dann, was das Erinnern oder auch das Nicht-Erinnern aus uns macht. Die Erkenntnis der Sprachlosigkeit. Worte zu suchen.

Schreiben als Versuch der Vergewisserung.

Ich bin aufgewachsen mit dem Impetus, mich stets zu erinnern. „Das darf nie wieder passieren …“ Ich finde das heute wichtiger denn je. Aber ich frage mich, was das mit mir macht. Wie geht das? Was kann ich leisten? Was kann ich von dem weitertragen, im Schreiben … beim Vorlesen … auch zusammen mit den Schüler*innen? In all dem steckt irgendwo die Antwort. Schreiben als Versuch der Vergewisserung.

 

Könntest du dir auch vorstellen, Lyrik zeitgenössischer, aktueller Dichter*innen in deine Programme aufzunehmen? Schließlich gibt es ja auch hervorragende Dichter*innen, denen der Vortrag einfach nicht so liegt?

Wenn ich einen inneren Zugang bekomme. Merkwürdigerweise habe ich beim Vortragen schon einen Drang zum Alten, zum „Klassischen“. (Auch wenn ich das nie explizit entschieden habe.) Vergangen und abgelegt ist „das Alte“ ja nicht, ganz bestimmt nicht. Schon gar nicht vergessen. Mit der Distanz fühle ich mich ganz wohl. Beim Schreiben ist das anders. Da spielen zeitgenössische Autor*innen eine wichtige Rolle.

Was hast du autorenmäßig in Arbeit?

Ich arbeite an einer Veröffentlichung eines Bandes mit Erzählungen und kurzer Prosa. Arbeiten, die teils schon seit Jahren bei mir in der Schublade liegen. Das hervorzuholen, ist schön, aber nicht ganz einfach. Plötzlich kommen einem Ideen in die Quere, die man längst vergraben glaubte, die einen erneut aufrütteln. Das ist spannend, regt zu neuen Überlegungen, zu neuen Texten an.

Wie bist du zur Herforder AutorInnengruppe gestoßen und wie wichtig sind solche Zusammenschlüsse?

Literatur ist Auseinandersetzung.

Ich wurde gefragt und fand die Idee gut. Ich habe lange im Kreis Herford gelebt und viele meiner Lesungen finden noch heute in Ostwestfalen statt. Ein sehr treues Publikum.
Sich in Gruppen auszutauschen und miteinander aufzutreten, ist wichtig. Die Angst, am Schreibtisch zu versauern, wird kleiner. Am Schreibtisch kann — trotz der vielen Büchermeter hinter mir — die Welt sehr eng werden. Ich muss dann raus: Auftreten, Vorlesen, mit Schüler*innen arbeiten. Treffen mit anderen Autor*innen sind mir wichtig, um zu sehen, wie andere arbeiten, wie sie mit ihren Texten umgehen, wie sie sich einbringen. Sich austauschen, sich anregen, sich auseinandersetzen. Literatur ist Auseinandersetzung.

Lieber Michael, vielen Dank für das Gespräch.

 

© Franziska Röchter für dasgedichtblog, 11/2019
Fotos: Alle Jürgen Escher

 

 

Michael Helm, geboren 1969 im Ruhrgebiet, ist Rezitator und Schriftsteller. Seit 1999 gestaltet er Lesungen zu verschiedenen Autoren und mit eigenen Arbeiten. Nach dem Studium in Bochum arbeitete er wenige Jahre als Lehrer. Seit 2002 ist er freiberuflich tätig. 2007 wurde er mit dem LfM-Bürgermedienpreis NRW für ein Radiofeature zum Werk des Schriftstellers Jorge Semprún ausgezeichnet. 2017 Einladung und Reise nach Moskau. Michael Helm ist Mitglied der Herforder AutorInnen-Gruppe. Darüber hinaus gibt er Schreib- und Leseförderkurse an Schulen. Über zehn Jahre lang lebte er in Ostwestfalen, mittlerweile ist er wieder in Herdecke im Ruhrgebiet beheimatet. Veröffentlichungen u.a. zum Leben von Mitgliedern der Jüdischen Gemeinde Herford-Detmold („Wir freuen uns und wir weinen …, Wiederaufbau der Herforder Synagoge“, 2010). Verschiedene weitere Veröffentlichungen. Detaillierte Infos finden sich in seinem Internetauftritt.

 

 

Die Rubrik »Der Poesie-Talk« wurde in Zusammenarbeit mit Timo Brandt gegründet, der die ersten fünf Folgen betreute. Alle bereits erschienenen Folgen von »Der Poesie-Talk« finden Sie hier.

 

Franziska Röchter

Franziska Röchter, (*1959), kam als Österreicherin auf die Welt und lebt derzeit mit deutscher Staatszugehörigkeit in Verl. Sie schreibt seit vielen Jahren Lyrik, Prosa, kulturjournalistische Beiträge, Rezensionen und mehr. Jahrelang verfasste sie für den mittlerweile eingestellten bekannten Blog der Poetryslamszene, Myslam, Beiträge, Rezensionen, Interviews und trat etliche Jahre (erstmalig mit 50) als Poetry Slammerin in Erscheinung. Sie organisiert(e) Lesungsveranstaltungen in Gütersloh und Bielefeld und betreibt seit 2011 den chiliverlag.
Franziska Röchter war mehrmals Jubiläumsbloggerin für die Zeitschrift DAS GEDICHT (2012 und 2017), führte Interviews und schrieb Features über annähernd 100 bekannte Persönlichkeiten der Literaturszene.
1. Preis Hochstadter Stier (jetzt: Lyrikstier) 2011, seit 2015 Vorstandsmitglied der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V. mit Sitz in Leipzig, Mitglied im VS NRW.
Sie ist seit vielen Jahren regelmäßig in bekannten Literaturorganen wie DAS GEDICHT (Anton G. Leitner), in Vers_netze (Axel Kutsch), im Poesiealbum neu (Ralph Grüneberger), bis zu seiner Einstellung (2014) in Der Deutsche Lyrikkalender (Shafiq Naz) vertreten. Unzählige Veröffentlichungen in anderen Printmedien, Anthologien, Zeitschriften (u.a. bei dtv, in Flandziu, Halbjahresblätter für Literatur der Moderne, in Signum, Blätter für Literatur und Kritik u.v.m.). Etliche eigenständige Veröffentlichungen (Bücher, CDs), zuletzt das Projekt Fernreise. Philipp Röchter singt und spielt Gedichte von Franziska Röchter, 2017. Darüber hinaus ist Franziska Röchter Rundum-Betreuerin ihrer stark pflegebedürftigen Tochter.

© Franziska Röchter, 12/2018

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