Der Poesie-Talk – Folge 15: Franziska Röchter im Gespräch mit Renate Schön

Werk, Wirkung, Wirklichkeit: Am 22. jeden Monats unterhalten sich im losen Wechsel GEDICHT-Herausgeber Anton G. Leitner und die Bloggerin Franziska Röchter mit Schriftstellern und Literaturvermittlern über ihre Arbeit und ihr Leben.

 

Renate Schön war 35 Jahre lang Zahnärztin – und schon immer eine leidenschaftliche Lyrikerin.

Als stets gutgelaunte Frohnatur habe ich sie in Erinnerung – seit ich sie vor einigen Jahren zuletzt persönlich gesehen habe. Renate Schön ist poetisches Urgestein der Poesie 21-Lyrikreihe, und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Rekordhalterin in derselben.

Renate Schön

Renate Schön (Foto: privat)

In ihrem früheren Leben war sie 35 Jahre beruflich als Zahnärztin tätig. 2015 hatte sie bereits rund 15 Bücher geschrieben, allem voran Lyrik.

Nachfolgend ein Gesprächsprotokoll.

Wann genau sie mit dem Schreiben von Gedichten angefangen hat, möchte ich gern von ihr wissen, und warum.

Ja, ihr Lebensweg sei bis jetzt schon etwas turbulent gewesen. Als Lieblingstochter ihres Vaters, offensichtlich klug, lehrte er sie schon mit 5 Jahren Lesen und Schreiben, da habe sie angefangen, eigene Gedichte aufzuzeichnen und Märchen zu erzählen.

Meine Jugendzeit ist ein Abziehbild von Pippi Langstrumpf

Sie wurde in eine Zeit voller Umbrüche hineingeboren. Wie sie ihre Kindheit und Jugend erlebt hat? Was ihr besonders in Erinnerung geblieben ist?

Mit 8 1/4 Jahren sei sie aufs Gymnasium gekommen, habe ihr Studium in München absolviert und ihr Staatsexamen mit 23 Jahren abgelegt. Dort habe sie sich in ihren sehr gescheiten Mann verliebt.
„Meine Jugendzeit ist ein Abziehbild von Pippi Langstrumpf, ich sah ihr auch ähnlich. Unerschrocken, lebhaft, man nannte mich ‚Rennus‘. Das hatte natürlich zur Folge, dass ich von meiner Mutter mehr den Hintern versohlt bekam, weil sie meine Wissensneugierde nicht einschätzen konnte. Ich wollte ALLES erfahren und lernen.“
Nun, von Krankheiten sei sie aufgesucht worden in der Kindheit, bekam Diphterie, Scharlach, Keuchhusten und Windpocken und eine Lungenerkrankung. Trotz allem räumt Renate Schön ein: „Ich war sehr sportlich.“

Drei Kinder hat sie großgezogen. Wie es ihr im letzten Jahrhundert gelungen ist, ihren sicherlich fordernden Vollzeit-Beruf mit ihrer Mutterschaft und womöglich noch mit ihrer Schriftstellerei unter einen Hut zu bekommen?
Woher sie all das Positive schöpft, gilt sie doch als optimistische, lebensfrohe Person, deren oftmals heiter-erotische Verse voller „Nuancen der Lust“ von der Presse auch als „kleine glitzernde Lyrikjuwele“ (Augsburger Allgemeine) bezeichnet werden. Woher sie nach wie vor ihre Inspiration, ihre Schöpferkraft nimmt?

YouTube Video Renate Schön, Die Tasche einer Frau

 

Für ihre eigene Familie, die sie schon sehr früh ohne finanzielle Mittel gründete, habe sie zu kämpfen gelernt, habe den Haushalt gemacht, genäht, was gebraucht wurde, ihren Kindern bis zur Kommunion das ganze Spielzeug gebastelt, Geld sei ja keines dagewesen, habe ihre Wiese beackert, um zu leben, sei handwerklich sehr geschickt gewesen, selbst beim Dachdecken und Reparieren, sprudelt es aus ihr heraus. „Einige Jahre war ich nur Assistent meines Vaters, der dem Geld hinterher war wie der Teufel der armen Seele. Nun schenkte mir das Glück drei brave – eigentlich vier – Kinder, ein Sohn ist gestorben. Daher konnte ich die ersten Jahre auch ohne fremde Hilfe auskommen. Es gab ja auch niemanden. Praxis und Wohnung waren in einem Haus und elektrische Maschinen konnte man sich noch nicht anschaffen.“

Welche Dichterinnen und Dichter sie besonders inspiriert oder beeindruckt haben?

„Meine geistige schriftstellerische Wandlung lag auf Eis, da alles was ich in meiner Jugendzeit verfasst hatte im Angriff auf Augsburg verbrannte, damals rettete ich nur mein Biologiebuch, das ich besonders liebte, einen Kissenbezug und meine Gasmaske. Ich war ein Naturkind, begeistert von Fauna und Flora – bis heute. So behandele ich auch meinen Nächsten.
Wir hatten eine große eingezäunte Wiese, die öfters von meinem Onkel, er war Jäger, verwundete Tiere zur Pflege bekam, natürlich wurden sie wieder in die Freiheit entlassen. Nach Kriegsende hatte ich das Glück, für kurze Zeit bei den Amerikanern – unsere Stadt wurde drei Tage umkämpft – als Dolmetscherin tätig zu sein, da fiel mir so manch Originelles, natürlich abwegig, Positives nach Pippi Langstrumpf ein. Und ich konnte so hilfreich menschlich sein. Im Geheimen schrieb ich wieder, mal hier mal dort wurde ich um Gedichte gebeten, und so sammelte sich viel Persönliches. Da mein GEIST sich diesbezüglich nicht abschalten ließ, veröffentlichte ich erst mal in Frankfurt, es folgte ein Märchen – und ein Kinderbuch.“

Sprachgourmet mit höchsten Ansprüchen an das eigene Werk

Renate Schön hat eine beachtliche Anzahl an Bänden, genau genommen sieben, in der Reihe Poesie 21 vorgelegt, man kann sagen, sie ist die Autorin mit den meisten Poesie 21-Bänden. Diese reflektieren oftmals schon durch den Titel ihre dem Leben und der Liebe sehr zugewandte Art, wie z.B. In deinen Pupillen nächtige ich (2007), Windgeflüster auf der Haut (2009), Ein Fingerspiel von Wünschen (jüngster Band von 2019). Ob sie nie versucht war, sich in der großen, unüberschaubar weiten Verlagswelt weiter auszutesten?

Vor 20 Jahren habe sie Anton G. Leitner entdeckt, sei verlagsmäßig auch bei ihm geblieben. Ihre Gedichte müsse sie nicht erarbeiten, sie kämen einfach so, wie wenn die Sonne erwache, der Tag sie begrüße und die Zeit ihr Gelegenheit gebe, sie auch niederzuschreiben. Ja, ihre Lesungen, teilweise im Ausland (Basel, Budapest, Winterthur), sie habe da auch etwas die Sprache und über ihre Dichter gelernt. Zum Beispiel Ungarn, da sei sie über die Deutsche Botschaft hingekommen, sei schon eine Bereicherung gewesen. Für ein nächstes Buch habe sie schon wieder um die 40 Gedichte auf Wartestation.

YouTube-Video Renate Schön, Ansicht des Mannes

In ihrem in der aktuellen DAS GEDICHT-Ausgabe Dichter an die Natur abgedruckten Gedicht über den Balkon des Nachbarn spürt man eine Dankbarkeit gegenüber der Natur und dem, was sie uns gibt. Wie sie die gegenwärtigen Entwicklungen und Diskussionen im Hinblick auf Klima, Umwelt und Politik beurteilt?

So lange mich mein Charakter aufrecht hält, der Geist mich noch wirken lässt, bin ich glücklich.

„Ich versorge immer noch alleine meine zwei Wohnungen, fahre mit dem Auto von Augsburg nach Herrsching. Hatte über 20 Jahre dem Mann meiner Freundin platonisch zur Seite gestanden, ihn versorgt, einschließlich Verpflegung, nun werde ich 89, das Skelett ist zwar ramponiert, doch so lange mich mein Charakter aufrecht hält, der Geist mich noch wirken lässt, bin ich glücklich.
Meine Familie liebt mich sehr. Deshalb bin ich auch so glücklich.

Renate Schön

Renate Schön (Foto: privat)

Nun sprichst Du auch die Umwelt an. Ich hatte schon sehr früh nur einheimische Produkte erworben, Abfall in meinem Garten recycelt und laufe, wenn ich vermeiden kann, das Auto zu benutzen. Entbehre Fleisch, dünge und spritze meine Pflanzen mit umweltfreundlicher Eigenarbeit.

Man müsste alle denkbaren Maßnahmen ergreifen, um unseren Nachkommen noch ein Leben auf unserer Erde zu ermöglichen.

Ich finde, für diese Ziele müsste man alle denkbaren Maßnahmen ergreifen, um unseren Nachkommen noch ein Leben auf unserer Erde zu ermöglichen. So finde ich auch diese Zeit voller Kriminalität schrecklich.
Wie kann man für Weltverbesserung motivieren? Darüber habe ich mehrere Gedichte verfasst.“
Als Arbeit sehe sie ihr bewegtes Schaffen übrigens nicht an, ergänzt die Schriftstellerin. Sie fühle sich wie bei einem sonnigen Spaziergang durch eine bunte Wiese, in der ihr Düfte, Farben und Aufmunterung begegnen.
Ihr Leben sei in nur einem Roman nicht niederzuschreiben, sagt sie, so viele Episoden daraus würden reichlich Unterhaltung bieten.

Das glaube ich ihr aufs Wort. Vielleicht würde ich dann auch noch einiges zu den vielen ungestellten Fragen erfahren: über ihre Lieblingsdichter, über Wünsche, die noch offen sind, über anstehende Pläne und Termine … In der Zwischenzeit bieten uns die Gedichte der Schriftstellerin, die 2017 den 3. Jurypreis des Lyrikstier Wettbewerbs in Weßling gewann, möglicherweise weitere Hinweise darauf, warum sie von sich sagen kann: „Ich bin einfach glücklich.“

 

© Franziska Röchter für dasgedichtblog, 01/2020

 

 

Renate Schön wurde 1931 in Wertingen (Schwaben) geboren und war nach ihrer Approbation bis 1986 als Zahnärztin tätig. Sie veröffentlichte mehrere Lyrik- und Prosatitel. In der Reihe Poesie 21 bei Steinmeier erschienen bereits ihre Gedichtbände In deinen Pupillen nächtige ich (2007), Windgeflüster auf der Haut (2009), Balanceakt in meinen Händen (2011), Schwebebalken der Phantasie (2014), Ein Flohwalzer bleibt übrig (2015), Abstinenz flirtet über Hügel (2016), Ein Fingerspiel von Wünschen (2019). Ihre literarische Arbeit präsentiert sie bei zahlreichen Lesungen, u. a. auf der Frankfurter Buchmesse, in Budapest und in der Schweiz. 2017 wurde Renate Schön mit dem 3. Jurypreis Der Lyrikstier 2017 ausgezeichnet.

"Ein Flohwalzer bleibt übrig" von Renate Schön

Buchcover-Abbildung (Poesie 21)

 

 

 

 

 

 

 

 

Renate Schön
Ein Flohwalzer bleibt übrig
Poesie 21, 2015

 

"Abstinenz flirtet über Hügel" von Renate Schön

Buchcover-Abbildung (Poesie 21)

 

 

 

 

 

 

 

 

Renate Schön
Abstinenz flirtet über Hügel
Poesie 21, 2016

 

"Ein Fingerspiel von Wünschen" von Renate Schön

Buchcover-Abbildung (Poesie 21)

 

 

 

 

 

 

 

 

Renate Schön
Ein Fingerspiel von Wünschen
Poesie 21, 2019

 

 

 

 

Die Rubrik »Der Poesie-Talk« wurde in Zusammenarbeit mit Timo Brandt gegründet, der die ersten fünf Folgen betreute. Alle bereits erschienenen Folgen von »Der Poesie-Talk« finden Sie hier.

 

Franziska Röchter

Franziska Röchter, (*1959), kam als Österreicherin auf die Welt und lebt derzeit mit deutscher Staatszugehörigkeit in Verl. Sie schreibt seit vielen Jahren Lyrik, Prosa, kulturjournalistische Beiträge, Rezensionen und mehr. Jahrelang verfasste sie für den mittlerweile eingestellten bekannten Blog der Poetryslamszene, Myslam, Beiträge, Rezensionen, Interviews und trat etliche Jahre (erstmalig mit 50) als Poetry Slammerin in Erscheinung. Sie organisiert(e) Lesungsveranstaltungen in Gütersloh und Bielefeld und betreibt seit 2011 den chiliverlag.
Franziska Röchter war mehrmals Jubiläumsbloggerin für die Zeitschrift DAS GEDICHT (2012 und 2017), führte Interviews und schrieb Features über annähernd 100 bekannte Persönlichkeiten der Literaturszene.
1. Preis Hochstadter Stier (jetzt: Lyrikstier) 2011, seit 2015 Vorstandsmitglied der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V. mit Sitz in Leipzig, Mitglied im VS NRW.
Sie ist seit vielen Jahren regelmäßig in bekannten Literaturorganen wie DAS GEDICHT (Anton G. Leitner), in Vers_netze (Axel Kutsch), im Poesiealbum neu (Ralph Grüneberger), bis zu seiner Einstellung (2014) in Der Deutsche Lyrikkalender (Shafiq Naz) vertreten. Unzählige Veröffentlichungen in anderen Printmedien, Anthologien, Zeitschriften (u.a. bei dtv, in Flandziu, Halbjahresblätter für Literatur der Moderne, in Signum, Blätter für Literatur und Kritik u.v.m.). Etliche eigenständige Veröffentlichungen (Bücher, CDs), zuletzt das Projekt Fernreise. Philipp Röchter singt und spielt Gedichte von Franziska Röchter, 2017. Darüber hinaus ist Franziska Röchter Rundum-Betreuerin ihrer stark pflegebedürftigen Tochter.

© Franziska Röchter, 12/2018

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