Der Poesie-Talk – Folge 5: Paul-Henri Campbell

Es muss nicht immer nur Schreiben sein – über manches lässt sich einfach am besten sprechen. Deshalb lassen wir am 20. eines jeden Monats Autorinnen und Autoren aus DAS GEDICHT zu Wort kommen. Timo Brandt unterhält sich mit ihnen über Gedicht und Welt, Profanes und Arkanes.

 

Paul-Henri Campbell, geboren 1982 in Boston, Massachusetts, lebt als Schriftsteller in Montabaur.

1. Seit einigen Jahren bist du regelmäßig in den Ausgaben von Das GEDICHT mit deinen Texten vertreten. Wie wurdest du auf die Zeitschrift aufmerksam? Wie kam es zur ersten Publikation dort?

Um 2000 traf ich mich mit einigen Freunden in Aschaffenburg regelmäßig, um Gedichte zu schreiben und uns gegenseitig zu kritisieren. In dieser Runde hatten wir einige Zeitschriften abonniert und reichten sie unter einander weiter, darunter war auch DAS GEDICHT. Die Zeitschrift war für uns unverzichtbar, weil sie in Sachen Lyrik eine unabhängige Stimme im deutschsprachigen Raum darstellt. Sie gehört keiner Akademie an und ist nicht Teil einer Schreibschule. Sie ist einfach frei, hat eine robuste Ästhetik und ist dabei auch ziemlich erfolgreich. Was uns darin immer gut gefiel und mir bis heute gefällt, ist eine authentische, undogmatische Mischung vieler unterschiedlicher Stile.

2. Was zieht dich zur Lyrik, was fasziniert dich an ihr? Wie kamst du zum ersten Mal mit ihr in Berührung und wie kam es dazu, dass du selber Dichter wurdest?

Durchs Lesen.

3. In deinem bisher letzten Gedichtband »nach den narkosen« (Wunderhorn, 2017), geht es u. a. um den Defekt am Körper, die Insuffizienz und die Machtlosigkeit im Angesicht dieser Tatsache, aber auch den Widerstand, den Lebenswillen. War es schwer für dich über diese Thema zu schreiben? Drängte sich das schon lange auf?

Schwer nicht. Ich hatte mich vorher immer zurückgehalten, biographisches Material in mein Schreiben explizit einzubeziehen. Lieber schrieb ich über die Raumfahrt, die Concorde, den Flugzeugträger USS Kitty Hawk. Weißt Du, persönlich mag ich das Artifizielle, das Gemachte, auch das Entrückte. Sicher könnte ein Psychoanalytiker spekulieren, ob solche entfernte, dinghafte Themen ein Schutz sind, mich mit dieser – wie man sagt – »meiner« Krankheit auseinanderzusetzen. Aber für mich persönlich bedeutet Dichtung im Schreiben keine angestrengte, forcierte Auseinandersetzung mit mir selbst. Auch denke ich nicht, dass Kunst – auch literarische Kunst – sich dazu eignet. In »nach den narkosen« habe ich versucht, die seltsame Idee eines künstlichen Lebens urbar zu machen für Dichtung. Dass dazu biographisches Material zur Sprache kam, ist Zufall. Es hat lange gedauert eine Sprache dafür zu entwickeln, und ich musste viel experimentieren, bis endlich Texte entstanden, die mir gefielen.

4. Was liest du gerade? Oder welche Bücher liest du immer wieder?

Ich lese gerade Essays über Charles Baudelaire, letzte Woche Jean-Paul Sartres Baudelaire-Essay. Gerade, also wenn ich mit diesem Interview fertig bin, lese ich Walter Benjamins Aufsatz über Baudelaire. Bücher, zu denen ich immer wieder komme sind von Denise Levertov »A Tree Telling of Orpheus«, von Thomas Manns »Doktor Faustus« und von Rainer Maria Rilke.

5. Du hast die Übersetzung zweier DAS GEDICHT-Ausgaben ins Englische betreut – was war das für eine Erfahrung? Wie kam die Idee auf und wer waren die Übersetzer*innen?

Es ist ja ein Experiment. Wir wollten deutschsprachige Autoren, wie sie aus der redaktionellen Arbeit auftauchen, als snapshot haben. Deshalb gibt es hier keine Anthologie, die einen repräsentativen Anspruch hat. Vielmehr sollte die Übersetzung hier neben den Gedichten auch ein flüchtiger Moment aus einem Medium innerhalb einer sehr diversen Kunst-Szene sein / einen temporären Zustand abbilden / eine Momentaufnahme liefern. Ich habe eine Auswahl von Gedichten übersetzt, die es in eine bestimmte Ausgabe von GEDICHT geschafft hatten. reinkam. Es ist also dezidiert kein anthologisches Portrait einer ganzen Szene, wenn so etwas Vermessenes überhaupt möglich wäre, sondern es sind, etwas salopp gesagt, übersetzte Party-Bilder, Momentaufnahmen aus dem Leben einer Zeitschrift. Es sind ja mehr als 100 Texte geworden – darunter total bekannte Namen, es gibt aber auch Gedichte von überhaupt nicht oder noch wenig bekannten Poetinnen und Poeten, die es in die Ausgabe geschafft haben, weil der Redaktion ein bestimmter Text von ihnen gefiel. Ich finde, die Entscheidung, eine Zeitschrift zu übersetzen, entspricht auch meiner Vorstellung von Qualität und Geschmack – beides nämlich relative, ästhetisch subjektive, situativ wandelbare, von vielen Zufällen und Idiosynkrasien abhängige Größen.

6. An was schreibst/arbeitest du zurzeit?

Diese Woche will ich mit einem Essay über den Maler Sighard Gille beginnen.

7. Eine kurze Analyse des zeitgenössischen deutschen Literaturbetriebs?

Das kann ich gar nicht. Lese aber gerade sehr fasziniert alle Beiträge, die im Umkreis der Sexismus-Debatte in den Literaturinstituten entstehen. Es ist wirklich eine facettenreiche, stark reflektierte Debatte. Es diskutieren dabei ja meist sehr, sehr junge Autoren und Autorinnen. Ich habe mich daran erinnert, wie es für mich war, als ich zum ersten Mal Judith Butler las. Die emanzipatorische Kraft ihrer Gedanken hatte für mich eine richtige Wucht. Damals. Überall sah ich gender trouble. Ihr Konzept der Heteronormativität habe ich vor kurzem in einem Essay für Krankheitsdiskurse, um die es mir geht, zu Salutonormativität erweitert. Emanzipation ist dem Gefühl nach ungestüm, aufwühlend und unbequem. Die hermeneutische Perspektive – nicht nur auf Literatur, sondern auch zum Selbst- und Gesellschaftsbezug – ist ja gewaltig und sehr ermächtigend. Wie gut eine solche Debatte ist und welche Auswirkungen sie handlungspraktisch zeitigt, hängt, denke ich, auch davon ab, wie man mit der Wucht dieser Ermächtigung umgeht. Will man Gerechtigkeit, will man über Gender ehrlich und ernsthaft nachdenken oder sinkt der Diskurs in ein selbstgefälliges Geschrei? Man lernt ja auch selbst erst allmählich mit der eigenen Emanzipierung umzugehen – Gefühle wie Wut und Empörung sind dabei natürlich und wichtig, weil man plötzlich eine Sprache beherrscht, die es ermöglicht ein empfundenes Unrecht zu artikulieren und strukturelle Schieflagen zu identifizieren. Letztlich ist es ein Diskurs, in dem es um Gerechtigkeit geht. Für das, was Du »Literaturbetrieb« nennst, denke ich, wird diese Debatte ein neues Bewusstsein hervorbringen. Bisher hat die Debatte tolle Texte hervorgebracht – für die Literatur ist das auch erst mal nicht schlecht. Ich weiß nur nicht, ob sich ein eigentlich gerechtigkeitslogischer Diskurs einfach eins-zu-eins in die Ästhetik übertragen lässt.

Paul-Henri Campbell. Foto: Volker Derlath

Paul-Henri Campbell. Foto: Volker Derlath

8. Du hast einige Essays zu den Werken und der Person von bildenden Künstler*innen und Graphiker*innen geschrieben (zuletzt zum Beispiel zu Michael Morgner in »Ostragehege 83«). Woher kommt diese Nähe zur bildenden Kunst?

Im November 2010 wohnte ich in Leipzig. Ich war ganz neu in die Stadt gezogen. Eines Abends ist mir die Decke auf den Kopf gefallen. Ich kannte niemanden, so bin ich ausgegangen und habe mich besoffen. Nach drei Bier ging ich in einen Schuppen am Ende der Barfüßergasse »Die Zigarre« – ein toller Gewölbekeller mit einer großen Auswahl an Zigarren. Ich saß allein an einem Tisch. Im Raum waren um einen kleinen ovalen Tisch gruppiert drei Herren, wie ich später erfuhr, der Maler Aris Kalaizis, sein damaliger Galerist, sowie ein Sammler. Plötzlich begannen sie über Peter Handke zu quatschen. Als mein Bier leer war, schwankte ich zu ihnen rüber und habe mich ihn ihre Handke-Diskussion hineingepöbelt. Eine Woche später traf ich Aris in seinem Atelier in der Nähe des Leipziger Hauptbahnhofs wieder und dann jede Woche. Damit hat es angefangen. Natürlich habe ich auch in einem Museum, in der Denkmalpflege gearbeitet, viel – vor allem sakrale – Kunst gesehen und gelesen, aber das ist nicht so wichtig. Die jahrelange Freundschaft zu Aris Kalaizis, die Anteilnahme an seiner Arbeit, hat wesentlich geprägt, wie ich über Kunst nachdenke.

9. 2012 hast du in einem Interview gesagt, in deinem Schreiben würdest du nach Mythologien der Gegenwart suchen. Würdest du das erläutern? Hat es irgendwas mit Roland Barthes »Mythen des Alltags« zu tun?

Mythologie ist, denke ich, ein narratives Verständnis der Wirklichkeit. Sie entspinnt sich in zahlreichen Typologien und erzählerischen Mustern, die– wenn auch gewandelt – immer wiederkehren. Ich will nicht mehr so viel darüber sagen, denn obwohl mythologisches Denken wichtig ist, lerne ich immer mehr, konkrete, einmalige Dinge zu sehen und über sie nachzudenken. Das Konkrete ist oft widersprüchlich, schwerer zu begreifen und entbehrt den Schutz des Mythos, der oft die Individualität zu Gunsten eines Grand Narratives übersieht. Da bin ich gerade.

10. Für die 145. Ausgabe der Lichtungen hast du ein Kapitel mit neuer australischer Lyrik betreut und diese auch übertragen. Setzt du dich viel mit internationaler (englischsprachiger) Poesie auseinander? Gibt es unbekannte Dichter*innen oder sogar Regionen der Poesie, die du sehr empfehlen würdest.

Du bekommst aber auch alles mit. Schön. Ganz viele. Ganz bestimmt aber den Australier Alex Skovron. Und unbedingt den bereits lange verstorbene Trappisten Mönch und Poeten Thomas Feverel Merton.

11. Gibt es Lyriker*innen, die dein Schreiben beeinflusst haben? Wen findest du momentan in der deutschen Gegenwartslyrik lesenswert?

Auch hier ganz viele. Ludwig Steinherr, für die Tiefe. Ilma Rakusa, weil lichter Horizont. Jürgen Becker, nicht der Kabarettist. Nico Bleutge, bei jedem Wetter. Ulrike Draesner, für den Sound. Nora Gomringer, für noch mehr Sound. Alexandru Bulucz, wegen der genuinen Intelligenz. Simone Scharbert, für unglaubliche Miniaturen. Meine Güte, es gibt so viele, die ich gerne lese. Gundula Schiffer, für das Grelle. Ann Cotten, für den großen Wurf. Josef Brustmann, für liebevollen Humor. Kurt Drawert, für den Ernst. Werner Söllner, mit Calcium. Rainer René Mueller, für tiefgründige Leichtigkeit. Und so viele mehr. Von anderen kenne ich nur ein paar Gedichte, die ich mal bei einer Lesung gehört habe, von denen hätte ich gerne ein Buch, z. B. Özlem Özgül Dündar (ihre Übersetzung von İzzet Yaşar ist stark) oder Sibylla Vričić Hausmann. Dann sind noch Dichter, von denen ich mir wünschte, sie würden mehr auf Deutsch schreiben, wie Bela Chekurishvili aus Tiflis, die ja in Übersetzung von Norbert Hummelt vorliegt, der bisher ja noch nicht so als Georgist aufgefallen ist, aber sie selbst schreibt auch berührende deutschsprachige Gedichte.

12. Büchner-Preis an Jan Wagner – ein Kommentar?

Warum nicht.

13. Ein Motto der Zeitschrift DAS GEDICHT ist: »Poesie rettet den Tag«. Was für einen Ehrgeiz hast du in Bezug auf dein Schreiben? Was kann Lyrik, was können Worte deiner Ansicht nach bewirken, bewegen? Liegt in der Literatur eine Möglichkeit, soziale Gefüge zu stützen, zu stärken?

Mein Ehrgeiz besteht darin, Sprache und Technik meiner Dichtung immer wieder in Frage zu stellen und neue Verfahren auszuprobieren. Ich will insgesamt mehr schreiben. Ludwig Steinherr hat ja gezeigt, dass man bei einer unglaublich hohen Produktion trotzdem unglaublich gute Gedichte schreiben kann. Das ist auch, was Rilke zum paradigmatischen Dichter gemacht hat. Bisher gelingt es mir nur, ein Gedicht pro Tag zu übersetzen. Ich will aber in einen Zustand kommen, in dem meine Gedichte aus einer beständigen, dichten Praxis entstehen. Du fragst aber anders. Du willst wissen, was Literatur im »sozialen Gefüge« tun kann. Also eigentlich, hängt alles davon ab. Dichtung lesen – wie auch schreiben – geht mit einer bestimmten Gefühlsprägung einher, einem Sensorium, einer Aufmerksamkeit für die Dinge. Dichtung ist hier ganz anders als Religion; Religion findet oft ihren Adressanten; die Stimmen der Dichtung sind nicht so klar adressiert. Eine Gefühlsprägung, die aus der Dichtung kommt, ist eine Hyperempfindlichkeit, die zwar nicht immer heilsam oder glücklich sein muss, aber in ihrer dauernden Erregtheit, wenn ich das mal so sagen darf, permanent registriert, was ist. Man könnte auch sagen, dass die Dichtung eine Art sensitive Aufgeklärtheit ist, um ins Offene zu kommen, egal, ob es dort hagelt oder schön warm ist. Und in einer Welt, die immer mehr abgeschlossene, abgekapselte Antworten sucht, ist gerade diese hypererregte Offenheit notwendig.

14. Gibt es einen Tipp, einen Ratschlag, den du jungen Autor*innen geben würdest?

Weiß nicht, ob ich der Richtige zum Ratschlag geben bin. Vielleicht das: Lesen, bevor Du schreibst. Bücher kaufen. Studieren, was andere schreiben. Viele Bücher kaufen. Zeitschriften abonnieren. Mindestens vier bis fünf Zeitschriften regelmäßig lesen. Andere wahrnehmen. Dich für was interessieren. Für etwas stehen. Viel wissen. Fleißig sein. Nichts planen. Schreiben nie als Mittel, sondern immer als Selbstzweck betrachten.

 

Timo Brandt

Timo Brandt

»Der Poesie-Talk« wird Ihnen von Timo Brandt (Jahrgang 1992) präsentiert. Er studiert derzeit an der Universität für angewandte Kunst in Wien, am Institut für Sprachkunst. Er schreibt Lyrik und Essays, außerdem veröffentlicht er Literatur-Rezensionen auf seinem Blog lyrikpoemversgedicht.wordpress.com, Babelsprech.org und Amazon. Im Februar 2017 erschien sein Gedichtband »Enterhilfe fürs Universum« in der edition offenes feld. 2013 war er Preisträger beim Treffen junger Autoren.

Alle bereits erschienenen Folgen von »Der Poesie-Talk« finden Sie hier.

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