Der Poesie-Talk – Folge 6: Franziska Röchter im Gespräch mit Ralph Grüneberger

Werk, Wirkung, Wirklichkeit: Am 22. jeden Monats unterhalten sich im losen Wechsel GEDICHT-Herausgeber Anton G. Leitner und die Bloggerin Franziska Röchter mit Schriftstellern und Literaturvermittlern über ihre Arbeit und ihr Leben.

 

Ralph Grüneberger, Lyriker, Herausgeber, Lyrikvermittler: Tut etwas für die Gattung!

Lieber Ralph, du hast deinen literarischen Werdegang ja offiziell von 1978 bis 1982 am Literaturinstitut Johannes R. Becher, das später, 1995, nach einer Neugründung als Deutsches Literaturinstitut Leipzig seinen Lehrbetrieb wieder aufnahm bzw. fortsetzte, begonnen. Davor hast du eigentlich eine ganz andere Berufsausbildung durchlaufen und bist wiederum in ganz anderen Berufsfeldern tätig gewesen. Wann genau und wodurch hast du deinen Hang zum Literarischen entdeckt?

Abgesehen von ersten Versuchen im Geschichtenerzählen während der Schulzeit habe ich ernsthaft Anfang der 1970er Jahre begonnen, intensiv zu schreiben, das ging mit dem intensiven Lesen einher. Begonnen habe ich mit Kurzprosa. Für eine Kurzgeschichte, die überdies 1981 meine erste Veröffentlichung im Westen war, erhielt ich 1976 einen Preis beim Zentralen Poetenseminar in Schwerin (heute mit den open mike vergleichbar), wo ich dann ab 1979 auch als Seminarleiter tätig war.

… dass der Wettbewerb untereinander auf das künstlerische Wort zielte und nicht, wie man es heute oft empfindet, auf einen Verdrängungs-mechanismus …

Wenn du zurückblickst: Was waren die hervorstechenden Merkmale der Ausbildung am Literaturinstitut? Was hat dich dort am meisten geprägt?

Die multilaterale Ausbildung war eine Besonderheit am Johannes-R.-Becher-Institut; die andere Seltenheit war, dass ein Matrikel erst abgeschlossen wurde, ehe ein nächstes neues begann, wir als Studenten uns also in der komfortablen Situation befanden, dass auf 20 Studierende etwa 10 Dozenten bzw. Professoren kamen, die in überwiegender Zahl Praktiker waren. Und als dritte Besonderheit, das wurde mir erst später bewusst, möchte ich hervorheben, dass der Wettbewerb untereinander auf das künstlerische Wort zielte und nicht, wie man es heute oft empfindet, auf einen Verdrängungsmechanismus, um Pfründe im Literaturbetrieb zu erlangen oder sich Vorteile zu sichern, obgleich natürlich das Kind eines Politbüromitgliedes gewisse Vorrechte genoss. Insgesamt war ich 5 Jahre Student am Literaturinstitut, und sich mit Dichtung & Wahrheit gleichermaßen beschäftigen zu dürfen, empfand ich als großes Privileg.

Ralph Grüneberger

Ralph Grüneberger, © Torsten Hanke

Im Literaturbetrieb der DDR galtest du ja auch „lange Zeit als suspekt“ und musstet Geduld an den Tag legen, um „1984 mit einem Heft (Nr. 198) in der Reihe „POESIEALBUM“ als Dreiunddreißigjähriger eine erste Gedichtsammlung zu veröffentlichen“, schrieb Prof. Dr. Walfried Hartinger vor vielen Jahren anlässlich deines runden Geburtstages. An diesem Heft fällt auf, dass du etliche Texte dem Schicksal verschiedener Frauen und ihren damaligen Professionen und Lebenswidersprüchen widmest. Im Text „Abriß“ beschreibst du die „geduckten“, gekrümmten Menschen, die in der Not das Buckeln lernen (dessen Inbegriff die niedrigen Decken der Häuser sind – „Die Decken der Kammern waren ausgerichtet, sie das Ducken zu lehren.“) Das Gedicht endet: „Die niedrigen Häuser sind so hinfällig wie die Niedrigkeit selbst.“ Deine Gedichte sind durch und durch kritisch im Hinblick auf bestehende Umstände und Zustände. Auch wenn du mit 17 Jahren aufgrund deiner Teilnahme an einer Demonstration schon einmal verhaftet wurdest – später konntest du aber trotz deiner grundkritischen Haltung als politisch akzentuierter Schriftsteller stärkere Repressalien umgehen. Wie ist dir das gelungen?

Ich bin hartnäckig und ausdauernd.

Es gab immer wieder Hände, die man mir kollegial oder gar freundschaftlich entgegenstreckte oder die sich indirekt schützend über mein Haupt legten. So wurde 1968 eine schon formulierte Anklage wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt nicht erhoben oder 1981 meine Exmatrikulation vom Literaturinstitut verhindert. Freilich wurde 1967 mein Lehrverhältnis vom Direktor der Berufsschule gelöst, weil ich eine Petition gegen den Ausschluss dreier Mitlehrlinge verfasst und dafür Unterschriften gesammelt habe. Ich konnte 1976 auch nicht auf direktem Wege studieren, mein Protest gegen die Sprengung der Leipziger Universitätskirche war aktenkundig. Den Umweg hat mir seinerzeit Elisabeth Schulz-Semrau geebnet. Aber alles in allem ist es meine Natur. Ich bin hartnäckig und ausdauernd. Und ich bin froh, dass ich vor meinem Literaturstudium 12 Jahre in verschiedenen Berufen gearbeitet habe, also nicht von Schulbank zu Schulbank geschlüpft bin, das hat mich zum sozialen Denken und Fühlen hingeführt.

Wenn du heute an solche Veranstaltungen wie die legendäre illegale Stauseelesung 1968 mit Siegmar Faust und Wolfgang Hilbig auf dem Leipziger Elsterstausee zurückdenkst, welche Emotionen kommen dann hoch?

Ich war zu der Zeit 17 Jahre alt, interessierte mich für Beatmusik und nicht für Lyrik. An dem Wochenende nach dem Einmarsch der „Bruderarmee“ am 21. August 1968 in der ČSSR wurden ich und meine damals 16-jährige Freundin von meinen zukünftigen Schwiegereltern überrascht. Beide waren Parteikader und wurden aus dem Urlaub zurückbeordert, um die Stabilisierung der „Lage“ mit abzusichern. Von der Lyrik-Lesung auf dem Fahrgastschiff „Immer bereit“ erfuhr ich als Mitglied des Vereins Freie Literaturgesellschaft Leipzig erst 2000 oder 2001. Da der auserwählte Historiker aus dem Verein es ablehnte, sich dem Thema ohne vorher vertraglich zugesicherte Vergütung anzunehmen, erklärte ich mich bereit, das Projekt zu übernehmen. Ich weiß noch, als ich mit Steffen Mohr, dem inzwischen verstorbenen Vorsitzenden des Vereins, der um Fördermittel ersuchte, im Berliner Büro des Verantwortlichen der Bundesstiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur saß, klang er sehr kühn, als ich ihm meinen Plan offerierte: Rundfunk-Feature, Wanderausstellung mit Ausstellungskatalog, virtuelle Ausstellung und Dokumentarfilm. Am Ende wurden alle vier Positionen realisiert; das gemeinsam mit Gerhard Pötzsch verfasste Feature „Das sächsische Meer“ sogar mit einem umfangreichen Booklet. Und für den von mir redigierten Katalog erhielt der Verein den Historikerpreis. Ohne Not hat die Freie Literaturgesellschaft 2007 die virtuelle Ausstellung aus dem Netz genommen und alle Daten gelöscht, dabei hätte das Preisgeld gereicht, die Ausstellung noch 60 oder 70 Jahre im Webformat vorzuhalten, um gerade auch die Netz-affinen „Nachgeborenen“ an das Thema heranzuführen. Die Wanderausstellung „gegen den strom“ wurde bislang in fünf deutschen Städten präsentiert, immer in Verbindung mit einem Rahmenprogramm, und kann indes mehr als 30.000 Besucher verzeichnen. Aktuell ist sie noch bis Ende Juli in der Gedenkstätte Bautzner Straße in Dresden zu sehen und ab 21. August soll sie im ehemaligen Zuchthaus Cottbus gezeigt werden.

In der hochinteressanten Publikation „Das Sächsische Meer – Schriftsteller und der Prager Frühling in Leipzig“ von 2003 ist ja direkt vorn drin die Kopie eines Original-Dokumentes der Stasi vom 02.08.1968, ein Beobachtungsauftrag zu Siegmar Faust mit dem Etikett „Geheim!“, abgelichtet. Als „Grund der operativen Bearbeitung“ wird angeführt: „Verdacht der staatsfeindlichen Gruppenbildung und staatsf. Hetze“, dem zugrunde lag wohl der „suspekte“ Lebenswandel in Form von „wiederholten Übernachtungen auf dem Boot“ – Siegmar Faust war Dampferfahrer – sowie Partys und Gaststättenbesuche.
Wie sehr wird man zeitlebens von dieser bedrückenden Atmosphäre des möglicherweise Bespitzeltwerdens geprägt, kann man das überhaupt jemals wieder abschütteln?

In meinem über Jahre geführten Gedichtzyklus „Momento“ habe ich versucht, das Gefühl zu beschreiben. In „Momento III“ von 1991 heißt es rückblickend:„Dem viertürigen Wagen / Mit den stummen Insassen / Vor meinem Haus / Habe ich mein Herzklopfen / Nicht zu erkennen gegeben.“ Man wird es nie los. Vor allem die Vertrauensbrüche.

Da würden sich heutige Jugendliche in Rhein, Weser
oder Oder stürzen.

Wie beurteilst du die Entwicklungen im und durch das Internet vor dem Hintergrund deiner gelebten Erfahrungen? Stichwort Gläserner Mensch, Stichwort INDECT z. B.?

Zum einen bin ich in einem Land aufgewachsen, in dem es zwar „Tempolinsen“ gab (die vorgekocht und dann getrocknet waren und so schneller aufquollen), aber sonst vieles mit Schlange stehen oder Wartezeit verbunden war. Z.B. musste ich 12 Jahre auf einen Telefonanschluss warten. Da würden sich heutige Jugendliche in Rhein, Weser oder Oder stürzen. Zum anderen wusste man natürlich, dass Kontaktdaten gesammelt werden, Nachbarn befragt, die Wahlkabinenbenutzung registriert und der Postverkehr überwacht wurden. Die heutigen Möglichkeiten, wo kein Papierkorb oder Abfalleimer mehr durchsucht werden muss, um an Erkenntnisse oder Personendaten zu kommen, habe ich in meinem Gedicht „Wo ich zu Hause bin III“ so formuliert: „Wo ich zu Hause bin, kann / Wo ich zu Hause bin, geortet werden: / Der Geheimdienst im Drehstuhl, nicht mehr / Eingeklemmt in fußkalte Wagen / Wo ich zu Hause bin, ist / Auch der Dickste ein Strich / Code.“

2010 erschien im Hörwerk Leipzig von dir und Wolfgang Rischer die Publikation „Wunder ganz in der Nähe – Ein deutsch-deutscher Gedichtdialog“. Wolfgang Rischer beschreibt hinten im Band seine beklemmenden Erfahrungen im Rahmen des „kleinen Grenzverkehrs“, du berichtest von deinen Erlebnissen als 35-Jähriger, der 1986 für die „Lyrikwoche“ nach Dortmund reisen durfte, und wie du dich ständig „auf der Hut“ fühltest. In Gedichten wie z. B „Momento II“ erschrickt das Lyrische Ich „Wenn es klingelt / Noch jedes Mal.“ Ihr beide beschreibt die Überwindung der deutschen Teilung ohne „Jubelschrei“ aus einer gewissen intellektuellen Distanz heraus. Wie viele deutsch-deutsche Poesiedialoge werden deiner Meinung nach noch nötig sein?

Allerdings ist es selten, dass Literaten einander
wahrnehmen.

Das Projekt „Wunder ganz in der Nähe“ zähle ich zu den erfolgreichsten, weil es nicht nur zwei Lebensweisen und zwei Lebensläufe zusammenführt, sondern sich diese mittels des Gedichts in Korrespondenz begeben. Und das gleichberechtigt und ohne die übliche „freundliche Übernahme“ einer sagen wir Treuhand, die für eine symbolische Mark die Lebenserfahrung des Ostlers aufkauft, um sie verdrängen zu können. Ich kenne Wolfgang Rischer seit 1988 und bin mit ihm seitdem befreundet. Als ich 2016 mit dem Bremer Multitalent Michael Augustin in der Veranstaltungsreihe „ZWIE SPRACHE – Zwei Stimmen, zwei Schreibweisen, zwei Temperamente“ auftrat, hatte ich das Gefühl, dass hier die Form des Poesiedialogs eine Fortsetzung gefunden hat. Allerdings ist es selten, dass Literaten einander wahrnehmen.

Doch ich möchte dem frischen Gedicht nicht beim ersten
Mal auf dem Monitor begegnen.

Was ärgert dich am meisten an Autoren, wenn sie aufgrund von Ausschreibungen Einsendungen tätigen?

Wichtig ist erst einmal, dass die Freude überwiegt. Jedes wirkliche Gedicht, das ich entdecken darf, ist ein Gewinn. Und nicht selten kann schon die Korrektur eines misslungenen Verses das Ganze retten; mitunter macht auch eine Kürzung das Gedicht größer. Ich mache es mir hier nicht leicht als Verantwortlicher für die Zeitschrift „Poesiealbum neu“ und finde auch mehrheitlich Widerhall bei den Einsenderinnen und Einsendern. Denn natürlich weiß ich, wovon ich spreche, wenn ich ein Gedicht beurteile und Verbesserungsvorschläge mache. Dass ich dabei auch auf taube Ohren stoße, ärgert mich nur marginal. Vielmehr ärgert mich, dass viele die Ausschreibung nicht wirklich lesen, Leute irgendetwas einsenden und vor allem die Zeitschrift gar nicht kennen, in der sie veröffentlichen wollen, und auch kein Interesse zeigen, sie kennenzulernen. Was ist das für ein Ethos? Hinzu kommt, dass ich bewusst altmodisch auf das Einsenden im Papierformat bestehe, was eine große Zahl der Einsender als lästig empfindet. Doch ich möchte dem frischen Gedicht nicht beim ersten Mal auf dem Monitor begegnen. Außerdem wäre es unverantwortlich, von Unbekannten Anhänge zu öffnen.

In der Ausgabe 1/1018 des „Poesiealbum neu“, „Vom Glück, Gedichte“, ist ein Interview abgedruckt, dass das Leipziger Stadtmagazin „kreuzer“ im Dezember 2017 mit dir führte. Darin sagst du, es sei „Unsinn, eine Botschaft vermitteln zu wollen oder für ein Publikum zu schreiben, in der Hoffnung, berühmt zu werden“. Nun, wie viel geheime Hoffnung vom Berühmtwerden gehegt wird, darüber kann man nur spekulieren, aber Botschaften, wenn auch versteckter Natur, sind doch in nicht wenigen Gedichten enthalten? Wenn man z. B. über die Vergangenheit in schwierigen und kritischen Zeiten schreibt, ist dann nicht die Botschaft diese, dass solche Zeiten auf keinen Fall vergessen werden sollen? Selbst ein Naturgedicht mit einer unverhohlenen Lobpreisung des „Grünen“ ist doch ein Statement, irgendwo auch eine Botschaft, ein geheimer Appell an den Leser … Was ist mit politischen Gedichten?

Will man aber missionieren, dann sollte man eine andere
literarische Form wählen.

Das Gedicht ist kein Schnellläufer, das eine Botschaft von A (wie Autor) nach B (wie Beschenktem) bringt. Der Autor agiert als Interessenvertreter, sprich Botschafter der Sprache. Wir alle sind mit der Frage aufgewachsen: Was will uns der Dichter damit sagen? Ja, was wohl? Er will Silben zum Klingen bringen, will Assonanzen, Dissonanzen und/oder Resonanzen erzeugen, will Worte verbinden, wie sie so noch nicht verbunden waren, will einen Gegenstand behandeln, ein Thema, einen Sachverhalt, eine Laune, einen Einfall, eine Meinung. Wenn er dann daraus für sich selbst einen Gewinn erzielt (geht der von Dir zitierte Passus weiter), erst dann kann es auch für andere ein Gewinn sein, ein geistiger Mehrwert. Will man aber missionieren, dann sollte man eine andere literarische Form wählen. Das beschädigt das Gedicht.
Um ein Beispiel für meine Interpretation zu geben: Anfang der 1990er habe ich angesichts einer verklappten Mülldeponie Goethes Vers „Über allen Gipfeln ist Ruh“ in ein eigenes Gedicht eingebunden. Wir sind uns einig, dass der Dichterfürst es nicht als eine solche Botschaft angelegt hat.

Was sollte sich deiner Meinung nach im Bereich Lyrik, Lyrikvermittlung, Lyrikrezeption und -perzeption ändern?

Es hilft nichts, sich zu beklagen, dass den wenigen Lyriklesenden kaum welche nachwachsen und die verschwindend geringe „Schar“ ihre Begeisterung zu wenig kundtut und somit nur selten ansteckend wirkt. Es ist ein schwacher Trost, dass es die Reim-Rapper gibt und die saalfüllenden Poetry Slammer. Rap ist gereimter Rhythmus und für mich Ausdrucksmittel des Prekariats. Das kann nicht glimpflich abgehen. Beim Poetry Slam ist nach meinem Eindruck das Publikum meist schon zufrieden, bekommt es pure Situationskomik geboten. Das Verdienst von Rappern und Slammern ist es, jene Endreime aufzurufen, die den Schlagerindustriellen bislang zu heikel waren. Das hilft dann schon wieder der deutschen Sprache auf, die täglich medial in Versatzstücken gehandelt wird.

… ein Gedicht ist nichts Schnelllebiges. Es braucht Zeit
zu werden und zu wirken.

Vom Warteland DDR sprach ich schon. Wenn dort ein Gedicht ein halbes oder ganzes Jahrzehnt auf seine Veröffentlichung warten musste, war das normal. Das musste das Gedicht aushalten, wollte es eine gewisse Haltbarkeit erlangen. Mit anderen Worten, ein Gedicht ist nichts Schnelllebiges. Es braucht Zeit zu werden und zu wirken. Das passt nicht zu einem Buchhandel, der bereits im Mai die Titel aus den Frühjahrsverlagsprogrammen remittiert.
Ich wünsche mir nach wie vor, dass mehr Lyrik gelesen und diskutiert wird, dass diese einzigartigen „Geschenke an die Aufmerksamen“ (Paul Celan) auch als solche wahrgenommen werden. Würden nur all jene, die eigene Lyrik veröffentlichen wollen, auch Gedichtbände kaufen oder zumindest in ihren heimischen Bibliotheken darauf drängen, dass diese in den Bestand kommen, und sich wiederum dafür einsetzen, dass die Lyrik-Hefte und -Bücher von vielen ausgeliehen werden, würden Verlage auch mehr Gedichtbände realisieren können.
Den mehrheitlich austauschbaren Tageszeitungen in Deutschland, die ihre Existenz oft nur über den Lokalteil retten, stünde die tägliche Veröffentlichung eines Gedichtes nicht schlecht. Gern auch mit einem kurzen Kommentar eines Kundigen, als geistige Navigation. Oder: Warum nicht hin und wieder ein Gedicht im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, statt der Baumarkt-Reklame vor der „Tagesschau“ – im Land der „Dichter & Denker“? Als nach dem Ende der Aktion in der englischen U-Bahn die Gedichtplakate fehlten, sollen sie die Fahrgäste vermisst haben. Auch Stuttgart und Dresden haben durch Trambahn-Lyrik von sich reden gemacht. Leider fehlen die Nachahmer, denn allein das Angebot erzeugt die Nachfrage. Im „stillen Kämmerlein“ kann ein Gedicht gedeihen, das nach hundert Jahren ein Germanist ausgräbt. Wem das nicht genügt, muss sich zu Lebzeiten einbringen. Ich sage nur: Lyriker aller Güte, vereinigt Euch und tut etwas für die Gattung!

Lieber Ralph, herzlichen Dank für dieses Gespräch.

Ralph Grüneberger "Die Saison ist eröffnet"

Ralph Grüneberger „Die Saison ist eröffnet“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ralph Grüneberger, Die Saison ist eröffnet: Neue Gedichte mit Zeichnungen von Karl Oppermann und einem Nachwort von Norbert Schaffeld
Harry Ziethen Verlag, Juli 2016
ISBN 978-3862891290, 96 Seiten

 

 

 

 

© Franziska Röchter für dasgedichtblog, Juni 2018

 

Die Rubrik »Der Poesie-Talk« wurde in Zusammenarbeit mit Timo Brandt gegründet, der die ersten fünf Folgen betreute. Alle bereits erschienenen Folgen von »Der Poesie-Talk« finden Sie hier.

 

Franziska Röchter

Franziska Röchter, (*1959), kam als Österreicherin auf die Welt und lebt derzeit mit deutscher Staatszugehörigkeit in Verl. Sie schreibt seit vielen Jahren Lyrik, Prosa, kulturjournalistische Beiträge, Rezensionen und mehr. Jahrelang verfasste sie für den mittlerweile eingestellten bekannten Blog der Poetryslamszene, Myslam, Beiträge, Rezensionen, Interviews und trat etliche Jahre (erstmalig mit 50) als Poetry Slammerin in Erscheinung. Sie organisiert(e) Lesungsveranstaltungen in Gütersloh und Bielefeld und betreibt seit 2011 den chiliverlag.
Franziska Röchter war mehrmals Jubiläumsbloggerin für die Zeitschrift DAS GEDICHT (2012 und 2017), führte Interviews und schrieb Features über annähernd 100 bekannte Persönlichkeiten der Literaturszene.
1. Preis Hochstadter Stier (jetzt: Lyrikstier) 2011, seit 2015 Vorstandsmitglied der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V. mit Sitz in Leipzig, Mitglied im VS NRW.
Sie ist seit vielen Jahren regelmäßig in bekannten Literaturorganen wie DAS GEDICHT (Anton G. Leitner), in Vers_netze (Axel Kutsch), im Poesiealbum neu (Ralph Grüneberger), bis zu seiner Einstellung (2014) in Der Deutsche Lyrikkalender (Shafiq Naz) vertreten. Unzählige Veröffentlichungen in anderen Printmedien, Anthologien, Zeitschriften (u.a. bei dtv, in Flandziu, Halbjahresblätter für Literatur der Moderne, in Signum, Blätter für Literatur und Kritik u.v.m.). Etliche eigenständige Veröffentlichungen (Bücher, CDs), zuletzt das Projekt Fernreise. Philipp Röchter singt und spielt Gedichte von Franziska Röchter, 2017. Darüber hinaus ist Franziska Röchter Rundum-Betreuerin ihrer stark pflegebedürftigen Tochter.

© Franziska Röchter, 12/2018

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