Der Poesie-Talk – Folge 7: Franziska Röchter im Gespräch mit Matthias Bronisch

Werk, Wirkung, Wirklichkeit: Am 22. jeden Monats unterhalten sich im losen Wechsel GEDICHT-Herausgeber Anton G. Leitner und die Bloggerin Franziska Röchter mit Schriftstellern und Literaturvermittlern über ihre Arbeit und ihr Leben.

 

Matthias Bronisch, Lyriker, Erzähler, Übersetzer, Pädagoge, Herausgeber

Lieber Matthias, du wurdest 1937 in Stettin geboren. Auf der Wikipedia-Seite „Liste von Söhnen und Töchtern Stettins“ wirst du neben vielen Künstlern, Politikern und Persönlichkeiten aufgeführt, die in Stettin das Licht der Welt erblickten. Als du 8 Jahre alt warst, seid ihr aus der Heimat geflüchtet. Kannst du dich daran erinnern, wie es damals für dich war, was es für dich bedeutete?

Ich habe viele Bilder vom brennenden Stettin im Kopf, durch das ich mit meiner Mutter hetzte …

Das ist nicht ganz einfach. In letzter Zeit hört man viel von Traumata, mit denen sich Menschen, die Krieg erlebt haben, herumschlagen. Ich habe viele Bilder vom brennenden Stettin im Kopf, durch das ich mit meiner Mutter hetzte, um in den Bunker zu gelangen, wo sie dann von einem Uniformierten angeschrien wurde, weil Mütter mit Kindern sich in Stettin nicht aufhalten durften. Wir waren in einem Schloss in Wildenbruch evakuiert, aber in Stettin war im Garten das Obst zu ernten. Auch sehe ich vom Zug aus, der angehalten wurde, weil Tiefflieger kamen, am Horizont das brennende Stettin. So war die Welt, in der ich aufwuchs, es war, so merkwürdig das klingen mag, die Normalität. – Die Flucht als Achtjähriger ist schon sehr viel bewusster im Hinblick auf Angst und Bedrohung. Zu Tausenden standen wir, meine Mutter mit vier Kindern, einer davon noch in einem Wäschekorb, Ende Februar auf einem Berliner Bahnsteig und versuchten einen Zug zu erreichen, der nach Westen fuhr. Da war die Angst, uns zu verlieren, die kleinen Geschwister wurden durch Fenster in den Zug gehoben, die Gänge waren mit Gepäck zugestellt und es war ein eiskalter Winter. Aber dann waren wir nach Tagen doch im Elternhaus meiner Mutter in Bad Essen angekommen. Im März kam von meinem Vater noch eine Geburtstagskarte, dann hörten wir acht Jahre nichts mehr, bis 1953 die Nachricht von seinem Tod in Österreich im April 1945 kam.

Anfang der Fünfzigerjahre warst du für 6 Jahre Schüler des Gymnasiums in Petershagen/Weser. 2002 hast du über diese Zeit, die Hellmuth Opitz als „Verbüßung von sechs Jahren Internat in der ostwestfälischen Provinz im Mief der 50er Jahre“ bezeichnet hat, die Erzählung „In der Zeit des Schweigens“ veröffentlicht. Warum überhaupt ein Internat, was war so nachhaltig beindruckend, bedrückend, unter Umständen negativ an jener Zeit dort und inwiefern haben diese Jahre deinen Berufswunsch beeinflusst?

Matthias Bronisch, © Bronisch

Matthias Bronisch, © Bronisch

Auch Schule war beängstigend in ihrer Strenge.

Man hört so vieles über Internate, doch meine Erfahrungen sind keine belastenden. Niemand verlässt als Kind gerne seine Familie, aber für mich gab es keine andere Möglichkeit, ein Gymnasium zu besuchen. Es war ein evangelisches Internat, mit vielen Gesängen, Gebeten und Predigten, ein Zuviel, das dann ins Gegenteil umschlagen kann. Auch Schule war beängstigend in ihrer Strenge, doch als Internatler kommt man sehr schnell in eine Selbständigkeit, die der in der Familie lebende nicht entwickeln muss. Ich hielt meine Mutter weitgehend fern von den Einladungen der Lehrer zu Elternsprechtagen. Ich las nicht viel, malte dafür umso mehr und schrieb erste Gedichte, die ich dem Deutschlehrer in mein Arbeitsheft legte. Neben dem Religiösen stieß mich vor allem ab, dass die Schule mit der Geschichte, die hinter uns lag, nicht fertig wurde. Am 20. Juli druckste der Geschichtslehrer herum mit „Widerstand, aber…“. Und im Geschichtsunterricht erzählte der Lehrer von tollen Erlebnissen in Russland. Wir Internatler hatten fast alle unsere Väter in diesem Krieg verloren.

Nach Zwischenstopps in Bad Essen und eben auch Petershagen hast du dann in Münster und Hamburg Kunstgeschichte, Archäologie, Psychologie und Literaturwissenschaft studiert. Woher kamen diese Interessen, woher kam vor allem dein literarisches Interesse, waren es reine Neigungsstudien oder wolltest du von Anfang an Pädagoge werden?

Meine Hauptstudienfächer waren Kunstgeschichte und Archäologie. In denen nahm ich auch das Dissertationsthema mit. Doch der Lebensweg war dann ein anderer. Literaturwissenschaft und Germanistik sollten Schulfach werden, da die Berufsaussichten in Kunstgeschichte nicht so rosig waren in den 1950ern. Eigentlich wollte ich Graphiker werden, doch wurde ich in Stuttgart nur zur freien Malerei zugelassen, was ich mir als Broterwerb nicht zutraute. Vielleicht kannte ich meine Grenzen. Psychologie hat mich von Anfang an interessiert. Ich wollte den Menschen und sein Handeln verstehen.

In den Siebzigerjahren warst du über längere Zeit Lektor an mehreren Universitäten sowohl in Bulgarien als auch in Makedonien, du warst quasi dort als Native Speaker tätig? Wie ist es dazu gekommen, was war der Hintergrund?

Ich war immer neugierig auf Neues und würde jedem raten,
[…] die eigenen scheinbar unabänderlichen Lebensgewohnheiten
zu überprüfen oder sogar in Frage zu stellen.

Im letzten Studienjahr lernte ich einen DAAD-Stipendiaten aus Novi Sad (Serbien) kennen, mit dem ich mich anfreundete. Als ich meine Examen machte, schob mir der Professor ein Gutachten über den Tisch. „Das brauchen Sie ja für die Bewerbung als Lektor in Serbien.“ – Der Freund hatte es bei dem Professor angefordert, obwohl ich noch kein Examen hatte und seine Frage, ob ich Lust hätte, als Lektor in Novi Sad zu arbeiten, noch gar nicht beantworten konnte. Nach der Zeit in Novi Sad und Belgrad als Lektor machte ich meine Referendarzeit in Bremen und ging nach wenigen Jahren im Schuldienst noch einmal als Lektor nach Skopje.
Ich war immer neugierig auf Neues und würde jedem raten, in einer anderen Kultur und anderen Sprache, vielleicht sogar anderen Gesellschaftsform, die eigenen scheinbar unabänderlichen Lebensgewohnheiten zu überprüfen oder sogar in Frage zu stellen.

Deine Brücken zu Makedonien sind nie abgebrochen. Du übersetzt u.a. makedonische Schriftsteller ins Deutsche. Du wirst zu Lyrikfestivals eingeladen. [Struga 2011, Skopje 2008]
Übersetzt du auch deine Texte ins Makedonische?

Makedonien hätte ich mir als Heimat vorstellen können. Ein Sohn ist dort zur Schule gegangen, ein zweiter dort geboren. Ich bin dort erst richtig in die Schriftstellerei geraten, habe nach viel zu kurzer Zeit schon die Aufforderung erhalten, makedonische Erzähler zu übersetzen, nachher auch noch einen Band mit makedonischer Lyrik herausgegeben. Meine ersten Erzählungen und Gedichte hat der Leiter des deutschen Lehrstuhls übersetzt. Eva Strittmatter, die bei einem der großen Lyrikfestivals in Struga am Ohridsee zu Gast war, hat das Nachwort geschrieben. Auch Aufsätze zur byzantinischen Kunst konnte ich dort veröffentlichen. Insgesamt wurde ich fünf oder sechs Mal zu dem Festival eingeladen und konnte auch Hans Magnus Enzensberger in dem Jahr begleiten, als er den Goldenen Kranz erhielt. Bei einer Einladung werden auf der Brücke über den Schwarzen Drin vor Tausenden Zuhörern an dem Ufer des Flusses von einigen der Eingeladenen Gedichte in der Heimatsprache und in Makedonisch vorgetragen. Dort habe ich mein Gedicht „Erkläre mir Liebe“ gelesen.

Auf eine Interviewfrage, wieviel Zeit du im Internet verbringst, hast du vor ca. 4 Jahren geantwortet: „Sie werden sich wundern, nicht viel. […] Mich befriedigt es, anderen auf die Beine zu helfen.“ Kann man sagen, dass du deine eigenen literarischen Ambitionen mehr in den Hintergrund stellst, um dich mit dem Fortkommen anderer Menschen zu beschäftigen? Wie sieht konkret dieses „auf die Beine helfen“ aus, wo und wie engagierst du dich?

Auch heute bin ich nicht viel im Internet unterwegs, obwohl ich viel Zeit am Computer zubringe. Ich habe eine Website, auch wegen der Ausschreibungen von „Jugend schreibt“ und der „Tentakel“. Und natürlich habe ich viel mit den Texten für die Tentakel zu tun, mit deren Korrekturen und den Autorinnen und Autoren bzw. Künstlerinnen und Künstlern.
Zum Glück ist der Jugend-schreibt-Wettbewerb inzwischen in jungen Händen. Doch die Schreibwerkstatt an der Uni läuft noch immer und auch sehr erfolgreich. Alle zwei oder drei Jahre haben wir eine Anthologie mit den besten Texten der Gruppe herausgegeben und auch Lesungen in Bielefeld durchgeführt.

Dass deine Schwerpunkte auch außerhalb deiner eigenen Person liegen, nimmt man eigentlich schon beim ersten Besuch deiner Homepage www.matthias-bronisch.de wahr. Gleich eingangs stößt man auf ein Foto, das zwei deiner eben erwähnten bekanntesten literarischen Betätigungsfelder zeigt. Seit rund 40 Jahren nun existiert die von dir ins Leben gerufene Bewegung „Jugend schreibt“. Du warst quasi damals 7 Jahre lang im Lehramt, als du die Idee, die möglicherweise schon länger gärte, umgesetzt hast. In diesem Jahr 2019 findet der 41. Jugend-schreibt-Wettbewerb statt. Was war seinerzeit deine Antriebsfeder oder Motivation, diesen Wettbewerb ins Leben zu rufen?

Es war mir immer eine große Befriedigung, wenn Menschen ihre ersten Schritte auf dem Feld der Literatur absolvierten, und viele haben es mit anschließendem Erfolg gemacht, Hellmuth Opitz, Ralf Burnicki, Frank Stückemann und sehr viele mehr. Das gleiche gilt für die älteren, die nun keineswegs nur an ihrer Biographie interessiert sind, sondern mit ihrer Lebenserfahrung auch im Fiktionalen unterwegs sind.

Auch heute, über 16 Jahre nach deiner Pensionierung, ist der Kontakt zu deiner Schule nie abgebrochen. Was denkst du nunmehr – mit gebührendem Abstand zu Unterrichtseinheiten und Berufsleben – zu Schule, Stoffvermittlung, Lehrplan, speziell im Hinblick auf das Fach Deutsch und Literatur? Was ist verbesserungswürdig? Was müsste deiner Meinung nach unbedingt geändert werden, was würdest du vielleicht heute anders machen?

Kreativität! Sinnlichkeit! Das sind zwei Dinge,
die mir in der Schule fehlten.

Da kommen wir an einen schwierigen Punkt: Kreativität! Sinnlichkeit! Das sind zwei Dinge, die mir in der Schule fehlten. Dort läuft zu viel reproduktiv und rezeptiv ab. Schemata werden gelernt und müssen angewandt werden. Ich habe schon in Bremen daran gedacht, Jugendliche zum Schreiben zu animieren. Meine zweite Staatsexamensarbeit beschäftigte sich mit dem Schreiben von Gedichten und natürlich der Behandlung von Gedichten. Ich konnte einmal sogar im Abitur Gedichte schreiben lassen. Ich bin der Überzeugung, dass wir nur wirklich lernen, was wir sinnlich erfassen, unsere fünf Sinne sind das Zugangstor, sind die Zugangstore zu unserem Gehirn. In Bielefeld habe ich dann 1978 den Wettbewerb ausgeschrieben und die Stadt hat über Jahre die Finanzierung übernommen. Ich habe nie verstanden, warum man diese Unterstützung entzogen hat. Leider ist bundesweit wenig in diese Richtung geschehen, nur die „rentableren“ Wettbewerbe laufen auf Hochtouren: Jugend forscht und Jugend musiziert.
Eben habe ich eigentlich schon alles zu Schule gesagt. Wichtig ist mir, dass Schulen Projektwochen machen, in denen schulfremde Fächer wenigstens einmal vorgestellt werden, in denen Schüler ihre kreativen Fähigkeiten einsetzen können, sie sinnlich unterwegs sind. Aber die Fächer, die noch die Sinne ansprechen, rücken immer mehr an den Rand: Musik, Kunst, Sport.

Matthias Bronisch, © Bronisch

Matthias Bronisch, © Bronisch

 

 

 

 

 

 

 

Du könntest dich entspannt zurücklehnen und nur noch genießen. Das scheint aber nicht dein Ding zu sein. Stattdessen bist du seit rund 10 Jahren federführend im Redaktionsteam der Tentakel beschäftigt. Wie kam es damals zu dieser Idee, eine spezielle Literaturzeitschrift für Ostwestfalen zu etablieren?

Wir wollten in der Region auf Entdeckungsreise gehen.

Wir hatten eigentlich vor, eine Anthologie mit Texten ostwestfälischer Schriftstellerinnen und Schriftsteller zu machen, aber das Kulturamt lehnte das Projekt ab. Darauf schlug ich zwei Kollegen vor, eine Zeitschrift herauszugeben, in der die in Ostwestfalen lebenden Talente Texte publizieren können. Von Anfang an sollte die bildende Kunst dabei sein. Seit kurzer Zeit versuchen wir, auch die Musik einzubeziehen, was heute über QR-Codes möglich ist. Es soll die Beschränkung auf die Region da sein, um uns die Arbeit zu erleichtern, denn alles musste ehrenamtlich gehen, und wir wollten in der Region auf Entdeckungsreise gehen.

Ihr habt ein durchweg stabiles, nur selten fluktuierendes, durchaus prominentes Redaktionsteam. Wie managt ihr die Flut der Einsendungen?

Die eingesandten Texte werden in einer Datei zusammengestellt, das macht Ralf Burnicki, dann erhalten alle – Mechtild Borrmann, Antje Doßmann, Peter Borhöft, Ralf und ich – die Datei und gehen an ihre Bewertung. Mit den Bewertungen treffen wir uns zur Redaktionssitzung und dann wird gekämpft. Da wir fünf sind, kommt es immer zu einer Entscheidung. Für die, die noch berufstätig sind, ist die Arbeit an diesen vielen Texten zeitlich nicht immer leicht. Mit der bildenden Kunst bin meist ich dran, außer wenn Künstler Bilder einschicken. Ich besuche meist Vernissagen oder die Ateliers, um Neues zu entdecken.

Ungefähr 25 Jahre lang besteht die Schreibwerkstatt der Universität Bielefeld als Teil des Angebotes „Studieren ab 50“ – 12 Jahre lang (Stand 2014) unter deiner Leitung. Bist du immer noch an der Uni aktiv? Es wäre doch sicher nicht falsch, dich im weiten und engeren Sinne als Literaturförderer und Literaturvermittler zu bezeichnen? Für derlei Aktivitäten – sich ausgiebig mit der literarischen Produktion anderer Menschen statt nur mit seiner eigenen zu befassen – muss man geboren sein. Wie erklärst du dir diese extrem ausgeprägte Eigenschaft?

Das ist dann wohl der dann doch vorhandene oder entwickelte Pädagoge. Ich denke häufiger daran, aufzuhören an der Uni, um jemand Jüngerem mit neuen Ideen und neuem Schwung das Feld zu überlassen, aber, na ja, sie wollen noch so weiter machen. Na dann lasse ich mich halt am Pult abholen.

Was viele nicht wissen: Du bist auch ein pointierter Zeichner, der seine eigenen Texte sehr gekonnt mittels illustratorischer Beigaben veranschaulicht (so z.B. in „Von Bylanuelde über Biliuelde bis Bielefeld: Stadtgeschichte in Moritaten“, 2013, oder in den „Moritaten der Stadtgeschichte Petershagen“, „Usque ad Huculvi: Stadtgeschichte einmal anders“, 2010). Darüber hinaus fertigst du Aquarelle, Holzschnitte, Radierungen, Zeichnungen, Collagen an und auch bildhauerische Arbeiten. Warum bist du statt Pädagoge nicht freischaffender Künstler geworden?

Wenn man Erfolg haben will, muss man sich konzentrieren können.

Ganz oben habe ich schon gesagt, dass ich gescheut habe, als das Ergebnis der Aufnahmeprüfung bei der Kunstakademie in Stuttgart hieß: zugelassen zur freien Malklasse. Es war verlockend, aber ich fürchtete meine Grenzen. Diese Grenzen habe ich immer gesehen, auch in der Schriftstellerei. Wer hätte nicht gerne Erfolg? Ich weiß, meine Texte sind nicht so zugänglich, sie sind eher nachdenklich, vielleicht manchmal hermetisch. Ich bewundere Schriftsteller und Schriftstellerinnen, z.B. unser Redaktionsmitglied Mechtild Borrmann, die alle zwei Jahre einen profunden, wunderbar recherchierten Roman herausbringt, den man auch noch mit Gewinn liest. Ich bin leider zu wenig einseitig oder zu flatterhaft, mein Blick irrt hin und her und mich fesselt zu viel. Wenn man Erfolg haben will, muss man sich konzentrieren können. Die beiden Bände zur Stadtgeschichte Petershagens (es war ein Auftrag des Heimatpflegers) und zu Bielefeld haben mir viel Spaß gemacht, sowohl beim Reimen der Moritaten als auch beim Zeichnen der Figuren und Szenen. Ich habe immer auf Reisen gezeichnet, die ein oder andere Zeichnung dann auch mal in eine Radierung umgesetzt. Aber auch in dieser Arbeit war nicht wichtig, einen Stil zu entwickeln, sondern ich hatte Lust, etwas auszuprobieren.

Vor einem Jahr hast du einen bebilderten Kunstband des Malers Ernst Lindemann herausgegeben. Nun ist dieser Maler nicht jedem ein Begriff: Was hat es mit dem Band auf sich?

Bei meinem Onkel habe ich früh die Bilder von Ernst Lindemann gesehen und sie haben mir gefallen. Auch mein Dissertationsthema bezog sich auf den Expressionismus. Als ich dann in Bielefeld war und die Dame kam, die über Ernst Lindemann ihre Promotion machen wollte und bei mir Bilder fotografierte, die ich von ihm besaß, rückte das Thema wieder in den Blickpunkt. Ich machte eine Ausstellung seiner Arbeiten in Bielefeld, dann in seinem Geburtsort Rahden, und schließlich bot mir Bernd Ackehurst in seinem KunstSinn Verlag an, einen Band zu veröffentlichen. Ich hatte seinen handgeschriebenen Lebenslauf in Sütterlin und hatte einen kleinen Text, den ich in Rahden vorgetragen hatte. Nun ist das Buch da. So viele Künstler gibt es in Ostwestfalen aus den frühen Jahren ja nicht.

Du hattest das große Glück, eine Lebenspartnerin zu finden, die deine literarischen Leidenschaften teilt und ebenfalls schreibt und übersetzt. Deine rumänische Frau Mariana, die ebenfalls Pädagogin ist, erhielt 2009 den rumänischen Valachia-Übersetzerpreis der Akademie Curtea de Arges für die Übersetzung deiner Lyrik ins Rumänische, aber sie übersetzt auch rumänische Dichter ins Deutsche. Zusammen ward ihr schon Gast auf vielen Literaturfestivals, ihr werdet als „brilliante Brückenbauer zur rumänischen Lyrik“ bezeichnet. [Mariana Bronisch liest Gedichte von Matthias Bronisch]
Bei Musikern sagt man, eine solche Verbindung zweier künstlerischer Seelen könne durchaus sehr kompliziert und schwierig sein. Wie stellt man sich die Zusammenarbeit während einer übersetzerischen Arbeit an deinen Texten vor: Muss man viele Kompromisse eingehen? Wie oft verbringt ihr Zeit in der Heimat deiner Frau?

Das kann man wirklich großes Glück nennen, wenn Jahre nach dem Tod meiner ersten Frau plötzlich jemand ins Haus schneit, die in fast allem auf der gleichen Wellenlänge ist. Das stellte sich sehr schnell heraus. Und dann kam eine Einladung zu einem Lyrikfestival in Rumänien, die ich einem Kollegen verdanke, den ich in Struga getroffen hatte. Dann wurden Übersetzungen meiner Texte ins Rumänische notwendig, danach sollte meine Frau Texte einer rumänischen Lyrikerin ins Deutsche übersetzen und so begann eine neue Zusammenarbeit. Man sieht: wieder ein neues Feld. Und ich bin froh, wenn es immer zu neuen Ufern geht. Ich bin länger nicht in Rumänien gewesen, aber meine Frau ist häufiger dort, da ihre Tochter dort lebt.

Lieber Matthias, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

 

Matthias Bronisch "Von Bylanuelde über Biliuelde bis Bielefeld"

Coverabbildung (Books on demand)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Matthias Bronisch, Von Bylanuelde über Biliuelde bis Bielefeld
Stadtgeschichte in Moritaten, 2013
ISBN 978-3-7322-6330-1, 15,90 €

 

Hrsg. Matthias Bronisch "Der Maler Ernst Lindemann"

Coverabbildung (Kunstsinn)

 

 

 

 

 

 

Hrsg. Matthias Bronisch, Der Maler Ernst Lindemann: 1896-1943
88 Seiten, Kunstsinn, 2017
ISBN 978-3-939264-18-7

 

 

Bio-Bibliografie Matthias Bronisch
Geboren 1937 in Stettin
1950 – 56 Gymnasium in Petershagen/Weser
Studium in Münster und Hamburg: Kunstgeschichte, Archäologie, Literaturwissenschaft, Psychologie
1963-66 und 1971-76 Lektorate an den Universitäten in Novi Sad, Belgrad, Skopje
Seit 1976 Lehrer in Bielefeld
Seit 1978 Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller (VS)
1978 Gründung Wettbewerb „Jugend schreibt“
Seit 2013 Mitglied im PEN

Matthias Bronisch "In der Zeit des Schweigens"

Coverabbildung (Books on demand)

 

 

1978 Übersetzerpreis „Grigor Prličev“ des makedonischen Schriftstellerverbandes
Aus einer südlichen Landschaft. Gedichte. St.Michael, Bläschke Verlag 1979
Der Lärm der Straße dringt herein. Kurzprosa. Bielefeld, Pendragon Verlag 1989
Die Stille vor dem Spiegel. Erzählungen. Bielefeld, Pendragon Verlag 1997
In der Zeit des Schweigens. Erzählung, Petershagen 2002
Von Bylanuelde über Biliuelde bis Bielefeld, 17 Moritaten, Norderstedt 2013;
Der Maler Ernst Lindemann 1869-1943, KunstSinn Verlag 2017

 

 

© Franziska Röchter für dasgedichtblog, Januar 2019

 

Die Rubrik »Der Poesie-Talk« wurde in Zusammenarbeit mit Timo Brandt gegründet, der die ersten fünf Folgen betreute. Alle bereits erschienenen Folgen von »Der Poesie-Talk« finden Sie hier.

 

Franziska Röchter

Franziska Röchter, (*1959), kam als Österreicherin auf die Welt und lebt derzeit mit deutscher Staatszugehörigkeit in Verl. Sie schreibt seit vielen Jahren Lyrik, Prosa, kulturjournalistische Beiträge, Rezensionen und mehr. Jahrelang verfasste sie für den mittlerweile eingestellten bekannten Blog der Poetryslamszene, Myslam, Beiträge, Rezensionen, Interviews und trat etliche Jahre (erstmalig mit 50) als Poetry Slammerin in Erscheinung. Sie organisiert(e) Lesungsveranstaltungen in Gütersloh und Bielefeld und betreibt seit 2011 den chiliverlag.
Franziska Röchter war mehrmals Jubiläumsbloggerin für die Zeitschrift DAS GEDICHT (2012 und 2017), führte Interviews und schrieb Features über annähernd 100 bekannte Persönlichkeiten der Literaturszene.
1. Preis Hochstadter Stier (jetzt: Lyrikstier) 2011, seit 2015 Vorstandsmitglied der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V. mit Sitz in Leipzig, Mitglied im VS NRW.
Sie ist seit vielen Jahren regelmäßig in bekannten Literaturorganen wie DAS GEDICHT (Anton G. Leitner), in Vers_netze (Axel Kutsch), im Poesiealbum neu (Ralph Grüneberger), bis zu seiner Einstellung (2014) in Der Deutsche Lyrikkalender (Shafiq Naz) vertreten. Unzählige Veröffentlichungen in anderen Printmedien, Anthologien, Zeitschriften (u.a. bei dtv, in Flandziu, Halbjahresblätter für Literatur der Moderne, in Signum, Blätter für Literatur und Kritik u.v.m.). Etliche eigenständige Veröffentlichungen (Bücher, CDs), zuletzt das Projekt Fernreise. Philipp Röchter singt und spielt Gedichte von Franziska Röchter, 2017. Darüber hinaus ist Franziska Röchter Rundum-Betreuerin ihrer stark pflegebedürftigen Tochter.

© Franziska Röchter, 12/2018

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