Dichterbriefe – Folge 20: Gedicht über Mut und Verzweiflung – Christophe Fricker schreibt Stephan Turowski

Christophe Fricker schreibt jeweils am 1. des Monats einem Dichterfreund, dessen Buch er gerade gelesen hat. Die Texte sind eine Mischung aus Offenem Brief zu Lyrik und Gesellschaft, bewusst parteiischer Rezension und vertrautem Austausch. Und damit hoffentlich auch weniger langweilig als Rezensionen, die ihre eigene Voreingenommenheit vertuschen.

 

Lieber Stephan,

ich will dir zwei einfache Fragen stellen, denn ich habe gerade dein Gedicht »Es ist Zeit« gelesen. Zwei Fragen, die sehr persönlich sind, aufdringlich, also unanständig vielleicht. Aber dein Gedicht ist auch persönlich, und es fordert sie heraus. Woher sollten sie sonst kommen.

Die erste ist: Woher nimmst du den Mut? Dein Gedicht ist mutig, bist du es demnach auch, auch gewesen. Mutig bist du mit deinem Gedicht, heute mit Hölderlin zu beginnen, aber so zaghaft, dass man es kaum bemerkt, und in dieser Verborgenheit oder Verhaltenheit besteht der Mut. »Brot, Wein und Bleistift, / wir sitzen wieder zu Tisch.« Brot ist der Erde Frucht, doch ist‘s vom Lichte gesegnet, und vom donnernden Gott kommet die Freude des Weins. Mut. Krümel auf dem Teller, der Wein geht zur Neige. Der Mut war nun einmal da.

Wieder Mut: »Ich habe die Gedichte geschrieben, / durchgestrichen und wegradiert.« Einmal schöpferisch tätig zu sein und gleich zweimal das Geschaffene auszulöschen, sich dem Abgrund entgegenreißen zu lassen. Und zu wissen, was das Maß der eigenen Arbeit ist. Das erfahren zu haben und sich vor Augen zu halten zeugt von Mut. Denn du sagst doch, du habest die Gedichte geschrieben, nicht einfach Gedichte, irgendwelche Gedichte, ein paar Gedichte, sondern genau die, an denen es fehlte.

Mut dann ein drittes Mal: Zeit sei es, aufzustehen, »die Krümel vom Tisch zu wischen, / das Glas endlich fallen zu lassen«. Das ist mal ein Wort! Eine einfache Geste, ein Glas fallen zu lassen, eine Verletzung, der Gewohnheit, des Anstands, der Erwartungen. Du hattest das Ungesagte erkannt und zu Papier gebracht und dann wieder vom Papier genommen, kanntest du also das Unzerbrochene genauso gut und kannst es zerbrechen lassen und dann wieder unzerbrochen machen?

Das sind jetzt schon ziemlich viele Fragen, ich gebe es zu, aber sie gehen alle noch aus der ersten hervor. Die zweite lautet eigentlich: Wie hältst du die Verzweiflung aus, an den Rändern Deines Mutes? Am Anfang und am Ende, am Beginn und am Ausgang Deines Gedichts wird sie hörbar, für mich spürbar. Eingangs in dem kleinen Wort »wir« – »wir sitzen wieder zu Tisch«. Gemeint sind Brot und Wein und Bleistift und Du, eine kleine Gemeinschaft, in der das Du, der Freund, die Freundin, der andere Mensch fehlt. Und das macht doch etwas aus. Das nimmst auch Du nicht einfach hin, scheint mir.

Und dann das Ende – das nicht aufhört. Du willst das Glas fallen lassen, und »in mir wird es schon dunkel, / und draußen wird es nicht hell.« Die Gegenüberstellung von innerer Verdunklung und äußerer Dunkelheit wirkt ein bisschen wohlfeil, ein bisschen verunglückt, sprachlich, aber wenn man sie ernst nimmt, wird die Bitterkeit und Verzweiflung der Worte vernehmbar, mehr noch der vorletzten Zeile als der letzten. Das Unglück.

Das Gedicht hob mit einem Anklang an Hölderlin an, mit Brot und Wein; klingt es in den Worten vom doppelten Dunkel schließlich mit einem Einspruch gegen Ernst Jünger aus? Der alte fatalistische Optimist sagte doch, dass jeder Sonnenuntergang ein Sonnenaufgang in anderen Welten sei. Wenn das Dunkle in Dir nun herrscht und um Dich herum, was bleibt dann übrig, was leuchtet noch – nur ein künstliches Licht, das Kosten verursacht?

Lieber Stephan, über eine Antwort auf meine Fragen würde ich mich freuen. Woher nimmst du den Mut, und wie hältst Du die Verzweiflung aus? Einfache Worte genügen.

Herzlich grüßt
Christophe
 

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Glückwunsch zur Wunde

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Christophe Fricker. Foto: © Chiara Dazi

Christophe Fricker.
Foto: © Chiara Dazi

Christophe Fricker, geb. 1978, schreibt über die Möglichkeiten von Freundschaft, die Grenzen des Wissens und die Unwägbarkeiten der Mobilität. Mit Tom Nolan und Timothy J. Senior veröffentlichte er den zweisprachigen, illustrierten Gedichtband »Meet Your Party«. 2015 gab er die »Gespräche über Schmerz, Tod und Verzweiflung« zwischen Ernst Jünger und André Müller heraus, die das Deutschlandradio eine »Sensation« nannte. Frickers Buch »Stefan George: Gedichte für Dich«, eine Einführung in das Werk Georges, stand auf Platz 2 auf der NDR/SZ-Sachbuchbestenliste. Für den Gedichtband »Das schöne Auge des Betrachters« wurde er mit dem Hermann Hesse Förderpreis ausgezeichnet. Alle bereits erschienenen Folgen von »Dichterbriefe« finden Sie hier.

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