Dichterbriefe – Folge 21: Ein gutes Gespür für relevante Gedichte – Christophe Fricker schreibt Matthias Politycki

Christophe Fricker schreibt jeweils am 1. des Monats einem Dichterfreund, dessen Buch er gerade gelesen hat. Die Texte sind eine Mischung aus Offenem Brief zu Lyrik und Gesellschaft, bewusst parteiischer Rezension und vertrautem Austausch. Und damit hoffentlich auch weniger langweilig als Rezensionen, die ihre eigene Voreingenommenheit vertuschen.

 

Lieber Matthias,

vor kurzem hast Du eine Reihe von Ratschlägen für den Erzähler im 21. Jahrhundert vorgelegt und ihm geraten, nach Relevanz, Authentizität, Reduktion und Tempo zu streben. Ich frage mich, welche dieser vier Ratschläge auch für den Lyriker gelten. Die Frage wird Dich nicht überraschen, immerhin sagst Du selbst, Du seist »noch heute in allererster Linie Lyriker, auch als Erzähler, insofern ich Prosasätze immer in ihrer metrischen Struktur höre« (Dass ›lyrisch‹ und ›metrisch‹ letztlich Synonyme sind, geht folgerichtig aus der Annahme hervor, dass das Schreiben ein Handwerk ist). Gelten für Lyriker und Erzähler ähnliche Gesetze, brauchen sie ähnliche Ratschläge? Die Werke mancher Gegenwartsautoren können wohl wirklich als Hinweis darauf gedeutet werden. Wer zum Beispiel die Romane von Vikram Seth, jenem unfassbar begabten englischsprachigen Lyriker und Romancier, mit wachem Ohr liest, wird leicht feststellen, wie viele Sätze rhythmisch gesehen jambische Pentameter sind. Und wie gut das dem Weltempfinden des Autors tut.

Aber der Reihe nach. Wie sieht es zunächst mit dem ersten von Dir angestrebten Ziel aus, der Relevanz? Da schluckt man erst einmal, denn welcher deutsche Gegenwartsdichter schreibt in gebundener Sprache von dem, was uns auf den Nägeln brennt? Wer hat politischen Verstand und schreibhandwerkliches Können? Gegenbeispiele fallen einem leicht ein, nicht zuletzt jene beiden hanebüchenen Gedichte des sehr späten Günter Grass, die politischen Unverstand und lyrisches Schludern in einer Weise verbanden, dass ich mir als Verteidiger einer künstlerisch eigensinnigen, aber gesellschaftlich relevanten Lyrik wirklich veräppelt und hintergangen vorkam. Es gibt eben keinen deutschen Auden, jedenfalls heute nicht, keinen deutschen Heaney, Brodsky, Walcott. Stell Dir mal vor, wie schön das wäre! Kaum zu fassen.

Zweiter Punkt, an den Du den Erzähler im 21. Jahrhundert erinnern willst und der womöglich auch für den Lyriker gilt: Authentizität. Du sagst, wer ein relevantes Thema sorgfältig recherchiert hat, muss es immer noch authentisch zur Sprache bringen, und Du verweist in diesem Zusammenhang besonders auf den entscheidenden Beitrag, den die vermeintlich kleinen Wörter dabei leisten, eine authentische Stimme zum Klingen zu bringen. Das ist ebenso unbestreitbar wie schwer zu belegen. Aus der Perspektive des Übersetzers ist die Sache ganz klar. Jeder Übersetzer kennt das: Man hat einen Satz einigermaßen gut im Griff, denkt sich aber, an der einen oder anderen Stelle läuft es noch nicht ganz rund. Und da das nicht an einem der auffälligen, großen Wörter liegt, die man ja schon sorgfältig recherchiert und kompetent übertragen hat, beginnt eigentlich die ganze Arbeit von neuem, denn wer ein kleines Wort verändert, muss am Ende doch den ganzen Satz, wenn nicht sogar den ganzen Absatz umschreiben. Kleine Wörter prägen den Ton einer Person, und wenn der Ton sich ändern soll, muss alles andere sich ebenfalls ändern. Keine zwei Menschen sprechen genau gleich.

Drittens, Reduktion. Das muss man dem Lyriker eigentlich nicht zweimal sagen. Die Mahnung, etwas wegzustreichen, ist so etwas wie das Erste Gebot für den Dichter. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben. Du sollst nicht so viele Wörter aufschreiben. Daraus entstehe, sagst Du, ein schlanker Text, der sich an einer Ideallinie entlang fortentwickelt, genau wie der Marathonläufer sich an der 42,195 km langen Ideallinie der Rennleitung entlangbewegt. Auch diese Empfindung ist dem Lyriker vertraut. Lass mich daher die Gelegenheit nutzen, ein deutsches Wort ins Bewusstsein zu heben, das in den letzten Jahren etwas unter die Räder geraten ist, nämlich ›Gespür‹. Lyriker haben beim Schreiben ein Gespür für die Ideallinie ihres Gedichts. In der letzten Zeit reden wir viel zu häufig vom ›Gefühl‹, das wir angeblich für eine Sache haben, aber das ist ganz und gar nicht dasselbe wie das Gespür. Das Gespür hat eine kognitive Seite, die das Gefühl ausblendet. Dass die Unterscheidung zwischen beidem immer seltener klar formuliert ist, ergibt sich sicher aus der Tatsache, dass im Englischen das Wort ›feeling‹ beides umfasst.

Und viertens schließlich das Tempo. Hier würde ich gerne nachfragen. Du sagst, im Laufe der Arbeit an einem Text sollten wir danach streben, dass die später entstandenen Sätze genauso flott und zugkräftig klingen wie die allerersten, die gewissermaßen den Anstoß gaben. Auch das kennen die meisten Lyriker aus eigener Erfahrung: dass wir an den ersten Sätzen besonders hängen und ihnen beim Ausarbeiten eines Textes oft nur noch schwer gerecht werden. Ich frage mich aber, ob Du mit der Apologie der frühen Sätze nicht durch die Hintertür doch wieder das Genie hereinholst, das Du uns eigentlich austreiben und durch den Handwerkerdichter ersetzen wolltest. Wenn Du sagst, die ersten Sätze seien die besten, bist Du dann nicht doch wieder sehr nahe an der Glorifizierung der Inspiration?

Lieber Matthias, sicher wird Dir aufgefallen sein, dass ich eingangs gesagt habe, Du hättest mit Deinem Buch Reduktion & Tempo »Ratschläge« gegeben. Dabei sprichst Du im Buch nur von ›Eckpunkten‹. Das würde mich auch interessieren – ist man Deiner Meinung nach ein schlechter Autor, wenn man nicht nach Relevanz, Authentizität, Reduktion und Tempo strebt, oder ist man überhaupt kein Autor, weil man die Mittel, die einen Text zum Text machen, letztlich völlig beiseite lässt? Mit anderen Worten, wie sehr ist Dir an einer normativen Auseinandersetzung gelegen? Mit dem Wort ›Manifest‹ hast Du ja bekanntermaßen so Deine Schwierigkeiten.

Sei herzlich gegrüßt von
Christophe

 

Matthias Politycki Reduktion & TempoMatthias Politycki
Reduktion & Tempo

Als Erzähler unterwegs im 21. Jahrhundert
Wallstein Verlag, Göttingen 2017
Softcover, 48 S.
€ 12,90 (D)

»Reduktion & Tempo« beim Wallstein Verlag kaufen

 

 

Christophe Fricker. Foto: © Chiara Dazi

Christophe Fricker.
Foto: © Chiara Dazi

Christophe Fricker, geb. 1978, schreibt über die Möglichkeiten von Freundschaft, die Grenzen des Wissens und die Unwägbarkeiten der Mobilität. Mit Tom Nolan und Timothy J. Senior veröffentlichte er den zweisprachigen, illustrierten Gedichtband »Meet Your Party«. 2015 gab er die »Gespräche über Schmerz, Tod und Verzweiflung« zwischen Ernst Jünger und André Müller heraus, die das Deutschlandradio eine »Sensation« nannte. Frickers Buch »Stefan George: Gedichte für Dich«, eine Einführung in das Werk Georges, stand auf Platz 2 auf der NDR/SZ-Sachbuchbestenliste. Für den Gedichtband »Das schöne Auge des Betrachters« wurde er mit dem Hermann Hesse Förderpreis ausgezeichnet. Alle bereits erschienenen Folgen von »Dichterbriefe« finden Sie hier.

3 Kommentare

  • Lieber Christophe,
    zunächst einmal vielen Dank für Deine genaue Lektüre – und auch gleich für die freche Anwendung meiner Überlegungen auf die Lyrik! Das ist ein echter Coup, der mich einige Tage lang sprachlos gemacht hat. Ich fürchte, da hast Du mir eine Anregung gegeben, von der ich so schnell nicht wieder loskomme.
    Du weißt ja, daß ich „Reduktion & Tempo“ als Vortrag auf dem Germanistentag 2016 gehalten habe; ich war eingeladen, über mein eigenes Schreiben als Erzähler zu berichten, nicht etwa über mein Schreiben generell. Herausgekommen ist eine sehr persönliche Standortbeschreibung. Deren vier Kernpunkte sind keinesfalls eins zu eins als Ratschläge für andere gemeint, als „Anleitung“.
    Und ein Manifest habe ich erst recht nicht geschrieben, ich lehne Wort wie Sache entschieden ab. Eine Selbstvergewisserung kann immer nur ein Debattenbeitrag sein, geschrieben in der Hoffnung, daß er durch wohlmeinende Kritik kreativ verändert und befördert wird. Das ist etwas grundsätzlich anderes als der trompetenhafte Verkündungsgestus eines Manifests.
    Gleichwohl bin ich sehr an einer Auseinandersetzung mit anderen Schriftstellern, Lektoren, Kritikern interessiert, wenn auch keiner normativen. Ist das nicht notwendiger Bestandteil einer literarischen Kultur? Einfach drauflosschreiben können viele, Autorschaft beginnt für mein Gefühl erst dort, wo man sein Tun reflektiert, korrigiert, mit anderen abgleicht, immer wieder in Frage stellt und neu erlernt.
    Sage ich wirklich, die zuallererst geschriebenen Sätze seien die besten? Doch eher: Die Erstniederschriften von Sätzen als hastige Notate vor Ort, mitten im Geschehen, haben am meisten Druck, ja, erzeugen den Druck aufs große Ganze, der sich hoffentlich auch auf die später geschriebenen Sätze überträgt. Ob sie deshalb auch schon „gut“ sind oder gar „die besten“, weiß ich gar nicht. Und wenn auf diese Weise ein bißchen Glorifizierung (weniger der Inspiration als der schieren Notation) zu all dem Handwerklichen dazukommt, soll’s mir recht sein.
    Bei all dem spielen die scheinbaren Nebenaspekte eines Textes die Hauptrolle, da stimme ich Dir aus vollem Herzen zu: Wer die kleinen Wörter eines Textes verändert, verändert alles, verändert in letzter Konsequenz auch Aussage und Inhalt. Ja, für den Lyriker ist das klar, für den Übersetzer offensichtlich auch, für den Prosaautor nicht immer. Wir sollten das Loblied der kleinen Wörter bei nächster Gelegenheit gemeinsam singen! Für heute grüßt Dich herzlich – MP

  • Lieber Matthias,
    vielen Dank für Deine ausführliche Antwort. Zum Thema Selbstvergewisserung möchte ich doch noch einmal nachfragen, denn diese kann aus ganz verschiedenen Gründen erfolgen, und wer sich entscheidet, sie vor Zeugen oder sogar im Gespräch mit anderen zu leisten, wie Du mit Deiner Rede, wird dies erst recht nicht ganz ohne Absicht und Ziel tun.
    Selbstvergewisserung ist mehr als Dokumentation von Vergangenem. Sie bringt uns weiter. Wir bringen uns selbst dadurch weiter. Aber in welche Richtung? Du sagst, mit Deiner Rede und Deinem Buch habest Du keine normativen Aussagen treffen wollen, nur einen Abgleich einleiten, Grundlagen für ein neues Lernen legen wollen. Aber warum ist ein solcher Abgleich nötig? Und was lernen wir? Doch das, was uns einleuchtet. Was uns die nächsten Schritte auf unserem eigenen Weg zeigt und uns erstrebenswert scheint.
    Damit ist immer eine Wertung verbunden. Ständig entscheiden wir uns, ständig könnten wir uns anders entscheiden. Ständig haben wir Vorlieben, die ins Spiel kommen. Ständig werten wir.
    Sind wir dabei wirklich je ganz auf uns allein gestellt? Treffen wir diese Entscheidungen nicht immer auch im Hinblick auf andere, selbst wenn wir allein am Schreibtisch sitzen? Ist eine sprachliche Äußerung ohne andere Menschen denkbar? Ich meine damit nicht nur potentielle Leser, sondern überhaupt alle, die uns geprägt haben, denen wir einmal begegnet sind, die uns umgeben.
    Können wir, insofern sich hier ästhetische und ethische Belange geradezu notwendig überschneiden, die Frage, was richtig oder zumindest doch empfehlenswert ist, gänzlich ausblenden?
    Du siehst, ich kann hier auch nur Fragen stellen. Aber wem, wenn nicht Dir?
    Und die kleinen Wörter, ja, was uns dazu einmal etwas machen. Ich habe eine Schublade voll mit Beispielen und Geschichtchen.
    Herzliche Grüße

  • Lieber Christophe,
    auch auf Deine Nachfragen kann ich nur mit weiteren Selbstvergewisserungen antworten. Daß sie, obwohl privater Natur, im öffentlichem Raum gegeben werden, ist für mich kein Widerspruch, im Gegenteil, darin besteht für mich das Wesen des Schreibens generell: Niemals schreibe ich allein und nur für mich selbst. In Gedanken stelle ich mir meine idealen Leser vor, das beginnt notgedrungen bei mir selbst und endet noch lange nicht bei meinem Lektor. Auf diese Weise bin ich auch in meinen einsamsten Momenten im (zeitversetzten) Gespräch mit meinen Lesern, das tröstet ungemein. Ich würde sogar behaupten: Ohne all die, die mich beim Schreiben (zeitversetzt) begleitet und mit ihrer Kritik, ihren Ideen und, vor allem, ihrer Begeisterung am Laufen gehalten haben, wer weiß, ob ich nicht irgendwann einem Melancholieschub erlegen wäre.
    „Reduktion & Tempo“ ist Teil dieses Gesprächs; auch beim Schreiben übers Schreiben können wir durch Abgleich mit anderen vorankommen, das wird oft unterschätzt. In polemischer Manier kann dieser Abgleich freilich nicht gelingen; er gelingt nur, wenn er auf freundschaftlichem Mit- und Gegeneinander beruht. Jeder lernt dabei etwas anderes, bekommt Impulse in eine andere Richtung – das ist es ja gerade! Schreiben (bzw. Lesen) ist dann alles andere als ein einsames Geschäft, und indem dabei ständig ästhetische und ethische Aspekte zusammen- und wieder auseinanderfließen, einander womöglich – Du sprichst es an – konterkarieren und überschneiden, gewinnen unsre Texte erst eine Haltung. Und mit ihnen auch wir, die Schreibenden.
    Herzlich – MP

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