Fremdgehen, jung bleiben – Folge 24: Thomas Rackwitz

Poesie ist nicht nur Wort. Poesie ist Leben, das sich ständig erneuern muss. Doch was heute noch neu und fremdartig erscheint, gehört morgen schon zum Altbewährten. Junge Lyrik beschreibt den Raum dazwischen. Deshalb wagt Stefanie Lux in Nachfolge von Leander Beil an jedem 8. des Monats in der Kolumne »Fremdgehen, jung bleiben« einen freien Blick auf das kulturell und sprachlich Andere, das vermeintlich Fremde in der noch jungen Textwelt.

 

Ein bisschen über hundert Jahre ist es nun her, dass ein Zeitsignal telegrafisch um die Welt versendet wurde und damit die globale Zeittaktung einsetzte. Heute können wir uns kaum vorstellen, wie es wäre, nicht miteinander vernetzt, nicht rund um die Uhr verfügbar zu sein. Wir sind kleine Räder im System einer beschleunigten Welt und haben oft das Gefühl, nicht abschalten zu können, sonst müsste mit uns der ganze Apparat stillstehen.

Mit einer nicht-enden-wollenden Müdigkeit fängt es an, bald kommt das Burn-out. Wir machen weiter, wir schlafen nicht, wir gönnen uns keine Pause. Wir gehen zu Entschleunigungseminaren, werfen achtsam Steine in den Wildbach, meditieren mit Fremden in kleinen Räumen und summen in Lotusstellung ein langes Omm – und sitzen abends wieder vor unseren E-Mails, beantworten Briefe, SMS, digitale Nachrichten, pflegen unser sozial-mediales Ego. Hier noch ein Kommentar, da noch ein Like.

Und irgendwann geht es nicht mehr. Dann fehlt die Kreativität, die Motivation und alles ist leer.
Ich empfehle deshalb: Thomas Rackwitzs Gedicht lesen und dann einfach mal die Dinge liegen lassen, am besten noch bevor man kentert und in der »galeere« des eigenen drecks versinkt…
 

dass du so müde bist ist nicht mehr schlimm
lass liegen was hier liegt die vielen briefe
die ungeöffnet nutzlos sind die flasche krim
sekt noch im schoß zerdrückte fliegen

in der terrine zwischen fadem reis
des vortags schonung in den knochen
ein wenig stolz auf die serife
im aschenbecher schwarze finger wie im tagebau

ejakulat im hirn seit ein paar wochen
schließt sich der kreis der du gekentert bist
fernab von zimt olive und physalis

was immer dir einst wichtig war es ist
so greifbar wie aurora borealis
in der galeere deines drecks du alte sau

 
© Thomas Rackwitz, Blankenburg

 
Thomas Rackwitz, geboren 1981 in Halle/Saale ist als Übersetzer, Schriftsteller, Lektor und Nachdichter tätig. Er wurde mehrfach ausgezeichnet, jüngst mit dem Literaturpreis Harz 2016. Von ihm sind bisher zahlreiche Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien erschienen. Sein neuester Gedichtband »im traum der dich nicht schlafen lässt«, in welchem auch das besprochene Gedicht zu finden ist, ist gerade im chiliverlag erschienen.
 

Thomas Rackwitz
im traum der dich nicht schlafen lässt

Gedichte
ISBN 978-3943292602, 108 Seiten
chiliverlag, Verl 2018

 

Stefanie Lux. Foto: privat

Stefanie Lux. Foto: privat

Stefanie Lux, geboren 1987 in Kaufbeuren, Studium der Germanistik, Politikwissenschaften, Geschichte, Literatur- und Kulturtheorie in Gießen und Tübingen, lebt in München.

Alle bereits erschienenen Folgen von »Fremdgehen, jung bleiben« finden Sie hier.

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