Fremdgehen, jung bleiben – Folge 26: Sigune Schnabel

Poesie ist nicht nur Wort. Poesie ist Leben, das sich ständig erneuern muss. Doch was heute noch neu und fremdartig erscheint, gehört morgen schon zum Altbewährten. Junge Lyrik beschreibt den Raum dazwischen. Deshalb wagt Stefanie Lux in Nachfolge von Leander Beil an jedem 8. des Monats in der Kolumne »Fremdgehen, jung bleiben« einen freien Blick auf das kulturell und sprachlich Andere, das vermeintlich Fremde in der noch jungen Textwelt.

 

Schon wieder Zeit. Zeit sich mit einem Gedicht zu beschäftigen, Zeit über Zeit zu sprechen. Schon wieder Zeit? Zeit wurde schon in Folge 24 über Thomas Rackwitzs Gedicht »dass du so müde bist ist nicht mehr schlimm« (https://www.dasgedichtblog.de/fremdgehen-jung-bleiben-folge-24-thomas-rackwitz/2018/03/08/) verhandelt. Aber Zeit lässt uns Menschen nicht los. Sie strukturiert unser Leben. Wir bewegen uns in ihrem Takt. Sie vergeht, wir leben, wir altern.

Für Heidegger war das, was sich zwischen der Geburt und dem Tod spannt, Zeit. Das Dasein. Eine Zeitspanne. Im Sinne Heideggers bedeutet Zeitspanne die Zeitdauer eines ganzen Lebens, Zeitspanne kann aber auch nur einen kurzen Moment beschreiben. Ein bestimmtes Wort für einen so unbestimmten Zeit-Raum. Wir können uns der Zeit nicht entziehen, unser Dasein endet mit dem Ende der Zeit.

Sigune Schnabels »Zeitspanne« fängt diese Stimmung ein. Zeitspanne hier als der Raum dazwischen, in dem sich die Zeit sammelt, während das Leben weiter geht und der Winter einzieht. Wir möchten uns dem Ende einer »Zeitspanne« nicht immer beugen, sei es eine Liebe, eine Freundschaft oder ein Lebensabschnitt. Sigune Schnabel findet in der letzten Strophe dafür eine Metapher und verleiht diesem letzten Aufbäumen vor dem Unausweichlichem damit eine Würde, die ganz im Sinne Heideggers gewesen wäre: Trotz Traurigkeit und Schmerz, dem Ende des Daseins entschlossen entgegenzutreten.
 

Zeitspanne

Unsere Stimmen driften auseinander.
Immer mehr Zeit
sammelt sich zwischen ihnen.
Hinter dem Vorhang fange ich
Träume, die summend gegen das Fenster flattern.
Ihre Haut: gestreift.
Im Spiegel bäumen sie sich auf,
klingen wilder als sonst.

Das Haar unserer Liebe ist grau
vom Winter.
Morgens färben wir die Strähnen karmesin,
doch fremd leuchten sie
unter dem kahlen Ahorn.

 
© Sigune Schnabel, Düsseldorf

 
Sigune Schnabel, 1981 in Filderstadt geboren, Diplomstudium Literaturübersetzen in Düsseldorf. Zahlreiche Veröffentlichungen in Anthologien und Zeitschriften, z. B. »Die Rampe«, »Krautgarten«, »Wortschau« und »mosaik«. Verschiedene Preise, u. a. unter den Wettbewerbssiegern des Thuner Literaturfestivals Literaare 2017 und des Ulrich-Grasnick-Lyrikpreises 2018. Finalistin beim Literarischen März 2017. Ihr letzter Gedichtband »Apfeltage regnen« ist 2017 im Geest-Verlag, Vechta erschienen.
 

Sigune Schnabel
Apfeltage regnen

Gedichte
Bilder von Gertraude Nitsch
Geest-Verlag, Vechta-Langförden 2017
Softcover, 148 Seiten

 

Stefanie Lux. Foto: privat

Stefanie Lux. Foto: privat

Stefanie Lux, geboren 1987 in Kaufbeuren, Studium der Germanistik, Politikwissenschaften, Geschichte, Literatur- und Kulturtheorie in Gießen und Tübingen, lebt in München.

Alle bereits erschienenen Folgen von »Fremdgehen, jung bleiben« finden Sie hier.

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