Fremdgehen, jung bleiben – Folge 28: Matthias Kröner

Poesie ist nicht nur Wort. Poesie ist Leben, das sich ständig erneuern muss. Doch was heute noch neu und fremdartig erscheint, gehört morgen schon zum Altbewährten. Junge Lyrik beschreibt den Raum dazwischen. Deshalb wagt Stefanie Lux in Nachfolge von Leander Beil an jedem 8. des Monats in der Kolumne »Fremdgehen, jung bleiben« einen freien Blick auf das kulturell und sprachlich Andere, das vermeintlich Fremde in der noch jungen Textwelt.

 

Es kann schon deprimierend sein, wenn man am Sonntagmorgen die Zeitung (digital) aufschlägt. Die Zeichen stehen auf Weltuntergang: Atombombengebaren auf der anderen Seite des Teichs, Internierungslager an Grenzen, Uneinigkeit im sicheren Hafen Europa – die Liste der Bedrohungen ist lang. Denn alle fühlen sich bedroht, die einen vom Fremden, die anderen von der Fremdenangst. Es herrscht eine Unsicherheit in der westlichen Welt, es geht um Verlust. Eine Angst, das Vertraute aufgeben zu müssen, entrissen zu bekommen.

Die Aussagen sind widersprüchlich: »Noch nie so viele Menschen auf der Flucht« titelt die eine Zeitung. »Noch nie ging es allen so gut wie heute« prangt es auf der anderen als Aufmacher. Was sollen wir nun denken, und was genau können wir gegebenenfalls tun gegen dieses Bauchgefühl, dass der Untergang so nah ist?

Eine Möglichkeit: Besinnen wir uns einfach auf die Natur. Ein Blick auf einen Ameisenhaufen genügt, um die Furcht zu lindern. Und rufen wir uns ins Bewusstsein: Egal wie »verseucht« die Erde ist, die Natur und ihre Lebewesen sind letztlich unzerstörbar. Diese »bevölkern die Erde« wieder und wieder, bauen auf und wissen instinktiv was zu tun ist: weitermachen. Auch wenn aus Fehlern nicht gelernt wird, wir können uns doch wenigstens in einem sicher sein: Die Apokalypse ist nicht nur das Ende, sie ist auch der Anfang.
 

Gentlemänner

Es sind nicht die feinen Manieren,
die nach einem Atombombenabwurf
wieder das Land bevölkern,
nicht die Erkenntnisse,
die man daraus gezogen, nicht
die Weltentwürfe, die neuen, so etwas darf nie wieder,
es ist auch nicht der Glaube an eine bessere Welt.

Es sind Ameisen, die nach oben krabbeln.
Sie wirken wie Gentlemänner,
sie halten Ausschau, sie wissen, was jetzt zu tun ist.
Sie bevölkern die Erde, das Land
ohne Krawatten, ohne Anzüge, wenn auch in Schwarz.
Sie haben alles im Griff,
sie kommen aus der verseuchten Erde.
Sie stehen sich nicht im Wege, sie sind stilsicher
und genau
in diesen Zeiten der Herrschaftslosigkeit.
 

© Matthias Kröner, Ratzeburg
 

Matthias Kröner, 1977 in Nürnberg geboren, lebt und arbeitet seit 2007 als Autor, Journalist, Redakteur und Kolumnist in der Nähe von Lübeck. Er erhielt acht Auszeichnungen für Prosa, Lyrik und Essayistik und schreibt regelmäßig fürs Feiertags-Feuilleton des Bayerischen Rundfunks. 2014 erschien sein viel beachteter Erzählband »Junger Hund. Ausbrüche und Revolten« (Stories & Friends Verlag). 2016 kam sein Mundart-Gedichtband »Dahamm und Anderswo« bei ars vivendi heraus.
 

Matthias Kröner: »Dahamm und Anderswo«

 
Matthias Kröner
Dahamm und Anderswo

Gedichte
ars vivendi, Cadolzburg 2016
Broschur
110 Seiten
15,00 Euro
ISBN 978-3869137407
 

Rezensiert wurde »Dahamm und Anderswo« auf DAS GEDICHT blog von Jan-Eike Hornauer. Hier geht’s zur Buchbesprechung mit dem Titel »Humanismus mit Humor auf Fränkisch – der großartige Mundartgedichtband ›Dahamm und Anderswo‹ von Matthias Kröner«.

 


Stefanie Lux. Foto: privat

Stefanie Lux. Foto: privat

Stefanie Lux, geboren 1987 in Kaufbeuren, Studium der Germanistik, Politikwissenschaften, Geschichte, Literatur- und Kulturtheorie in Gießen und Tübingen, lebt in München.

Alle bereits erschienenen Folgen von »Fremdgehen, jung bleiben« finden Sie hier.

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