Fremdgehen, jung bleiben – Folge 31: Swantje Opitz

Poesie ist nicht nur Wort. Poesie ist Leben, das sich ständig erneuern muss. Doch was heute noch neu und fremdartig erscheint, gehört morgen schon zum Altbewährten. Junge Lyrik beschreibt den Raum dazwischen. Deshalb wagt Stefanie Lux in Nachfolge von Leander Beil an jedem 8. des Monats in der Kolumne »Fremdgehen, jung bleiben« einen freien Blick auf das kulturell und sprachlich Andere, das vermeintlich Fremde in der noch jungen Textwelt.

 

Wenn wir Kinder sind, noch nicht erwachsen, helfen uns die Umarmungen unserer Eltern, die Geborgenheit und das Vertrauen, die sie uns mitgeben, sobald wir vor Schwierigkeiten stehen. Unsere Eltern beschützen uns und im besten Fall geben sie uns das Rüstzeug mit, damit wir uns im Erwachsenenalter ohne sie den Problemen des Alltags stellen können. Je älter wir werden, desto mehr beginnen sich die Verhältnisse zu drehen. Wir übernehmen zunehmend die Verantwortung für uns selbst und später, wenn unsere Eltern unsere Hilfe brauchen, weil der Zahn der Zeit auch an den für unsere kindlichen Augen unerschütterlichen Beschützern nagt, übernehmen wir Verantwortung für sie, wie sie früher für uns.

Durch die Geschichte der Kunst ist demnach auch die Auseinandersetzung mit dem Thema Eltern, im Besonderen der Liebe und auch den Konflikten mit Müttern, ein bekanntes Sujet. Die Mutter schenkte uns das Leben, die Erinnerung an sie kann liebevoll, schmerzhaft und auch traumatisch sein. Sie ist meist die erste Liebe, die wir Menschen erfahren und bestens als Protagonistin großer und kleiner Kunst geeignet. Sei es die gestörte Mutter-Sohn-Liebe, wie im ‚Ödipus‘, oder die dankbar liebende Hommage eines ‚Arrangements in Grau und Schwarz‘ von James Whistler.

Unsere Mütter helfen uns bei den ersten Schritten, bis wir auf eigenen Beinen stehen. Doch dann, wenn wir vom Leben ins Stolpern geraten, die Schritte wackelig werden, wir ‚keine Antworten mehr haben‘, wünschen wir uns, egal wie alt wir sind, zurück in ihre ‚Arme‘. Manchmal ist diese Rückkehr nicht möglich, weil unsere Eltern nicht mehr unter uns weilen oder wir glauben, Erwachsensein bedeutet, diesem Bedürfnis nicht mehr nachgehen zu dürfen. Doch wir bleiben immer die Kinder unserer Eltern, egal wie alt oder jung wir sind.

 

Mutter

Ich fädle deinen Namen auf,
sowie all die Worte, die ich dir sagen möchte.
Alles, was ich auf diese Spule fädle…
Irgendwann webe ich ein Tuch daraus.
Es wird bunt und schön und leicht.
Wie die Erinnerung.
Und ich werde wirken, als sei es nichts
und als habe ich nie mehr als das gehabt.
Das Piepen aus dem Schrank ist das Startsignal.
Ich laufe heute los.
Laufe in diese Arme, die mich halten,
seit ich denken kann.
Und es braucht schon ein bisschen mehr,
als die netten Worte,
damit ich mich nicht wieder fühle wie ein Kind;
Damit ich verstehe, was „besser“ heißt.
Ich gebe mir große Mühe, genug zu trinken
Und den Kopf hoch zu halten
Und nicht zu zerbrechen, wenn du hinsiehst.
Es ist ja alles gut.
Und das, obwohl ich keine Antwort habe.

 

Swantje Opitz wurde 1990 in Parchim geboren. Nach ihrem Abitur Studium der Geschichte an der Universität Leipzig. Seit 2015 Studium der Skandinavistik an der Humboldt-Universität zu Berlin.

 

Stefanie Lux. Foto: privat

Stefanie Lux. Foto: privat

Stefanie Lux, geboren 1987 in Kaufbeuren, Studium der Germanistik, Politikwissenschaften, Geschichte, Literatur- und Kulturtheorie in Gießen und Tübingen, lebt in München.

Alle bereits erschienenen Folgen von »Fremdgehen, jung bleiben« finden Sie hier.

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