Fremdgehen, jung bleiben – Folge 32: Anna Münkel

Poesie ist nicht nur Wort. Poesie ist Leben, das sich ständig erneuern muss. Doch was heute noch neu und fremdartig erscheint, gehört morgen schon zum Altbewährten. Junge Lyrik beschreibt den Raum dazwischen. Deshalb wagt Stefanie Lux in Nachfolge von Leander Beil an jedem 8. des Monats in der Kolumne »Fremdgehen, jung bleiben« einen freien Blick auf das kulturell und sprachlich Andere, das vermeintlich Fremde in der noch jungen Textwelt.

 

In Kunst und Kultur – wie auch im echten Leben – ist es wichtig, nicht den Anschluss zu verlieren. Sich nicht mit dem und den Immergleichen zu umgeben, neue Wege zu beschreiten. Hier und da einen Blick auf den Nachwuchs zu werfen und neue Strömungen und Impulse aufzunehmen. Das ist das dezidierte Anliegen dieser Kolumne. Deshalb ist diese Folge für mich eine besonders bedeutende, da ich eine der jüngsten Autorinnen vorstellen darf, die bisher in der gerade wieder erschienenen Zeitschrift DAS GEDICHT veröffentlicht wurden.

Gleichsam ist die Auswahl der Gedichte und auch der Autoren eine subjektive. Ich als Autorin dieser Kolumne komme nicht umhin mich von einigen Themen mehr angezogen zu fühlen, als von anderen. Manche Themen sind mir fremder als andere. Ich versuche mich immer wieder auf neues Terrain zu begeben, heute bleibe ich auf bekanntem.

So ist es im letzten Jahr immer wieder die Zeit gewesen, sie fasziniert mich. Nicht nur, weil sie das Thema meiner Abschlussarbeit bestimmte, sondern auch weil die Zeit etwas ist, dem wir alle unterworfen und von dem wir alle durchdrungen sind. Wir können sie empfinden, jeder anders, jeder subjektiv. Gleichzeitig (unsere Sprache ist mit zeitlichen Anspielungen gespickt) gibt es die objektive Zeit. Uhren zeigen uns ihren Verlauf an, durchtakten unser Leben wie Fahrpläne von Zügen. Wir sind Passagiere auf dem Zug der Zeit, der immer vorwärts fährt, auch wenn wir aus dem Fenster zurückschauen können, auf das, was war. Uns allen ist auf dieser Welt nur eine begrenzte Zeit an Leben geschenkt, deshalb spare deine Zeit und carpe diem!

Mit dieser Folge geh deshalb nicht fremd, aber bleib (zeitlich) jung.

 

Zeit

Zeitlos
ich lasse die Zeit los
Zeitlang
ich ziehe die Zeit lang

Und während ich so die Zeit loslasse und langziehe bleibt sie stehen
streift an den Augenblicken vorbei
Und während ich so die Zeit loslasse und langziehe bleibt sie stehen
und hält Erinnerungen fest, aber lässt sie auch wieder gehen.

Langsam schreitet die Zeit wie ein Zug voran
begrüßt alle Passagiere
jedem schenkt sie Zeit
Langsam schreitet die Zeit wie ein Zug voran
begrüßt alle Passagiere
jedem nimmt sie Zeit

jede verlorene Zeit
ist gestohlene Zeit
die man nicht zurück bekommt
jede verlorene Zeit
ist gestohlene Zeit
die es nicht mehr gibt

spare deine Zeit

 

© Anna Münkel

 

Anna Münkel wurde 2001 in Berlin geboren und lebt nördlich vom Ammersee. Sie schrieb ihre ersten Gedichte mit neun Jahren. Mit ihrem jetzt vorliegenden Gedichtband „Spiegeldei“ unterstützt Anna kenianische Waisenkinder, eine Intitiative des Uttinger Vereins „Kenianische Waisenkinder e.V.“. Ein Teil des Bucherlöses kommt ihren Patenkindern Joseph Korokos und Clare Imali zugute.

 

Stefanie Lux. Foto: privat

Stefanie Lux. Foto: privat

Stefanie Lux, geboren 1987 in Kaufbeuren, Studium der Germanistik, Politikwissenschaften, Geschichte, Literatur- und Kulturtheorie in Gießen und Tübingen, lebt in München.

Alle bereits erschienenen Folgen von »Fremdgehen, jung bleiben« finden Sie hier.

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