Fremdgehen, jung bleiben – Folge 36: Angela Lohausen

Poesie ist nicht nur Wort. Poesie ist Leben, das sich ständig erneuern muss. Doch was heute noch neu und fremdartig erscheint, gehört morgen schon zum Altbewährten. Junge Lyrik beschreibt den Raum dazwischen. Deshalb wagt Stefanie Lux in Nachfolge von Leander Beil an jedem 8. des Monats in der Kolumne »Fremdgehen, jung bleiben« einen freien Blick auf das kulturell und sprachlich Andere, das vermeintlich Fremde in der noch jungen Textwelt.

 

Seit ein paar Tagen ist er endlich da – der lang ersehnte Sommer. Zumindest in den südlichen Gefilden, hier in München, war der historisch verregnete und unterkühlte Mai, für alle ein Trauerspiel. Statt Sonne satt an unserer geliebten Isar, mussten wir uns mit Überschwemmungen und Erkältungsnasen quälen. Es schlug uns allen aufs Gemüt, Small Talk über das schreckliche Wetter wurde zum Dauerthema.

Doch der Dauerregen hat nun ein Ende und pünktlich zum Start in den Sommer ist auch diese Kolumne wieder online. Setzen Sie sich also in die Sonne, genießen Sie das Wetter und führen Sie sich Angela Lohausens Gedicht „sommertonie“ zu Gemüte. Nach einem wortwörtlich ins Wasser gefallenen Frühsommer schmecken wohlklingende Worte wie ein Eis am Lido.

Wie frustrierend war es doch, die sprießenden Blumen und die ergrünenden Blätter durch regennasse Fenster zu beobachten? Begleitet vom immer gleichklingenden Prasseln des Regens auf Dach und Fenstersimse blieb nur die Möglichkeit, sich ans Meer zu träumen und sich vorzustellen, wie in der Abendsonne die Wellen sich immer wieder auflösen, das Wasser die Füße umspielt, der Schmerz des Winters sich im Geruch von Salz und Sonnencreme auflöst und der Wind „sanft das Haar umblättert“.

Wo unser Herz vor wenigen Tagen noch schwer war, kommt nun die Leichtigkeit in den Alltag zurück, die Melodien des Regens sind fast verhallt. Der Blick ist endlich frei auf die Linde vor dem Fenster. Während die Schatten länger werden, atmen wir tief ein und lauschen dem Amselgesang.

 

sommertonie

vielhändiges spiel
auf regendächern
pappeln tragen
melodien durch den sturm
gegen den takt
tropft
die dachrinne
seit stunden probt
die welt im vogel
den sommer

 

herbstblattumrisse
auf weißgeäderten sonnenwegen
wintersonnengeruch im haar
wortloser gleichklang immer
einen takt voraus der
brave schwarze wächter

 

mondschatten
furchtsames tasten in die nacht
die ein monster ist über mir
kein baum schmerzen
am straßenrand
scherben papierschnipsel
längst erloschener
angebote
und einer der
sich durchschreibt durch haut und gefäße
den schlaf in feine
zeilen gerissen

 

die zeiger der sanduhr
verschwinden im augenwinkel
du siehst aufs meer willst
den blick bewahren
als jemand sonnenbrillen ins bild
schiebt
für kleines geld

 

jemand hat die abendsonne
in die linde vor unserem fenster gehängt
den abend mit amselgesang dekoriert
die schatten werden länger doch
niemand geht vorüber

 

dir zu füßen
bunte steine treibholz und
verblichene träume
fragst du was wirklicher sei
als eine welle
die sich
immer wieder auflöst
ins meer
zwischen quallen und
feuerstein
entgleitet dir
der schmerz

nur das klicken der kiesel
um dich
und der wind der
sanft dein haar umblättert

 

© Angela Lohausen

 

Angela Lohausen, geboren 1979, hat Katholische Theologie und Literaturwissenschaft studiert und arbeitet in der Erwachsenenbildung.

 

 

Stefanie Lux. Foto: privat

Stefanie Lux. Foto: privat

Stefanie Lux, geboren 1987 in Kaufbeuren, Studium der Germanistik, Politikwissenschaften, Geschichte, Literatur- und Kulturtheorie in Gießen und Tübingen, lebt in München.

Alle bereits erschienenen Folgen von »Fremdgehen, jung bleiben« finden Sie hier.

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