Fremdgehen, jung bleiben – Folge 8: Dennis Mizioch

Junge Lyrik sieht sich selbst oft als eine Quelle der Innovation. Die Schnelllebigkeit der modernen Sprache, die Vielfalt der heutigen Gesellschaft mit all ihren frischen Einflüssen aus Ost, West, Süd und Nord verändern auch die Literatur tiefgreifend. Und so legt Leander Beil an jedem 8. des Monats den Fokus auf das kulturell und sprachlich Andere, das vermeintlich Fremde in der noch jungen Textwelt. »Fremdgehen, jung bleiben« nimmt jeweils einen Text oder Textausschnitt unter die Lupe und spielt essayistisch mit diesem – ohne den Spielregeln einer starren Analyse zu folgen.

 

Die große Liebe des Poeten ist bekanntlich das Wort. Er umspielt es, er formt es, baut es ein in Sätze, setzt es um, erfindet es neu und verwirft es. Aber Schluss mit kitschigem Geplänkel! – In der Gegenwart wurde sie bereits vielfach entziffert, die romantische Liebe. Luhmann beispielsweise machte sie in »Liebe als Passion« zu einem Kommunikationsmedium mit einem scheinbar einfachen Ziel: unwahrscheinliche Interaktion wahrscheinlich zu machen. »Systemtheorie macht keinen Spaß«, bekäme man da an jedem Stammtisch zu hören.

Doch ganz so trocken, wie im ersten Moment vermutet, ist dieser Ansatz dann auch wieder nicht: Ist es nicht gerade faszinierend, dass Liebe das ermöglichen soll, was unwahrscheinlich, ja gar unmöglich erscheinen mag? Nämlich, dass sich zwei Menschen treffen, sich gegenseitig in einer vor Milliarden Menschen implodierenden Welt auserwählen, um gemeinsam die kleinste soziale Zelle einer Gesellschaft zu gründen: die Familie. Die Suche nach dem Partner, der einem die persönlichste aller Kommunikationen ermöglichen soll, kommt zu einem Ende. Und das in einer Umgebung, die vor lauter geschäftlicher Mails und Einladungen zum wöchentlichen Bowling-Abend gerade nur so strotzt.

Wie schön, dass es da immer noch das intime Gespräch zwischen dem Poeten und dem Papierbogen, zwischen beiden Liebenden gibt. Wenn ein Dichter wie Dennis Mizioch (geboren 1992 in Karlsruhe) ansetzt zum Dialog, spürt man den schwierigen Balance-Akt, zu dem einen die Liebe zwingt. Es ist die Suche nach dem Du und nach der richtigen Sprache, die das lyrische Ich beschäftigt: »und wir werden zimmer / streichen wie zeilen, die zu viel / bedeuten.« Aber es ist auch das schwierige Verhältnis von Nähe und Ferne, von Heimat und Fremde, das hier Ausdruck findet (»wir werden reisen / planen, aber unsere rucksäcke / sind zu klein«). Sprachlich greift der Schreibende nach Weite in jedem Satz. Kaum scheint er es zu schaffen, an ein Satzende einen Punkt zu setzen. Die Gier nach Freiheit trifft auf das immerwährende Bedürfnis nach Nähe, nach intimer Kommunikation.

Das lyrische Ich fasst dieses Paradoxon noch einmal in andere Worte: Was stets präsent ist in Miziochs Text, ist die Angst vor dem »Zerbrechen«, vor der Fragilität der eigenen Sprache und der gegenseitigen Liebe. Sei es Glas, sei es Porzellan, sei es ein einfacher Satz – zusammengesetzt aus einzelnen Vokabeln. Das Lyrische Ich schreckt nicht davor zurück, es einer vermeintlichen Gefahr auszusetzen. Und auch wenn die Schale zu Ende des Textes zerbricht, in Scherben, in Worte, so hofft man doch, dass der Autor sie wieder zusammensetzen kann, zu einem klangvollen Gedicht wie diesem.
 

ich kann keine familie gründen
mit meinen gedichten und dir
es werden sommer kommen, die
keine sind und wir werden zimmer
streichen wie zeilen, die zu viel
bedeuten. du wirst unsere wohnung
dekorieren mit glas, das so
leicht zerbricht durch eine un-
vertraute regung und ich werde
worte sagen, die ich besser ver-
schrieben hätte. wir werden reisen
planen, aber unsere rucksäcke
sind zu klein; wir werden lachen
wollen, aber haben angst vor
der stille danach; ich werde worte
suchen, aber nur deinen namen
finden: eine glasschale, die
ich auf dem kopf balanciere
und erst, wenn sie zerspringt
ist sie weniger als die summe
ihrer teile und zugleich mehr
als eine schale, ein gedicht
über dich, das keines ist
oder ein gedichtband über dich
ohne dich, die auswahl steht.
 

© Dennis Mizioch, Heidelberg

 

Leander Beil. Foto: Volker Derlath

Leander Beil. Foto: Volker Derlath

Leander Beil, geboren 18.08.1992 in München, lebt und studiert nach mehrjährigem Brasilienaufenthalt in München. Mitglied des Münchner Lyrik-Kollektivs »JuLy in der Stadt« (www.julyinderstadt.de). Erste Lyrikveröffentlichungen in »Drei Sandkörner wandern« (Deiningen, Verlag Steinmeier 2009), Versnetze 2/3 (hg. von Axel Kutsch, Weilerswist, Verlag Ralf Liebe 2009), NRhZ-Online (Literatur), »Die Hoffnung fährt schwarz« (München, Verlag Sankt Michaelsbund 2010), »Ois is easy« (München, Verlag Sankt Michaelsbund 2010), »Der deutsche Lyrikkalender 2012« (Boosstraat, Alhambra Publishing 2011), www.lyrikgarten.de (Online Anthologie des Anton G. Leitner Verlags), DAS GEDICHT Bd. 17, Bd. 18, Bd. 19, Bd. 22, Bd. 23 (Weßling, Anton G. Leitner Verlag), »Pausenpoesie« (Weißling, Anton G. Leitner Verlag 2015).
Alle bereits erschienenen Folgen von »Fremdgehen, jung bleiben« finden Sie hier.

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