Gedichte für Kinder – Folge 23: Sechs Kindergedichte von Gerald Jatzek

Uwe-Michael Gutzschhahn präsentiert jeweils am 10. eines Monats auf DAS GEDICHT blog faszinierende Kindergedicht-Autoren mit ihren vielfältigen Spielarten der Kinderpoesie. Denn das Kindergedicht soll lebendig bleiben – damit aus jungen Gedichtlesern neugierige Erwachsene werden, die sich an die Klänge und Bilder der Poesie erinnern, statt an die Last der didaktischen Lyrikinterpretation.

 

Die Sprachspinner

Wenn Spinnen spinnen
und Fliegen fliegen,
könnte man glauben,
dass Ziegen ziegen.

Wenn Robben robben
und Schaben schaben,
möchte man meinen,
dass Raben raben.

Wenn Wogen wogen
Und Ritter rittern,
könnte man glauben,
dass Gitter gittern.

Wenn Klappern klappern
und Rasseln rasseln,
könnte man denken,
dass Asseln asseln.

Wenn Pfeifen pfeifen
und Flöten flöten,
möchte man meinen,
dass Kröten kröten.

Wenn Geigen geigen,
dass Feigen feigen.
Wenn Hacken hacken
dass Zacken zacken.
Wenn Schrauben schrauben,
dass Tauben tauben.
Wenn Krähen krähen,
dass Zehen zehen.
Wenn Rollen rollen,
dass Knollen knollen.
Doch lasst euch nicht verwirren,
wenn die Irren irren.
 

Buntes Frühstück

Der Storch, die Schwalbe und die Sau
schlürfen eine Flasche Blau.

Die Gans, der Gockel und die Geiß
essen Gelb, Orange und Weiß.

Der Otter und der Ozelot
laben sich mit Grün und Rot.

Der Fuchs, der Falke und der Fink
trinken einen Becher Pink.

Die Kuh, das Kalb und der Kapaun
futtern einen Kessel Braun.

Das Pferd, der Panther und der Pfau
speisen Rosa, Schwarz und Grau.

Und alle sagen: »Ungelogen,
gut schmeckt so ein Regenbogen.«
 

Urlaub am Meer

Die Schnipse, der Schnarker, das Kroppeldadum
schauten gemeinsam aufs Meer,
die Schnipse war lang.
der Schnarker war kurz,
das Kroppeldadum ziemlich schwer.

Am Morgen, zu Mittag, am Abend, zur Nacht
schauten die drei auf die Wellen.
Zwei blieben stumm,
das Kroppeldadum
miaute sein grunzendes Bellen.

Sie schauten und schauten und sahen nicht viel.
Das Meer war weitgehend leer.
Sie sahen ein Schiff
draußen beim Riff.
Ansonsten war da nicht mehr.

Die Schnipse, der Schnarker, das Kroppeldadum
schauten zwei Wochen aufs Meer,
dann meinten die drei:
»Das ist jetzt vorbei.
Hier fahren wir nie wieder her.«
 

Nachtflug

Zwei Ziegen fliegen durch die Nacht,
die erste grinst, die zweite lacht.
Die erste grölt, die zweite singt,
derweil der Wind sie südwärts bringt.
Ein Bauer schaut hinauf und raunt:
»Warum sind die so gut gelaunt?«
»Ich denke, es muss daran liegen,
dass Ziegen ziemlich selten fliegen.«
 

Ein König kommt nach Deutschland

Ein König kam nach Wuppertal
und wollte dort befehlen.
Das war den Leuten schnurzegal,
sie wollten lieber wählen.

Ein König kam nach Gütersloh
und suchte Untertanen.
Dort führte man ihn in den Zoo
und schenkte ihm Bananen.

Da nahm der König rasch Reißaus
zur Insel seiner Träume.
Dort herrscht er über eine Maus,
drei Flöhe und fünf Bäume.
 

Erscheinung

Auf einer Wendeltreppe
an einem Donnerstag
erschienen ein Volksschuldirektor
und ein Bezirksschulinspektor
aus Wien, Stettin oder Prag.

Sie rutschten übers Geländer,
sie zogen einander am Ohr,
sie warfen mit Kreiden und Schwämmen,
sie rülpsten und bliesen auf Kämmen
und auf einem Ofenrohr.

Auf einer Wendeltreppe
an einem Donnerstag
verschwanden ein Volksschuldirektor
und ein Bezirksschulinspektor
beim ersten Glockenschlag.
 

© Gerald Jatzek

Gerald Jatzek lebt als Schriftsteller, Musiker und Journalist in Wien. Er schreibt für Kinder und Erwachsene, tritt auf Festivals wie dem Erlanger Poetenfest oder dem Berliner Literaturfestival auf und wurde 2001 mit dem Österreichischen Staatspreis für Kinderlyrik ausgezeichnet. Für junge Leser und Zuhörer schreibt er, weil er die Sprache als ein faszinierendes und die Phantasie anregendes Spielzeug versteht. Jatzek hat einen Gedichtband für Kinder mit demTitel »Rabauken-Reime« (Residenz Verlag, 2011) sowie zwei Lyrikbände für Erwachsene veröffentlicht: »Jedermann ist verdächtig« (Grasl Verlag 1992) und »Die Lieder riechen nach Thymian« (Verlag Berger, 2014). Weitere Publikationen beinhalten Kindererzählungen wie »Der Schnüffelbold« (Obelisk Verlag, 2012), Sachbücher und Kurzgeschichten.

Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath

Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath

Uwe-Michael Gutzschhahn, Jg. 1952, lebt in München und hat an der Universität Bochum über den Lyriker Christoph Meckel promoviert. Seit 1978 hat er zahlreiche eigene Gedichtbände veröffentlicht, u. a. »Fahrradklingel« (1979), »Das Leichtsein verlieren« (1982) und »Der Alltag des Fortschritts« (1996). Zwischen 1988 und 1991 gab er die 12-bändige Kinder-Taschenbuchreihe »RTB Gedichte« mit Texten u. a. von Ernst Jandl, Oskar Pastior, Friederike Mayröcker und Sarah Kirsch heraus. 2003 folgte die Anthologie »Ich liebe dich wie Apfelmus«, die er mit Amelie Fried zusammenstellte und die gerade in einer Neuausgabe wiederaufgelegt wurde. Sein erster eigener Kindergedichtband folgte 2012 unter dem Titel »Unsinn lässt grüßen«. Und im Herbst 2015 erschien seine große Nonsenslyrik-Anthologie »Ununterbrochen schwimmt im Meer der Hinundhering hin und her.«

Alle bereits erschienenen Folgen von »Gedichte für Kinder« finden Sie hier.

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