Gedichte für Kinder – Folge 35: Sieben unveröffentlichte Kindergedichte von Heike Nieder

Uwe-Michael Gutzschhahn präsentiert jeweils am 10. eines Monats auf DAS GEDICHT blog faszinierende Kindergedicht-Autoren mit ihren vielfältigen Spielarten der Kinderpoesie. Denn das Kindergedicht soll lebendig bleiben – damit aus jungen Gedichtlesern neugierige Erwachsene werden, die sich an die Klänge und Bilder der Poesie erinnern, statt an die Last der didaktischen Lyrikinterpretation.

 

So nett

So nett ist meine Tante Marianne!
Sie kommt am Samstag zu Besuch zu uns.
Und bringt ihr kleines Schwein mit. Das macht: grunz.
Am Abend steckt sie’s in die Badewanne.

Zum Frühstück speist es Müsli mit Banane,
dann fahr’n sie mit der S-Bahn an die Isar
und schimpfen alle Hundehalter Spießer.
Am Nachmittag gibt’s Obstkuchen mit Sahne.

So nett ist sie, weil sie sich doch so sorgt!
Und ihrem Schwein auch mal ihr Handy borgt.
Dann ruft es an beim Bauernhof in Murnau.

Es quietscht ein Loblied auf die liebe Tante:
bezeichnet sie als eine Art Verwandte.
Der Bauer grunzt sowas wie: »Arme Sau«.

 

Das verschämte Krokodil

Sprach das verschämte Krokodil:
»Im Nil schwimm ich nur mit Textil!«
Nur leider saß die Badehose
um die Hüften etwas lose.

Drum bastelte der Wasserjäger
aus Algen sich zwei Hosenträger.
Im Dschungel wurd‘ er schnell bekannt
und nur noch »Höschenkrokodil« genannt.

Fürchten tat sich keiner mehr,
stattdessen lachten alle sehr.
Das Kroko reagierte hitzig:
Zunächst fand es das gar nicht witzig.

Drei Wochen trug es Trauerflor.
Doch schließlich siegte sein Humor.
Und es entschied: Ich werd‘ wohl besser
von heute an zum Pflanzenfresser.

 

Der Aua-Hahn

Es war einmal ein Hahn,
der hat sich was getan.
Deshalb hieß er fortan
nur noch: Der Aua-Hahn.

 

Mittel gegen Schüchternheit

Der schüchterne Herr Aberwitz
fand im Wald ’nen Schaberschnitz
und baute draus ’nen Labersitz.
Von nun an riss er Witz um Witz.

 

Das reinliche Zebra

In Afrika, in der Savanne,
hat’s Zebra eine Badewanne.
Warum? Das müsst ihr doch begreifen:
Es wäscht und pflegt dort seine Streifen.

Kommt eine Ameise daher
und trinkt die ganze Wanne leer.
Das Zebra – gerade eingeseift,
deshalb voll Schaum, und nicht gestreift –
ist darüber gar nicht glücklich.
Und fragt erbost: »Findst du das schicklich?«

Das kleine Tierchen nickt nur matt,
Wannenwasser macht so satt!

 

Das Sockenmonster

Letzte Nacht war’s wieder da!
Auch wenn ich euch jetzt schocke:
das Monster mit dem grauen Star.
Es fraß von meiner Socke.

Es ist blind, das ist der Grund,
weshalb es Strümpfe kaut.
Ich glaub, es ist schon kugelrund,
weil es so schlecht verdaut.

So kann das doch nicht weitergeh’n!
Heut Nacht werd ich mich rühren.
Ich werde ihm zur Seite steh’n
und es zum Kühlschrank führen.

Dann schick ich’s heim, denn es ist satt,
doch frag ich’s noch vorm Gehen:
Ob’s nicht ’nen Monsterkumpel hat,
der flicken kann und nähen.

Das Monster packt die Socken ein.
Und sagt: »Tschüss, meine Süße!«
Sein Kumpel stopft die Socken fein.
Und ich hab warme Füße.

 

Vom richtigen Abstand halt en

Selbs twe nnd iebuc hsta benstimm en,
isteins atzs chwerz uvers teh en,
wen ndi eabstä ndezwisch en
de nricht ige nwörte r nfehl en.

 

© Heike Nieder

 
Heike Nieder mag Gedichte, seit sie als Kind in einem Sammelband die Verse von Heinz Erhardt entdeckte. Als Jugendliche versuchte sie, es ihrem Vorbild gleichzutun, und hat in langweiligen Schulstunden oder zu Geburtstagen gern gereimt. Nach dem Abitur kümmerte sie sich ein Jahr lang um behinderte Kinder, danach arbeitete sie als Texterin in einer Werbeagentur. Während ihres anschließenden Studiums der deutschen Literatur verfasste sie ihre ersten Kindergeschichten, ihre Magisterarbeit schrieb sie über Erich Kästner. Auf das Studium folgte ein Tageszeitungs-Volontariat, seitdem verdient sie schreibend ihr Geld. Vor etwa eineinhalb Jahren, während ihrer dritten Elternzeit, entdeckte sie eher zufällig wieder ihr Faible fürs Gedichtemachen. In ihrem Blog »Lyrikbrause.de« veröffentlicht sie seit einigen Monaten das Resultat aus einem Jahr Elternzeit – und noch mehr. Denn sie hat nicht vor, wieder mit dem Reimen aufzuhören. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in München.

Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath

Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath

Uwe-Michael Gutzschhahn, Jg. 1952, lebt in München und hat an der Universität Bochum über den Lyriker Christoph Meckel promoviert. Seit 1978 hat er zahlreiche eigene Gedichtbände veröffentlicht, u. a. »Fahrradklingel« (1979), »Das Leichtsein verlieren« (1982) und »Der Alltag des Fortschritts« (1996). Zwischen 1988 und 1991 gab er die 12-bändige Kinder-Taschenbuchreihe »RTB Gedichte« mit Texten u. a. von Ernst Jandl, Oskar Pastior, Friederike Mayröcker und Sarah Kirsch heraus. 2003 folgte die Anthologie »Ich liebe dich wie Apfelmus«, die er mit Amelie Fried zusammenstellte und die gerade in einer Neuausgabe wiederaufgelegt wurde. Sein erster eigener Kindergedichtband folgte 2012 unter dem Titel »Unsinn lässt grüßen«. Und im Herbst 2015 erschien seine große Nonsenslyrik-Anthologie »Ununterbrochen schwimmt im Meer der Hinundhering hin und her.«

Alle bereits erschienenen Folgen von »Gedichte für Kinder« finden Sie hier.

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