Gedichte für Kinder – Folge 36: Neun unveröffentlichte Kindergedichte von Tanja Dückers

Uwe-Michael Gutzschhahn präsentiert jeweils am 10. eines Monats auf DAS GEDICHT blog faszinierende Kindergedicht-Autoren mit ihren vielfältigen Spielarten der Kinderpoesie. Denn das Kindergedicht soll lebendig bleiben – damit aus jungen Gedichtlesern neugierige Erwachsene werden, die sich an die Klänge und Bilder der Poesie erinnern, statt an die Last der didaktischen Lyrikinterpretation.

 

Muschel

In meiner Muschel
hat mal ein klitzekleiner Mann gelebt.
Das weiß ich ganz genau.
Wenn ich in die Muschel schaue,
kann ich ein Bett, einen Tisch, einen Schaukelstuhl,
eine Zeitung, eine Kaffeetasse und eine Kerze erkennen.
Aber nur, wenn ich ganz genau hinschau.

 

Blaues Boot

Am Strand liegt ein schmales Holzboot,
blaue abgeblätterte Farbe.
Kommt es von der kleinen Insel
am Horizont? Dort, wo Meer und Himmel
blau und grau ineinander übergehen?

Wer saß darin? Wo ist er jetzt?
Leer liegt das blaue Boot am Strand.

 

Gummistiefel

In meinen Gummistiefeln quietscht das Wasser.
Meerwasser. Das gehört jetzt mir – meinen Zehen.
Die baden darin. Machen Kopfsprünge und üben Tauchen.
Und Kraulen. Im Meer.
So viel Wasser in meinen Stiefeln …

 

Leuchtturm

Da vorn der Leuchtturm
blitzt uns von weither an.
Mama sagt, wir finden den Weg,
wir gehen nicht verloren
in dem Sturm seit heute Morgen.
Wasser, Wellen, Gischt und Regen.
Alles schwimmt und fließt,
nur der Leuchtturm blitzt und bleibt.
Meine Hände halten Mamas Hände,
meine Augen den Leuchtturm – fest.

 

Sandburg

Meine Burg geht mir bis an die Brust,
hat vier große schwere Türme.
Wie die Pyramiden ist sie
für die Ewigkeit gemacht.
Meinen Namen habe ich
in sie hineingeschrieben.
Und das Baujahr.
Jetzt kommt eine Riesenwelle –
nur die Pyramiden sind geblieben …

 

Eis

Rot, weiß, grün
tropft das Eis auf meine Füße.
Dolomiti.
Dolomiten, sagt Mama, sind spitze hohe Berge in Italien.
Schöner kalter Schnee rinnt auf meine heißen Füße.
Grünrot glitzernde Eisdiamanten funkeln mich an.
Ein Adler kreist um meine Beine, gleich löst sich eine Lawine …
»Dein Eis tropft!«, mahnen die Erwachsenen nur.

 

Wackelpuddingtier

Das Wackelpuddingtier am Strand
hat keine Ohren und keine Nase.
Keine Augen.
Keine Wimpern und keine Lider zum Öffnen und Schließen.
Keinen Schlaf und keine Träume.
Aber es lebt.

Heute Nacht träume ich für das Wackelpuddingtier
einen schönen langen Küstentraum.

 

Postschiff

Da vorn kommt wieder unser Postschiff,
langsam nähert es sich.
Die Briefe werden nicht nass,
sind sicher im Bauch des sonnengelben Schiffs.

Doch manchmal verschüttet der Kapitän
seinen Kakao: braune Flecken,
seine Milch: gelbe Flecken,
den Himbeersirup: rote Flecken.
die Waldmeisterbrause: grüne Flecken.
Aber oft passiert das nicht.

 

Buhnen und Molen
Buhnen und Molen –
Wellen und Gischt.
Die Harten kämpfen gegen die Weichen,
sagt Papa.
Und: Das Wasser wird gewinnen.

 

© Tanja Dückers

 
Tanja Dückers lebt in Berlin. Als Kind war sie mit ihren Großeltern viele Jahre lang in den Ferien auf der einen oder anderen Nordseeinsel. Später reiste sie mit ihrer eigenen Familie auch gern dorthin. Erinnerungen wie die patschnassen Gummistiefel, in denen das hineingeschwappte Wasser bei jedem Schritt nur so quietscht, kamen bei Inselbesuchen mit ihrem Sohn wieder hoch. Auf Einladung von Indra Wussow und dem kunst:raum syltquelle war Tanja Dückers mehrfach auf Sylt. Dort sind auch die neuen Kindergedichte entstanden.

Tanja Dückers hat sechzehn Bücher veröffentlicht: Romane, Kurzgeschichten, Gedicht- und Essaybände sowie Kinderbücher. Ferner hat sie zwei Theaterstücke und mehrere Hörspiele geschrieben. Essays, Reportagen und andere Texte von ihr sind regelmäßig in Zeitungen und im Rundfunk zu lesen und zu hören.

Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath

Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath

Uwe-Michael Gutzschhahn, Jg. 1952, lebt in München und hat an der Universität Bochum über den Lyriker Christoph Meckel promoviert. Seit 1978 hat er zahlreiche eigene Gedichtbände veröffentlicht, u. a. »Fahrradklingel« (1979), »Das Leichtsein verlieren« (1982) und »Der Alltag des Fortschritts« (1996). Zwischen 1988 und 1991 gab er die 12-bändige Kinder-Taschenbuchreihe »RTB Gedichte« mit Texten u. a. von Ernst Jandl, Oskar Pastior, Friederike Mayröcker und Sarah Kirsch heraus. 2003 folgte die Anthologie »Ich liebe dich wie Apfelmus«, die er mit Amelie Fried zusammenstellte und die gerade in einer Neuausgabe wiederaufgelegt wurde. Sein erster eigener Kindergedichtband folgte 2012 unter dem Titel »Unsinn lässt grüßen«. Und im Herbst 2015 erschien seine große Nonsenslyrik-Anthologie »Ununterbrochen schwimmt im Meer der Hinundhering hin und her.«

Alle bereits erschienenen Folgen von »Gedichte für Kinder« finden Sie hier.

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