Gedichte für Kinder – Folge 39: Neun unveröffentlichte Kindergedichte von Nikola Huppertz

Uwe-Michael Gutzschhahn präsentiert jeweils am 10. eines Monats auf DAS GEDICHT blog faszinierende Kindergedicht-Autoren mit ihren vielfältigen Spielarten der Kinderpoesie. Denn das Kindergedicht soll lebendig bleiben – damit aus jungen Gedichtlesern neugierige Erwachsene werden, die sich an die Klänge und Bilder der Poesie erinnern, statt an die Last der didaktischen Lyrikinterpretation.

 

Rätsel

Es spricht vom Klang,
der im Stillen wohnt,
und vom Gesang
des Mannes-im-Mond.

Erzählt vom Schloss,
das schwebt hoch in der Luft,
samt Traumgeschoss
voller Blütenduft.

Es sagt, wie lieb
dich ein anderer hat,
welch Wort er dir schrieb
auf ein schneeweißes Blatt.

Es sucht nach Sinn
und auch manchmal nach Spaß,
hat Reime drin,
dazu Verse und Maß.

Kommst du dem Ding,
das ich such, auf die Spur?
Das *klingeling* –
was ist es nur?

(Du weißt es wirklich nicht?
Na logisch, das Ge…)

 

Die ganze Familie

Die Mutter, die summt,
der Vater, der brummt,
der Bruder ruft: »Ich!«,
die Schwester: »Nee, nich’!«,
der Hund ringelpiezt,
die Katze, die miezt,
der Sittich macht Fez
auf seinem Trapez,
und krächzt: »Hottehü!«,
das Baby: »Agü!«,
und ganz zuletzt der Opapa
(der wieder eingeschlafen war):
»Püüüh!«

 

Stadtspaziergang

Wofür ist die Antenne da?
Als Vogelhochsitz, ist doch klar.
Und untendran der Parabol?
Er dient als Futterschüssel wohl.

Der Automat am Bürgersteig
backt, wett ich, süßen Mürbeteig
zu Kleingebäck mit Zuckerguss
für den sofortigen Genuss.

Der Fahrradständer ist ein Reck
für Zwerge, Gnome, Gauch und Geck,
die Parkbox ist ihr Rummelplatz
mit Luftschaukel und Untersatz.

Das Baugrundstück am Häuserrand
ist ein geheimes Märchenland
mit Hügeln, hinter deren Saum
blüht mancher gold’ne Wunderbaum.

Du fragst mich auch – und ich bin Ohr –,
wohin führt dieses große Rohr.
Ich weiß es nicht, doch will ich mein’,
uns fällt bestimmt was Schönes ein.

 

So nicht!

Punkt, Punkt, Komma, Strich,
nein, so geht das wirklich nich’!
Zeichne Augen, klar und fein,
Wimpern dran, Pupillen rein,
und zwei Brauen, die darüber
stehen keck sich gegenüber,
eine Nase, leicht geschwungen,
Löcher unten (notgedrungen),
Lippen auch für einen Mund,
lächelnd, schmal oder ganz rund,
Umriss, Kinn und Stirn mit Haaren
die sich auf dem Kopfe scharen,
an die Seiten male Ohren
groß genug, um drin zu bohren,
und vergiss die Wangen nicht –
ohne wird es kein Gesicht.

 

Unmögliches Gedicht

Ich weiß zig Reime auf die Maus
und will sie doch nicht sagen,
nicht Haus, nicht Laus, nicht Saus, nicht Braus,
will Größeres heut wagen.

Will Verse fürs Okapi und
den Andenkondor finden,
auch bei Schakal und Wüstenhund
mich nicht verzweifelt winden.

Die Schnappschildkröte möcht ich mal
so richtig schön bedichten,
und auch dem Entenschnabelaal
ein Sprachdenkmal errichten.

Doch finde ich kein reimend Wort
auf diese oder jenen,
sowie ich’s greifen will, ist’s fort
und lässt sich nur noch wähnen.

Drum gibt es heute kein Gedicht
für Nandu und Konsorten
und auch für den Beluga nicht
mit meinen Mauseworten.

 

Wolken

»Die Wolke da sieht aus wie ein Pferd
mit Schweif und wehender Mähne.«
»Und diese wie ein Ritter mit Schwert,
oder zwei kämpfende Hähne.«

»Dort sehe ich ’nen Gartenzwerg,
mit spitzer Zipfelmütze.«
»Und gleich daneben erhebt sich ein Berg
mit Zuckerwattenspitze.«

»Erkennst du auch den Kakadu,
der plustert sein Gefieder?“
»Und du dahinten das Känguru,
das hüpfet auf und nieder?«

»Da drüben gibt’s ein Segelschiff
mit Mast und Takelagen.«
»Es ist, du bist ja schwer von Begriff!,
ein Haus mit acht Etagen.«

»Die graue dort –« »Worin dem Joch
ein Ochs läuft dumm entgegen?«
»– sieht aus, als gäb es heute noch
’nen schönen Sommerregen.«

 

Regentag

Erst plitsch und platsch
und klitsch und klatsch
dann tippel und tuppel
schilippel, schiluppel
dann saus und ström
und braus und dröhn
padumm und padill
und plötzlich – still
dann kitzel (die Sonne)
und witzel vor Wonne
und knuffel und kniefel
(die Gummistiefel)
dann quietsch und quatsch
und rein in den Matsch!

 

Zur Not

Bitte kaufe Pizzacracker,
denn die sind so furchtbar lecker!
Ravioli aus der Dose
– logisch – in Tomatensoße,
außerdem die sehr famosen
eingelegten Aprikosen.
Süßkram auch und Knabbersachen,
weil die gute Laune machen:
Eis am Stiel und Popcornmais,
Zuckerherzen – pink und weiß –,
Fruchtbonbons und Gummitiere,
Salzlakritze, Erdbeerschnüre,
Sahneschnitten, Rumrosinen,
Waffelröllchen und Pralinen,
Marzipan und Schokoküsse,
Brause-UFOs, Pfeffernüsse,
eine große Tüte Chips
und dazu noch Erdnussflips.
Auch um diese Riffelfritten
möchte ich dich gerne bitten,
und um Ketchup aus der Tube
ganz wie in der Imbissstube …

Was? Wieso?
Oh, ach so! Dann

kauf vielleicht noch etwas Brot
– aber wirklich nur zur Not!

 

Traumreise

In diesem Sommer möchte ich gerne
– es ist mein größter Traum –
verreisen bis in die fernste Ferne
noch weit hinter Zeit und Raum.

Ich folg mit Alice dem Weißen Kaninchen
ins bunte Wunderland,
werd mal so winzig wie’s Däumelinchen,
mal riesig wie ein Gigant.

Ich such am Fluss nach Fußabdrücken
von Huckleberry Finn
und fahr mit ihm dann voller Entzücken
den Mississippi dahin.

Mit Mary Poppins geh ich spazieren
und tauche ein in ein Bild,
lass mich von ihr an der Decke platzieren
zum Tee und muss lachen wie wild.

Ich segle auch mit Pippi Langstrumpf
ins Taka-Tuka-Land,
tanz Seemannstänze über den Schiffsrumpf
und kenne nicht Furcht noch Schand.

Mit Asterix und seinen Leuten
bewohn ich ’nen gallischen Ort
inmitten von dummen Römer-Meuten,
doch jagen wir die einfach fort.

Und sollt aus all diesen Plänen nichts werden,
dann bleib ich eben zu Haus.
Ihr hört von mir auch keine Beschwerden,
ich denk mir was anderes aus.

 

© Nikola Huppertz

 
Nikola Huppertz lebt in Hannover und schreibt Gereimtes und Ungereimtes für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Dabei sind bis jetzt ein ganzer Stapel Bücher, jede Menge Gedichte, Miniaturen und anderes Wortwerk entstanden – zuletzt die Kinderbücher »Meine Omi, die Wörter und ich« und »Woher ich meine Sommersprossen habe« (beide 2017). Und warum Gedichte für Kinder? Weil die Kindheit die beste Zeit ist, um sich in die Sprache zu verlieben, mit ihr zu spielen, in ihr zu wohnen und dabei vielleicht auch eine Hintertür zu entdecken, die in unbekannte Gegenden führt.

Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath

Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath

Uwe-Michael Gutzschhahn, Jg. 1952, lebt in München und hat an der Universität Bochum über den Lyriker Christoph Meckel promoviert. Seit 1978 hat er zahlreiche eigene Gedichtbände veröffentlicht, u. a. »Fahrradklingel« (1979), »Das Leichtsein verlieren« (1982) und »Der Alltag des Fortschritts« (1996). Zwischen 1988 und 1991 gab er die 12-bändige Kinder-Taschenbuchreihe »RTB Gedichte« mit Texten u. a. von Ernst Jandl, Oskar Pastior, Friederike Mayröcker und Sarah Kirsch heraus. 2003 folgte die Anthologie »Ich liebe dich wie Apfelmus«, die er mit Amelie Fried zusammenstellte und die gerade in einer Neuausgabe wiederaufgelegt wurde. Sein erster eigener Kindergedichtband folgte 2012 unter dem Titel »Unsinn lässt grüßen«. Und im Herbst 2015 erschien seine große Nonsenslyrik-Anthologie »Ununterbrochen schwimmt im Meer der Hinundhering hin und her.«

Alle bereits erschienenen Folgen von »Gedichte für Kinder« finden Sie hier.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.