Gedichte für Kinder – Folge 40: JUNI-Auswahl – Fußball-Spezial

Uwe-Michael Gutzschhahn präsentiert jeweils am 10. eines Monats auf DAS GEDICHT blog faszinierende Kindergedicht-Autoren mit ihren vielfältigen Spielarten der Kinderpoesie. Denn das Kindergedicht soll lebendig bleiben – damit aus jungen Gedichtlesern neugierige Erwachsene werden, die sich an die Klänge und Bilder der Poesie erinnern, statt an die Last der didaktischen Lyrikinterpretation.

 

Es ist Fußball-WM – zwei Monate Fußball, den Juni und Juli. Keine Zeit für Gedichte, sagen die Kinder zu ihren Eltern und die Eltern nicken. Keine Zeit. Der Fernseher läuft schon. Aber nach dem Spiel ist vor dem Spiel und ein Spiel dauert immer nur 90 Minuten. Und dann sind da ja auch noch die öden Pausen mit den immer gleichen langweiligen Fußball-Kommentatoren. Da ist echt jedes Fußballgedicht tausendmal besser. Für solche Momente sind hier im Blog zwei Monate lang Fußballgedichte für Kinder und Eltern versammelt – zwei Mal 15 Gedichte im Juni und Juli. Für die Spielpausen und das Warten auf den nächsten Abend, wenn es endlich weitergeht. 30 Autoren haben für diese zwei Monate ihr Bestes gegeben und ihre Worte schön und zielsicher übers Spielfeld gezwirbelt.
 

Renate Buddensiek

Geisterspiel um Mitternacht

Zwölf Uhr nachts sah ich durchs Fenster
auf dem Fußballplatz Gespenster!
Elf in Schwarz und elf in Weiß
kämpften um den ersten Preis.

Unter Mondlicht auf dem Rasen
hört ich sie dem Ball nachrasen,
sah die Flatterhemden fliegen,
rennen, stürmen, um zu siegen.

»Bravo!« rief ich und »Hurra!«
Plötzlich war‘n sie nicht mehr da,
wie vom Erdboden verschluckt.
Gern hätt ich noch zugeguckt.

Aber gegen ein Uhr zwei
war der ganze Spuk vorbei.
Ja, wer hätte das gedacht,
Geisterspiel um Mitternacht!

 

Jürgen Bulla

Panini-Fußballbilder

Komm, lass uns tauschen,
wir lieben das Spiel,
der Schatten auf den Stadionuhren,
die Gelfrisuren
unserer Spielfiguren,
an deren Blick wir uns berauschen,
der uns zwingt, ihnen
das Größte zuzutrauen.

Nimm lieber ein Päckchen
zu viel, verzichte auf ein Eckchen
Schoko. Namen, die auf der Zunge zergehen,
und Namen, die im Wind verwehen,
dein Eselsohren-Gomez nicht ganz unversehrt,
mein Robben ist drei andere wert,
auf deinem Torwart aber bleibst du
sitzen, das schwör ich dir!

Und sind die Bilder fast komplett,
zumindest fehlt nicht allzu viel,
das Licht fällt auf die Stadionuhren,
nehm ich das Album mit ins Bett
und träume von den Spielfiguren,
den Puppen an den dünnen Schnüren,
mit ihrer Angst, ihren Allüren
in einem längst verlorenen Spiel.

 

Georg Bydlinski

Das Match im Zoo

Und wieder rollt der Ball ins Tor.
Keeper Faultier rührt kein Ohr.
Er denkt sich nur: »Wie angenehm, Mann,
dass man aus der untersten Liga nicht mehr absteigen kann!«

 

Fritz Deppert

Länderspielballade

Ich sitz vor der Glotze und bin bereit:
Schon steh ich auch im Strafraum rum
und tritt mir wer ans Bein,
tret ich zurück, Revanche muss sein.
Auch lege ich ’nen Gegner um
und spiele selbst den toten Mann.

In der Halbzeitpause dann
knabbere ich Chips mit Paprika.
Beim Anpfiff sitz ich wieder da
und brüll bei jedem Tor so laut ich kann,
und nur das Gegentor tut weh
zur schönsten Fernsehzeit. Olé olé.

 

Alex Dreppec

Schrittweise, trittweise

Mein Söhnchen begreift das Spiel schrittweise.
Er überträgt das Gelernte direkt.
Als er anfing, den Ball zurückzuspielen,
stellte er fest, dass man vieles
durch die Gegend werfen oder kicken kann:
Tassen und Gläser zum Beispiel.
Wenn man dabei den Gegenstand
in einen Zustand versetzt,
in dem Papa ihn kaum mehr
zurückwerfen oder kicken kann,
geht man in Führung.
So wie neulich, als er,
daran vorbeigetragen,
die Glasschale vom Tisch kickte,
mit den Trauben darin, die Oma dann aus
Angst vor kleinen Scherben wegwarf.
Tor.

 

Tanja Dückers

Wann endlich?

Meine Blicke überschlagen sich
Schwarzweißschwarzweißschwarzweißgraues Flirren
Immer rund herummes Fußverwirren
Krieg ’n krassen Knoten im Kopf
Vom vielen Augen-Hinundherundhin wirste irre
Dribbeldi dribbeldi drauf und drüber
Über alle Köpfe rüber
Auf und Abseits
Freistoß    Flirren    Foul!
Gelbe Karte für Macker-Paul!
Mir entgeht nix kein Sekündchen
Häng hier rum schon viele Stündchen
Wann    lassen    die    Großen
Mich    e n d l i c h    mitspielen?

 

Martin Ebbertz

Liveticker

Bestes Wetter Spielbeginn
Ballbesitz und Raumgewinn
Trainer alte Wirkungsstätte
Aufbau aus der Dreierkette
Abwehr sehr gut aufgestellt
beharken sich im Mittelfeld
möglich dass jetzt was passiert
Kugel kaum noch kontrolliert
Radius gekonnt erweitert
Fuß dazwischen knapp gescheitert
legt von links das Leder vor
Pass und schneller Abschluss – Tor!
Hat die andern aufgeweckt
hinten klasse durchgesteckt
Ballverlust dann kriegt er ihn
flaches Abspiel gut bedient
in der Mitte spielt sich frei
segelt knapp am Ball vorbei
zweite Ecke scheint verpufft
Konterchance da ist noch Luft
kann die knappe Führung kosten
Abschlag vor dem rechten Pfosten
schickt erst links und legt dann quer
Flachschuss harmlos hin und her
Pausenpfiff Erwartung dämpfen
klare Worte weiterkämpfen
Choreo mit bunten Bändern
Seitenwechsel unverändert
frühes Stören Ballverlust
grobes Foul mehr aus Frust
wie er in die Beine drischt
Wade Knöchel bös erwischt
Schiri hat sich vorgeknöpft
Karte Freistoß Hoffnung schöpft
aus der Tiefe kommt er schon
langer Ball in Position
rechter Flügel Übersicht
zentraler Rückraum eher nicht
Hackentrick nach Pirouette
Abwehrkette Passstafette
Stürmer stochert Spielgerät
fraglich ob hier noch was geht
und am Ende drängt die Zeit
weiter Abschlag Möglichkeit
einen sieht man überall
Freistoß Flanke Flugkopfball
den er nicht mehr kriegen kann
Abspiel auf den Nebenmann
unerreichbar viel zu weit
vier Minuten Nachspielzeit
Druck nach vorne geht es noch
Gegenspieler abgekocht
Abwehr müsste tiefer stehn
für den Torwart kein Problem
letzte Chance holt Ecke raus
abgepfiffen – Spiel ist aus!

 

Christian Futscher

Die Spinne im Kreuzeck

Die kleine Spinne
war ganz schön angefressen,
als ihr Netz,
das sie im Kreuzeck gebaut hatte,
von einem Schuss zerfetzt wurde.
Dabei hatte sie so auf die Heimstärke
der Heimmannschaft vertraut.
Weiter als eine Spielhälfte
konnte sie sowieso nicht denken
mit ihrem kleinen Spinnenhirn.

 

Thomas Glatz

Nur Fußball im Kopf

Wo ist nur mein Mathebuch,
das ich schon seit Tagen such?

Und wo ist mein Geodreieck?
Das ist schon seit Tagen weg.

Ich möchte nicht mehr im Schulranzen wühlen.
Möchte lieber draußen Fußball spielen.

Wo ist eigentlich mein Kopf?
Ohne den bin ich ein armer Tropf.

Im Schrank bei den Socken ist er nicht.
(Ohne Kopf auch kein Gedicht.)

Ich möchte nicht mehr in Schränken wühlen.
Möchte lieber draußen Fußball spielen.

Und kommt aus der Ecke eine Flanke
ist mein Kopf noch irgendwo im Schranke.

Womit soll ich denn dann köpfen?
Och. Öch bön oin örmör Tröpfen.

 

Uwe-Michael Gutzschhahn

Tabellenführer

Die Spieler vom FC Bayern,
die lassen den Ball nur eiern.

Die Spieler vom HSV,
die spiel’n wie die letzte Sau.

Die Spieler vom BVB
liegen faul auf dem Kanapee.

Den Spielern von Schalke 04
fehlt einfach der Biss und die Gier.

Bei den Spielern des FC Augsburgs
ist jedes Spiel der Totalmurks.

Die Spielvereinigung Fürth
hat noch nie einen Ball berührt.

Bei Bayer in Leverkusen
kann kein Spieler den andern verknusen.

Die Spieler bei Werder Bremen,
die sollten sich lieber was schämen.

Bei den Spielern von Herta Berlin
ist der Ball nur im eignen Tor drin.

Die Spieler von Mainz 05,
die ernten nur Schmach und Schimpf.

Die Spieler des FC Darmstadt,
die sehen nicht, wer den Ball hat.

Die Spieler von RB Leipzig,
die haben echt keinen Durchblick.

Aber wir auf dem Bolzplatz zu Haus
putzen alle anderen aus.

 

Stefan Heuer

In 80 Phrasen um den Ball

Ich kenne mich mit Sprachen aus
und schaue gerne Sport –
doch immer, wenn‘s um Fußball geht,
verstehe ich kein Wort!

Was sind denn das für Menschen,
die Mauern dirigieren?
Und wenn ein Spiel gelesen wird –
wer kann es buchstabieren?

Hinten muss die Null stets stehen –
na, nennt man so den Torwart?
Alles Struuuunz und Flasche leer –
verbraucht der letzte Vorrat?

Die Wahrheit liegt meist auf dem Platz,
doch wird sie auch entdeckt?
Und sind dort zwischen grünem Gras
die Schwalben gut versteckt?

Der Rasen muss brennen!
Aber jetzt mal ganz ehrlich:
Fußball auf brennendem Rasen –
Ist das denn nicht gefährlich?

Der Keeper fällt wie eine Schranke,
wann kommt der nächste Zug?
Die Gast-Elf macht den Sack jetzt zu,
ist er schon voll genug?

Zum Schluss noch eine Schippe drauf,
noch fünf Minuten Zeit –
Der 12. Mann trinkt grad ein Bier
und ist doch längst bereit!

 

Sibylle Hoffmann

Best place

Wir kommen gerannt, ratzfatz
raus aus den Häusern, rauf auf den Platz.

Wir kämpfen. Ich bin auch gefallen
blutig verprickelt meine Knie und Handballen.

Macht nichts. Hauptsache Spaß. Kick und
der Ball rollt ledern und rund.

Hier leb ich, hier spiel ich. Ich mag diesen Ort
mein Trikot, meine Mannschaft und diesen Sport.

Hier spiel ich: Best place auf der Welt
Mit ’nem Tor und ’nem Freund, der den Ball hält.

 

Jan-Eike Hornauer

Fußballerlied
für den Mannschaftschor in der Umkleidekabine

Sprinten, passen, Tore schießen,
in der Abwehr Lücken schließen:
Fußball, das ist unser Spiel,
fair zu siegen stets das Ziel!

Lassen wir den Rasen brennen!
Einsatz, Teamgeist, echtes Können:
Lasst uns richtig klasse kicken
und die andern heimwärts schicken!

Breit die Brust und raus aufs Feld!
Wir sind bestens aufgestellt,
machen uns den Sieg heut klar,
dreimal drum: Hipp, hipp, hurra!

 

Nikola Huppertz

Traumfußball

Heute spiel ich Traumfußball
– das geht sogar bei Regen,
ich muss in dem speziellen Fall
auch keinen Ball bewegen.

Stell einfach nur am Fenster mich
bereit in Position,
schieb Wolkenbänke ordentlich
ins Himmelsstadion.

Dazwischen liegt das Fußballfeld
aus Dunst und Nebelschwaden
hoch über unsrer nassen Welt
– doch ohne Balustraden.

Da drüben ist der Anstoßkreis,
dort der Elfmeterpunkt,
der Kommentar wird zum Beweis
kosmisch herabgefunkt.

Das Rauschen aus dem Publikum
lässt sich noch weithin hören,
es tost und braust wie irre um
die Mannschaft zu beschwören.

Der Regenbogen ist das Tor
in kunterbuntem Schein,
und kommt die Sonne erst hervor
fliegt sie gewiss hinein.

 

Gerald Jatzek

Mädchen und Fußball

»Mädchen können nicht Fußball spielen«,
sagt der Peter
und nimmt mir den Ball weg.

»Warum?« frage ich.
»Weil sie es nicht können«,
behauptet er.

»Und warum können sie es nicht?«
frage ich weiter.
»Na, weil sie eben Mädchen sind«,
sagt der Peter.
»Fußball können nur Buben spielen.«

»Das ist keine Antwort«,
sage ich.
»Was ist denn so besonders an Buben?«
»Buben und Mädchen sind halt verschieden«,
erklärt der Peter.

»Wie verschieden?«
will ich wissen.
»Naja«,
murmelt der Peter.
»Das weißt du doch selbst.«

»Klar weiß ich das«,
sage ich.
»Sie sind untenrum verschieden gebaut.«
»Genau«,
sagt der Peter.

»Aber«,
sage ich,
»mit dem Untenrum
spielt doch kein Mensch Fußball!«

 

Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath

Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath

Uwe-Michael Gutzschhahn, Jg. 1952, lebt in München und hat an der Universität Bochum über den Lyriker Christoph Meckel promoviert. Seit 1978 hat er zahlreiche eigene Gedichtbände veröffentlicht, u. a. »Fahrradklingel« (1979), »Das Leichtsein verlieren« (1982) und »Der Alltag des Fortschritts« (1996). Zwischen 1988 und 1991 gab er die 12-bändige Kinder-Taschenbuchreihe »RTB Gedichte« mit Texten u. a. von Ernst Jandl, Oskar Pastior, Friederike Mayröcker und Sarah Kirsch heraus. 2003 folgte die Anthologie »Ich liebe dich wie Apfelmus«, die er mit Amelie Fried zusammenstellte und die gerade in einer Neuausgabe wiederaufgelegt wurde. Sein erster eigener Kindergedichtband folgte 2012 unter dem Titel »Unsinn lässt grüßen«. Und im Herbst 2015 erschien seine große Nonsenslyrik-Anthologie »Ununterbrochen schwimmt im Meer der Hinundhering hin und her«, im Frühjahr 2018 die Anthologie »Ununterbrochen schwimmt im Meer der Hinundhering hin und her«, die aus der Reihe »Gedichte für Kinder« hervorgegangen ist.

Alle bereits erschienenen Folgen von »Gedichte für Kinder« finden Sie hier.

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