Gedichte für Kinder – Folge 41: JULI-Auswahl – Fußball-Spezial

Uwe-Michael Gutzschhahn präsentiert jeweils am 10. eines Monats auf DAS GEDICHT blog faszinierende Kindergedicht-Autoren mit ihren vielfältigen Spielarten der Kinderpoesie. Denn das Kindergedicht soll lebendig bleiben – damit aus jungen Gedichtlesern neugierige Erwachsene werden, die sich an die Klänge und Bilder der Poesie erinnern, statt an die Last der didaktischen Lyrikinterpretation.

 

Es ist Fußball-WM – zwei Monate Fußball, den Juni und Juli. Keine Zeit für Gedichte, sagen die Kinder zu ihren Eltern und die Eltern nicken. Keine Zeit. Der Fernseher läuft schon. Aber nach dem Spiel ist vor dem Spiel und ein Spiel dauert immer nur 90 Minuten. Und dann sind da ja auch noch die öden Pausen mit den immer gleichen langweiligen Fußball-Kommentatoren. Da ist echt jedes Fußballgedicht tausendmal besser. Für solche Momente sind hier im Blog zwei Monate lang Fußballgedichte für Kinder und Eltern versammelt – zwei Mal 15 Gedichte im Juni und Juli. Für die Spielpausen und das Warten auf den nächsten Abend, wenn es endlich weitergeht. 30 Autoren haben für diese zwei Monate ihr Bestes gegeben und ihre Worte schön und zielsicher übers Spielfeld gezwirbelt.
Mathias Jeschke

Müller

Er ist ein Spieler vom bayrischen Land,
die Eltern haben ihn Thomas genannt.
Er ist ein Held in Jogi Löws Mannschaft,
der wie kein anderer Punkte heranschafft.
Sein Zug zum Tor, der ist echt groß,
und hat er den Ball und rennt er dann los,
dann gibt es kein Halten und der Torwart
fischt den Ball aus dem Netz, denn hart
und genau war der Müllersche Schuss.
Schon geht es weiter. Es ist noch nicht Schluss!

Neuer zu Reus und Reus auf Götze,
auch dieser ist ein guter Schütze,
von Götze zu Kroos und der sieht Müller,
da, seht ihn an, das wird ein Knüller!
Erst siehtʼs so aus, als käm er nicht ran,
doch dann umtänzelt er Mann um Mann,
nicht lange danach steht der Typ vorm Tor.
Wir fragen uns noch: Was hat er nun vor?
Da fliegt der Torwart, Müller zirkelt die Pille
ins rechte Eck. – Das war sein Wille!

Der Ball ist drin, es steht Zwei zu Null.
Der Torwart der andern hat die Nase schon voll.
Da startet er wieder, der Thomas Müller,
er fackelt nicht lange und läuft immer schneller.
Er lässt alle stehen, stoppt und hebt
die Kugel über den Torwart, der bebt,
denn es senkt sich der Ball unter die Latte
und hinter die Linie, der Keeper hatte
null Chance … Müller brüllt und rennt
zur Fahne – ein Bild das man kennt!

Das Spiel geht dem Ende entgegen,
der Gegner ist stark, doch bleibt unterlegen.
Ein Mann hat das Spiel ganz für sich entschieden
und ist – again! – der Sieger geblieben.
Drei Tore, drei Punkte, so soll es sein!
Es gilt: Der Müller, der haut ihn rein!
Das war – by the way – vor zig Jahren schon so,
da war ich zehn und war immer froh,
wenn Gerd Müller Bälle im Tor versenkte,
ja: gegen Holland den Titel uns schenkte!

 

Karl Kirsch

Elfenfußball

Den passionierten Fußballelfen
würden schwere Schuhe helfen.
Denn, wenn sie schwirrbeflügelt ballwärts toben,
ein Hauch trägt allesamt nach oben
in ein Elfenschwarmgewirre –
spielerisch geht’s in die Irre.
Doch brächten schwere, derbe Schuhe
am Ende gleichsam zu viel Ruhe:
Ans Rasengrün gebunden durch Gewicht,
rührn Elfen ihre Füße kaum bis nicht.
Solang wir dafür keine Lösung finden,
wird Elfenfußball Fans nur schwerlich an sich binden.

 

Barbara Maria Kloos

nehmen wir mal an

im fußball wohnt ein kleiner mann
mit tisch und bett mit stuhl und klo
(natürlich alles festgenagelt!)
und dem hündchen namens floh

ist das leben nicht zu doof
ohne fenster blick zum hof?
und vor allem ohne tür – wenn
floh mal muss: dann schießen wir

 

Susan Kreller

Spieler, hinten links

Am meisten mag ich
den Spieler
hinten links
den niemand sieht
den am Feldrand keiner kennt
dem der rechte Strumpf
immer
knieabwärts rutscht
knöcheltief
weißgrauweiß
der den Fleck auf dem Trikot
schon vor dem Spiel hatte
und das Bäuchlein darunter
und die Angst
Den Spieler
der den Kopf
gebeugt hält
als suchte er Pilze
auf dem aalglatten Fußballfeld
vorsichtshalber
man weiß ja nie
Den Spieler
der keinen Namen hat
der keinen Namen braucht
(ihn ruft ja keiner)
der um Vergebung fleht
mit den Augen
den roten Ohren
bei jedem verpatzten Schuss
Den Spieler
hinten links
der am Ende
wenn schon alles fast vergebens war
wenn schon alles fast wie immer war
der am Ende
den Kopf hebt
und losrennt
nach vorne rechts
und dann
das beste Tor von allen
schießt

 

Fitzgerald Kusz

fußball-haiku

dä mond is ä foußboll
weä houdn naufgschossn?
weä schäißdn widdä zrigg?

der mond ist ein fußball
wer hat ihn hochgeschossen?
wer schießt ihn wieder zurück?

 

Paul Maar

Elf Meter

Beim Heimspiel am Samstag
gab es einen Elfmeter.
Der Schütze, der antrat,
hieß mit Vornamen Peter.
Er schoss den Ball
exakt elf Meter
über die Latte.
Weil er die Regel
falsch aufgefasst hatte.

Sein Trainer, nach dem Aus
um Erklärung gebeten,
redet sich raus:
»Ich habe gefordert
und laut angeordnet:
Nie soll der Gefoulte
den Elfer selbst treten!«

 

Thilo Mandelkow

Ungünstige Wohnlage

Plötzlich zittern Zimmerwände,
man hört BUMMS BUMMS BUMMS
und ‘ne Vase kracht zu Boden
mit ‘nem lauten RUMMS!

Auch der Schrank beginnt zu wackeln
und hüpft durch den Raum.
Mag der Mieter dieses Schauspiel?
Ich denke: Wohl kaum!

Denn jetzt sucht er seinen Besen
mit dem langen Stiel,
klopft energisch an die Decke!
Es wird ihm zu viel!

Doch der Einsatz ist vergebens.
Dann erlischt das Licht.
Und man hört ihn lauthals fluchen:
»SCHLUSS JETZT! MIT MIR NICHT!«

Und dann stapft er durch das Dunkel,
– wieder BUMMS BUMMS BUMMS –
schlägt die Tür auf, ziemlich wütend,
mit ‘nem lauten RUMMS!

»JETZT IST SCHLUSS HIER! ICH WILL SCHLAFEN!
RUHE! GEHT NACH HAUS!«
Da erklingt ein Doppelpfeifton
und das Spiel ist aus …

 

Heike Nieder

Im Sammelrausch

Mama sammelt Blumenarten,
Papa sammelt Star-Wars-Schwarten,
Opa sammelt Kaffeefahrten –
und ich sammel Fußballkarten!

Glitzernde und limitierte,
in der Mappe gut sortierte,
unter Kennern hoch dotierte …
Tausche locker jede vierte!

Ich trag mein ganzes Taschengeld
zum Kiosk – weil es mir gefällt!
Für mich ist Fußball halt die Welt.
Das sei hier mal klargestellt!

Doch meine Ma sagt: »Jetzt ist Schluss!
Du hast den Kram im Überfluss!
Ein Euro pro Paket – das muss
aufhören! Sonst gibt’s ’nen Kuss!«

 

Wolfgang Oppler

Rasche Rach

Zwei Wespen sitzen voller Wonn
auf einer Latte in der Sonn.
Da saust ein Fußball, flitz und krach,
an ihre Latt mit 100 Sach.

Die eine Wesp ist wild empört,
weil wer beim Sonnbad sie gestört.
Die andre Wesp lacht noch und noch,
sie hat den Fußball totgestoch.

 

Barbara Pumhösel

Regenmatch

Das Training entfällt.
Heute fallen nur
Tropfen ins Tor.
Der Ball liegt rund
im Eck und still.
Die Tropfen klopfen
auf meinen Kopf.
Ich schaue hinauf und
öffne den Mund.
Jetzt spielen die Wolken,
schießen – ohne zu
zielen – Senkrechttore
zwischen meine
Torpfostenzähne.
Die Zunge zählt mit.

 

Arne Rautenberg

nachtfußball

warum können unsere sternbilder nicht
messi
ibrahimovic
ronaldo
neymar
lewandowski
und müller heißen?

der vollmond
ist ihr ball

und siehe da:
ab und zu

bewegt er sich

 

Manfred Schlüter

999 : 0

in Erinnerung an Boy Lornsen

Der Tausendfüßler Tappelbein
hat tausend flinke Beine
und einen Fuß an jedem Bein.
Er kickt für Kickers Peine,

schießt Tor um Tor mit jedem Fuß.
Der Ball, das ist sein Leben.
Er stürmt und dribbelt und dann: Schuss!
Nur einer geht daneben!

Mist!

 

Alfons Schweiggert

Wie viele Ecken hat ein Fußball?

Ein Fußball
hat doch keine Ecken,
der ist rund, das sieht jeder!

Du irrst, ein Fußball hat 60 Ecken,
vorausgesetzt er ist aus Leder,
dazu 90 Kanten,
die jeder zählen kann.

Schau dir den Fußball mal an.
12 schwarze Fünfecke
und 20 weiße Sechsecke
sind so aneinandergenäht.
dass daraus ein Ball entsteht.

An jedes schwarze Fünfeck
grenzen fünf weiße Sechsecke
und an jedes weiße Sechseck
stoßen drei schwarze Fünfecke an.

Ja, so ein Fußball
ist ein wahres Wunder.
Er hat Ecken und Kanten
und ist doch ein Ball, ein runder.

 

Ute Wegmann

Fette Beute

Samstagsmorgens kurz nach sieben,
das find ich nun übertrieben,
wetten sie, wer wohl gewinnt,
ob der Schiri wieder spinnt,
ob der Sturm im Training ist,
welchen Spieler man vermisst.

Papa und sein bester Freund,
nicht ein Spiel wird da versäumt.
Jeden Samstag geht das so:
Vor dem Heimspiel schnell aufs Klo,
schnappen sie ein Bierchen gleich,
Wurst dazu: Himmelreich.

»Du bist krank, ich fass es nich’!«,
ruft mein Vater außer sich.
Für das Spiel, auf das sie warten,
gibt’s seit Wochen keine Karten!
Doch ich höre, kann’s nicht glauben,
meinen Namen. Schließ die Augen.

Und dann steht er plötzlich da,
zwinkernd, lächelnd, mein Papa.
»Sohn, hast du heut schon was vor?«
Er fragt mich? Mir glüht das Ohr.
»Nein!«, schrei ich wie Supermann.
Zieh mir gleich die Schuhe an.

Kaum sind wir im Stadion,
höre ich das Megafon
und die Lieder, die Gesänge,
rot und weiß sind alle Ränge.
Spieler laufen winkend ein.
Ich fühl mich unsagbar klein.

Dann beginnt das Hin und Her.
Manches Dribbeln endet quer.
Manches Abspiel geht daneben.
Mancher Torschuss außen eben.
Mancher Spieler fault herum.
Mancher Pass erscheint echt dumm.

Tore fallen irgendwie
nie!

Plötzlich läuft es wie der Blitz,
Papa holt es jetzt vom Sitz.
Konzentrier mich auf die Zehn:
Irgendwann muss mal was gehn.
Da, er rennt, er schießt, prescht vor.
Endlich fällt das erste Tor.

Feuern wir sie weiter an.
So ein zweites Tor wär dran,
denn die Jungs, sie spielen gut,
spritzig, knackig und mit Mut.
Unsere Lieder sprechen Bände,
doch das Heimspiel fast zu Ende.

Schlusspfiff. Alle springen auf.
Männer, Frauen voll gut drauf.
Seh nur Rücken, Mützen, Schals.
Sing die Hymne abermals.
Juchze, jauchze, bin im Glück.
Superspiel, Meisterstück!

Und ich denke: Armer Klaus,
siehst das Spiel allein zu Haus.
Danke, dass du krank warst heute.
Für mich war das fette Beute.

 

Frantz Wittkamp

Ich kann nicht Fußball spielen.
Ich bin genau wie du.
So geht es aber vielen.
Wir gucken lieber zu.

 

Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath

Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath

Uwe-Michael Gutzschhahn, Jg. 1952, lebt in München und hat an der Universität Bochum über den Lyriker Christoph Meckel promoviert. Seit 1978 hat er zahlreiche eigene Gedichtbände veröffentlicht, u. a. »Fahrradklingel« (1979), »Das Leichtsein verlieren« (1982), »Der Alltag des Fortschritts« (1996) und »Die Muße der Mäuse« (2018). Zwischen 1988 und 1991 gab er die 12-bändige Kinder-Taschenbuchreihe »RTB Gedichte« mit Texten u. a. von Ernst Jandl, Oskar Pastior, Friederike Mayröcker und Sarah Kirsch heraus. 2003 folgte die Anthologie »Ich liebe dich wie Apfelmus«, die er mit Amelie Fried zusammenstellte und die gerade in einer Neuausgabe wiederaufgelegt wurde. Sein erster eigener Kindergedichtband folgte 2012 unter dem Titel »Unsinn lässt grüßen«. Und im Herbst 2015 erschien seine große Nonsenslyrik-Anthologie »Ununterbrochen schwimmt im Meer der Hinundhering hin und her«, im Frühjahr 2018 die Anthologie »Sieben Ziegen fliegen durch die Nacht« bei dtv Junior, die aus der Reihe »Gedichte für Kinder« hervorgegangen ist.

Alle bereits erschienenen Folgen von »Gedichte für Kinder« finden Sie hier.

Ein Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.