Gedichte für Kinder – Folge 45: Sieben unveröffentlichte Kindergedichte von Iris Schürmann-Mock

Uwe-Michael Gutzschhahn präsentiert jeweils am 10. eines Monats auf DAS GEDICHT blog faszinierende Kindergedicht-Autoren mit ihren vielfältigen Spielarten der Kinderpoesie. Denn das Kindergedicht soll lebendig bleiben – damit aus jungen Gedichtlesern neugierige Erwachsene werden, die sich an die Klänge und Bilder der Poesie erinnern, statt an die Last der didaktischen Lyrikinterpretation.

 

Das kleinste
Loch
der Welt

Kleiner als ein Königschloss
Kleiner als ein Riesenross

Kleiner als ein Känguru
Kleiner als ein Kakadu

Kleiner als ein Wasserhahn
Kleiner als ein Wackelzahn

Kleiner als ein Löffel Brei
Kleiner als ein Meisenei

Kleiner als der kleinste Strand
Kleiner als ein Körnchen Sand

Kleiner als … es geht nicht mehr
So klein zu graben, ist sehr
schwer!

 

Hinter dem Fenster

In Riese Roberts Riesenhaus,
Da gibt es sieben Fenster.
Da starren sieben Wesen raus:
Das sind bestimmt Gespenster!

Sie reißen ihre Mäuler auf.
Sie wetzen ihre Krallen.
Schnell weg von hier im Dauerlauf,
eh’ sie dich überfallen!

Da! Mit der Pfote hinters Ohr …
Ob sich Gespenster kratzen?
Und jetzt miauen sie im Chor:
Vielleicht sind es doch Katzen?

 

Was es auch gibt

Eierzecke, Schleierechse,
Fliegenschmeiß und Finkenschmier.
Reiherweihe, Streifengeier,
Kaisermeise, Weichtapir.

Rudelschabe, Reiseschleiche,
Radelschwein und Rodelstier,
Ringelschnake, Riegelschnecke
Riesen-Raben-Schnabel-Tier.

 

Daneben!

Schwarze Punkte, Fliegendreck,
Geh von unsrem Pudding weg!

Schnell, schnell, schnell, die Fliegenklatsche!
Achtung, fertig – dicke Patsche

tropft von Mamas Blumenvase,
Himbeersaft auf meiner Nase,

Sahneklecks in Papas Bier.
Und wo ist das freche Tier?

Sitzt draußen auf der Wäscheleine,
und putzt vergnügt die Puddingbeine!

 

Ssssss

Mag es dir auch manchmal glücken,
etwa hundertzwanzig Mücken
aus dem Zimmer zu vertreiben:
Eine wird doch übrig bleiben!

 

Die Sternschnuppe

Heut schwamm in meiner Nudelsuppe
eine
klitzekleine,
leuchtend reine,
glitzerfeine
– Sternschnuppe!

Ich fischt‘ mit meiner Fingerkuppe
das gold’ne Ding aus meiner Suppe
und sprach: „Du kleiner Meteorit,
ich wünsch mir – Guten Appetit!“

 

Auf der Wiese

Ein Gewimmel,
ein Getümmel!
Tausend feine
flinke Beine.
Larven schlüpfen aus dem Ei:
Eins zwei drei – Krabbelei

Hier ein Summen,
da ein Brummen.
Mücken sirren,
Fliegen schwirren.
Die Libelle saust vorbei:
Eins zwei drei – Krabbelei

Käfer flitzen.
Grashalmspitzen
schwanken, kippen.
Oben wippen
Ameisen ganz schwindelfrei:
Eins zwei drei – Krabbelei

Spinnen weben.
Netze schweben
zwischen Gräsern.
Tropfen, gläsern,
glitzern wie durch Zauberei.
Eins zwei drei – Krabbelei

Ein Gewisper,
ein Geflüster
spät im matten
Abendschatten.
Kommt die Nacht, ist – eins, zwei drei –
Schluss mit all der Krabbelei.

 

© Iris Schürmann-Mock

 

Iris Schürmann-Mock lebt in Bornheim. Als sie elf Jahre alt war, entdeckte sie bei einem etwas langweiligen Familiengeburtstag im Bücherregal ihres Onkels das Kinder-Verwirr-Buch von Joachim Ringelnatz. Das war das Ende der Langeweile und der Beginn einer lebenslangen Liebe. Bis sie selbst anfing, Gedichte zu schreiben, dauerte es jedoch noch ein paar Jahrzehnte, in denen sie studierte, als Journalistin und Pressesprecherin arbeitete, die Zeitschrift Eselsohr mitgründete und (zunächst ungereimte) Bücher für Kinder und Erwachsene schrieb. Inzwischen hat sie neben gereimten Bilderbuchgeschichten ein Buch mit Vogelgedichten unter dem Titel „Sing, sang, Zwitscherklang veröffentlicht (2015). Ihr zweites Gedichtbuch „In der Nacht, wenn der Hamster erwacht“, erscheint im Herbst 2018. Geschichten und Gefühle in eine vorgegebene Form zu fassen und zum Klingen zu bringen, ist für sie eine wunderbare Herausforderung.

 

Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath

Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath

Uwe-Michael Gutzschhahn, Jg. 1952, lebt in München und hat an der Universität Bochum über den Lyriker Christoph Meckel promoviert. Seit 1978 hat er zahlreiche eigene Gedichtbände veröffentlicht, u. a. »Fahrradklingel« (1979), »Das Leichtsein verlieren« (1982), »Der Alltag des Fortschritts« (1996) und »Die Muße der Mäuse« (2018). Zwischen 1988 und 1991 gab er die 12-bändige Kinder-Taschenbuchreihe »RTB Gedichte« mit Texten u. a. von Ernst Jandl, Oskar Pastior, Friederike Mayröcker und Sarah Kirsch heraus. 2003 folgte die Anthologie »Ich liebe dich wie Apfelmus«, die er mit Amelie Fried zusammenstellte und die gerade in einer Neuausgabe wiederaufgelegt wurde. Sein erster eigener Kindergedichtband folgte 2012 unter dem Titel »Unsinn lässt grüßen«. Und im Herbst 2015 erschien seine große Nonsenslyrik-Anthologie »Ununterbrochen schwimmt im Meer der Hinundhering hin und her«, im Frühjahr 2018 die Anthologie »Sieben Ziegen fliegen durch die Nacht« bei dtv Junior, die aus der Reihe »Gedichte für Kinder« hervorgegangen ist.

Alle bereits erschienenen Folgen von »Gedichte für Kinder« finden Sie hier.

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