Gedichte für Kinder – Folge 46: Sieben unveröffentlichte Kindergedichte von Michael Hammerschmid

Uwe-Michael Gutzschhahn präsentiert jeweils am 10. eines Monats auf DAS GEDICHT blog faszinierende Kindergedicht-Autoren mit ihren vielfältigen Spielarten der Kinderpoesie. Denn das Kindergedicht soll lebendig bleiben – damit aus jungen Gedichtlesern neugierige Erwachsene werden, die sich an die Klänge und Bilder der Poesie erinnern, statt an die Last der didaktischen Lyrikinterpretation.

 

eine torte essen

eine torte essen
muss man nicht
beginnen
hat man schon
ist schon im mund
und die gabel
sucht den
grund vom
teller
wie von selbst
und es geht schnell
und es gefällt
die brösel
zwischendurch
singen im mund
und die schoko
lade hält sich
an der zunge an
schmilzt dann
warm und der
nächste bissen
ist schon dran
so kann
es weitergehen
torten aus
schokolade
sind schön.
doch von dieser
kann man nur
mehr reste
sehen.

 

der streit

wie laut und wie
wir darin schwinden
ganz verschwinden
welche worte und
was reden sie
wie stechen sie
die seelen sich
und sehen nichts
andres sehen
nur sich und beißen
mit den worten
wühlen und fauchen
uns fort mit ihren
blicken ihre kinder!
nichts ist mehr
da ein schlacht
feld und wir
allein mit uns
und alles könnte
sein alles schlimme
so warten wir
bis ein sanftes wort
sich vielleicht zeigt
noch glaub ich
es nicht es
bleibt grad
schrecklich
es dröhnt
ihr schreit.

 

flocken bälle fliegen

ja die bälle fliegen
aber nicht
irgendwelche bälle
schneebälle!
und die flocken fliegen
stieben liegen
bleiben liegen
wachsen werden
flächen werden
männer
aber nicht
irgendwelche männer
schneemänner!
und schweben
in der luft
und fliegen in
den mund
rund
und man kann in
den flocken liegen
mit nassen socken
und nicht genug kriegen
und der himmel ist voll
und die augen die luft
das macht lust
auf noch mehr
schnee flocken
kommt her!

 

tun

auf den fels
sollte man hinauf
in die wiese
sollte man hinein
was am boden liegt
das hebt man auf
und ein lied
sollte gesungen sein
was man angreifen kann
das greift man an
was für später ist
nimmt man jetzt dran
was verboten ist
probiert man aus
und was man träumt
lässt man nicht aus.

 

die türe bleibt offen

die türe bleibt offen
in der nacht
die füße tragen mich
in der nacht
den atem hören
in der nacht
und das klappern
in der küche
am abend
und ich sehe nicht
viel aber durch die
luft merke ich
dass du da bist
bis ins andere
zimmer
und ich bin ein
geschlafen
in der nacht
und aufgewacht
bei dir
in der frühe.

 

mit dem schlitten

mit dem schlitten
rasen mit dem
schlitten fallen
gerne fallen sich
drehen
die augen fast
verwehen
über hügel lenken
mit dem schlitten
denken sich nichts
schenken rasen
rasen
rasen
mit dem schlitten
da

 

in der u-bahn

in der u-bahn
sitzen wir
einer dort und
eine hier
aus dem fenster
schauen wir
eine dort und
einer hier
dann setz ich
mich zu dir.
vielleicht sehen wir
ein tier?
vielleicht

 

© Michael Hammerschmid

 

 

Michael Hammerschmid ist in Salzburg geboren und lebt in Wien. Mit Gedichten beschäftigt er sich als Kurator zweier internationaler Lyrik-Festivals, als Lehrender an der Universität Wien und am Institut für Sprachkunst an der Universität für Angewandte Kunst und vor allem als Schreibender von Gedichten für Kinder und Erwachsene. Seine Gedichte schöpft er vor allem aus seinem Alltag und Erleben und Erinnern und nicht zuletzt aus den Empfindungen, die im Zusammenleben mit seinen beiden Töchtern entstehen. Aus ihnen formt er Gedichte, die eine Art Gespräch zwischen allem Möglichen freisetzen, auch eines zwischen Erwachsenen und Kindern. Dichten für Kinder ist für ihn immer wieder wie an einen Anfang gehen. Sein jüngster Gedichtband mit Bildern von Rotraut Susanne Berner heißt „Schlaraffenbauch“ und ist 2018 in der Edition Büchergilde erschienen. Im November wurde das Buch mit dem Josef-Guggenmos-Preis 2018 für Kinderlyrik ausgezeichnet.

 

 

Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath

Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath

Uwe-Michael Gutzschhahn, Jg. 1952, lebt in München und hat an der Universität Bochum über den Lyriker Christoph Meckel promoviert. Seit 1978 hat er zahlreiche eigene Gedichtbände veröffentlicht, u. a. »Fahrradklingel« (1979), »Das Leichtsein verlieren« (1982), »Der Alltag des Fortschritts« (1996) und »Die Muße der Mäuse« (2018). Zwischen 1988 und 1991 gab er die 12-bändige Kinder-Taschenbuchreihe »RTB Gedichte« mit Texten u. a. von Ernst Jandl, Oskar Pastior, Friederike Mayröcker und Sarah Kirsch heraus. 2003 folgte die Anthologie »Ich liebe dich wie Apfelmus«, die er mit Amelie Fried zusammenstellte und die gerade in einer Neuausgabe wiederaufgelegt wurde. Sein erster eigener Kindergedichtband folgte 2012 unter dem Titel »Unsinn lässt grüßen«. Und im Herbst 2015 erschien seine große Nonsenslyrik-Anthologie »Ununterbrochen schwimmt im Meer der Hinundhering hin und her«, im Frühjahr 2018 die Anthologie »Sieben Ziegen fliegen durch die Nacht« bei dtv Junior, die aus der Reihe »Gedichte für Kinder« hervorgegangen ist.

Alle bereits erschienenen Folgen von »Gedichte für Kinder« finden Sie hier.

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