Gedichte für Kinder – Folge 48: Acht unveröffentlichte Kindergedichte von Matthias Kröner

Uwe-Michael Gutzschhahn präsentiert jeweils am 10. eines Monats auf DAS GEDICHT blog faszinierende Kindergedicht-Autoren mit ihren vielfältigen Spielarten der Kinderpoesie. Denn das Kindergedicht soll lebendig bleiben – damit aus jungen Gedichtlesern neugierige Erwachsene werden, die sich an die Klänge und Bilder der Poesie erinnern, statt an die Last der didaktischen Lyrikinterpretation.

 

Der Feinschmecker

„Ich will nicht, Mama!
Das weißt du, ich will das nicht!
Und du, Papa, weißt das auch!
Ich will nicht das Blut
von Philosophen trinken!
Ich will lieber das Blut von Fußballern!“

„Ach, Jens,
du weißt doch, dass wir an die
nicht rankommen.
Die spielen entweder bei Tag
oder bei Flutlicht.“

 

Das Match

Wenn mein Papa heimlich
zu meiner Mama sagt,
dass er mich nicht mehr gewinnen lassen muss
beim Kicker, weiß ich,
wie wichtig es war,
die Mathestunde, in der ich
ohnehin nichts begriffen hätte,
zu schwänzen.

 

Totaler Quatsch

Die Erwachsenen erzählen oft
einen totalen Quatsch.

Sie sagen,
dass du dich
auf den Hosenboden
setzen
und auf die Hinterbeine
stellen sollst.

Wie bitte soll das gehen?

 

Der sehr selbstbewusste Fußballsong

Verein.
Verzwei.
Verdrei.
Vervier.

Wer schießt im Fußball,
wenn nicht wir,
die andern heim in ihre Stadt?
Wir machen alle Gegner platt!

Gezeichnet,
der FC Tutunsleidwirgewinnenimmer

P.S.: Okay, es gibt auch diese Tage …
Die sind wirklich eine Plage:
Wenn wir übern Rasen holpern
und dann über Bälle stolpern.
Wenn wir schießen, doch daneben,
und das Spiel nicht überleben,
weil uns einer überrennt
und selbst unser Torwart pennt.


Vervier.
Verdrei.
Verzwei.
Verein.


Manchmal macht uns einer klein.
Das ärgert uns.
Das schmerzt, das sticht.
Doch das sagen wir euch nicht!

 

Glaub bloß nicht alles!

Du,
ja, du,
lass dir bloß nichts sagen!
Von solchen,
die Krawatten tragen.

Sie haben meist nicht viel zu sagen,
während sie Krawatten
wichtig
durch die Gegend
tragen.

Sie fragen sich,
wenn sie sie nicht mehr tragen,
manchmal selbst,
was sie
zu sagen haben.

Und wissen längst nicht mehr,
was sie zu sagen hatten,
damals,
ganz und gar
ohne Krawatten.

 

Achtung, Achtung!

Dieses Gedicht
zerstört sich
selbst. Wenn
du dieses
WORT drückst,
löst es
sich in
seine Satzteile
auf und
explodiert. Gleich
explodiert es.
Aufpassen! Lass
das Buch
zu! Dieses
Gedicht ist
gefährlich. Warum
hast du
das WORT
gedrückt? Gleich
zerfällt das
Gedicht in
seine Buchstaben.
Gleich zerplatzt
es. Achtung,
Achtung! Es
explo…

Fehlzündung.
Glück gehabt!

 

Wanderung

Wenn man in einem ICE
von Wagen 1 bis 17 läuft
und in Wagen 17 wieder in die
andere Richtung durch die 1. Klasse
und die Psst-Abteile
zurückgeht,
schauen einen die meisten Leute
sehr böse an.
Ich lache sie dann
über beide Ohren an.
Manche gucken noch böser.
Andere verwandeln sich in
lustige Ungeheuer.
Ich glaub, die erinnern sich,
dass sie auch mal durch einen Zug gelaufen sind.

 

Knopf

Da ist ein Knopf in der Luft.
Er bringt dich in eine andere Welt.

Ob es dir da gefällt?
Probier es aus! Drück!

Er fliegt sonst aus dem Fenster hinaus,
ob du das magst oder nicht,
und kommt nicht mehr zurück.

Bitte – drück!

 

© Matthias Kröner

 

Matthias Kröner wurde in Nürnberg geboren und lebt heute als Schriftsteller, Kolumnist und Redakteur in Ratzeburg, nicht weit von Lübeck entfernt. Zwei Reiseführer über Lübeck und Hamburg, die mit subjektivem Blick über das Besondere der beiden Städte erzählen, wurden zu Bestsellern. Doch in seinem tiefsten Herzen ist er ein Lyriker. Mit 15 begann er die ersten Gedichte zu schreiben und hörte damit nie wieder auf. Sein erster Lyrikband erschien 2016 mit fränkischen Mundartgedichten („Dahamm und Anderswo“) und gerade schreibt er mit Lust und Leidenschaft Kindergedichte: für sich, für seine eigenen Kinder und für alle, die sie lesen wollen.

 

Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath

Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath

Uwe-Michael Gutzschhahn, Jg. 1952, lebt in München und hat an der Universität Bochum über den Lyriker Christoph Meckel promoviert. Seit 1978 hat er zahlreiche eigene Gedichtbände veröffentlicht, u. a. »Fahrradklingel« (1979), »Das Leichtsein verlieren« (1982), »Der Alltag des Fortschritts« (1996) und »Die Muße der Mäuse« (2018). Zwischen 1988 und 1991 gab er die 12-bändige Kinder-Taschenbuchreihe »RTB Gedichte« mit Texten u. a. von Ernst Jandl, Oskar Pastior, Friederike Mayröcker und Sarah Kirsch heraus. 2003 folgte die Anthologie »Ich liebe dich wie Apfelmus«, die er mit Amelie Fried zusammenstellte und die gerade in einer Neuausgabe wiederaufgelegt wurde. Sein erster eigener Kindergedichtband folgte 2012 unter dem Titel »Unsinn lässt grüßen«. Und im Herbst 2015 erschien seine große Nonsenslyrik-Anthologie »Ununterbrochen schwimmt im Meer der Hinundhering hin und her«, im Frühjahr 2018 die Anthologie »Sieben Ziegen fliegen durch die Nacht« bei dtv Junior, die aus der Reihe »Gedichte für Kinder« hervorgegangen ist.

Alle bereits erschienenen Folgen von »Gedichte für Kinder« finden Sie hier.

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