Gedichte für Kinder – Folge 51: Sechs unveröffentlichte Kindergedichte von Christian Engelken

Uwe-Michael Gutzschhahn präsentiert jeweils am 10. eines Monats auf DAS GEDICHT blog faszinierende Kindergedicht-Autoren mit ihren vielfältigen Spielarten der Kinderpoesie. Denn das Kindergedicht soll lebendig bleiben – damit aus jungen Gedichtlesern neugierige Erwachsene werden, die sich an die Klänge und Bilder der Poesie erinnern, statt an die Last der didaktischen Lyrikinterpretation.

 

Der Tausendfüßler

Den Tausendfüßler
hat ein Fuß gezwackt.
Da kam der Tausendfüßler
aus dem Takt.
Auf seiner rechten Seite
war die Welt okay,
doch auf der linken
tat ihm ständig etwas weh.
Fünfhundert Füßchen
haben rechts geklappert,
doch links hat immer eines
nachgetappert –
und schließlich fiel Herr
Tausendfuß in einen Graben…

Was bin ich froh, zwei Füße
und nicht mehr zu haben!

 

 

Das Faultier,
Entdecker der Langsamkeit

Das Faultier fand es uncharmant,
als man es Faultier hat genannt.

„Zwar bin ich langsam, das ist richtig,
doch bin ich äußerst lebenstüchtig.
Ihr solltet Langsamtier mich nennen!“

So sprach das Langsamtier, jedoch
es sprach so langsam wie es kroch.
Man konnte keinen Sinn erkennen
in Silben, welche Jahre trennen …

Drum heißt es Faultier heute noch.

 

 

Woche eines Krokodils

Am Montag war nichts los.

Am Dienstag auch nicht groß.

Am Mittwoch hat es vier
mal seine große Klappe auf- und zugeklappt
und einmal feste zugeschnappt.

Am Donnerstag verdaute es das Tier.
(Es war ein Gnu.)

Und brauchte auch den Freitag noch dazu.

Den Samstag übergehen wir.

Am Sonntag hat es eine gute Zeit gehabt.

Und nächste Woche – das ist abzusehn –
wird wieder viel geschehn!

 

 

Die Möwe

Die Möwe nimmt dich nur am Rande wahr
und lässt dich, wie du bist.
Ihr Blick geht in die Weite.

Doch wenn du etwas isst,
so stellst du plötzlich etwas dar,
dann zeigt sie ihre forsche Seite.

Und nahst du etwa ihrem Ei,
so gibt`s ein furchtbares Geschrei,
dann wirst du sie so richtig kennenlernen –
und dich entfernen …
Und glaube mir: Du kommst nicht mehr zurück!

Die Möwe hat dich stets im Blick.

 

 

Das störrische Zebra

Ein Zebra stand an einem Zebrastreifen.
Es konnte einfach nicht begreifen,
dass sich der Artgenosse nicht bewegte.

Das Zebra stand und peilte still die Lage,
die Autos aber standen Schlange.
Die Wagen wagten nicht zu fahren,
dieweil das Zebra überlegte –
und Zebras überlegen lange …

So kam es, dass an diesem Vormittage
sich in der Stadt fast nichts mehr regte
und viele stark verspätet waren.

Allein das Zebra schien darauf zu pfeifen!

 

 

Zehn Tiere

Der Tiger
bleibt meistens Sieger.
Der Stier
ist auch ein Tier.
Mit Kormoran
und Pelikan
sind‘s dann schon vier.

Verzichtest du
auf den Vampir,
nimmst aber Känguru
und Gnu
dazu,
zwei Albatrosse
und zwei Rhinozerosse,
so hast du sogar zehn:

Kannst du mal sehn!

 

© Christian Engelken

 

Christian Engelken lebt in Hannover. Er hat Germanistik, Musikwissenschaften und Philosophie studiert und war u. a. als Lektor in einem Verlag und in einer Literaturagentur tätig. Er liest und schreibt seit vielen Jahren Lyrik. Nach einer Krankheit hat er 2016 eine sehr große Zahl von Tiergedichten geschrieben. Lange stand nicht das Veröffentlichen für ihn im Vordergrund, sondern das Finden eines eigenen Tons. Das Langsamschreiten und die Kunst des Wartenkönnens tauchen auch in seinen Tiergedichten als Motiv auf. Tierlyrik, so sagt er, muss nicht notwendigerweise Kinderlyrik sein, hat aber oft eine natürliche Nähe zu ihr. Das Tierbuch, für das noch ein Verlag gefunden werden muss, ist nun sein nächstes Buchprojekt. Im Dezember 2018 gab es aber überraschend bereits die Vorveröffentlichung einer kleinen Auswahl von Tiergedichten unter dem Titel „Der Zooelefant“ als Textbox im Düsseldorfer Literaturautomaten.

 

 

 

Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath

Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath

Uwe-Michael Gutzschhahn, Jg. 1952, lebt in München und hat an der Universität Bochum über den Lyriker Christoph Meckel promoviert. Seit 1978 hat er zahlreiche eigene Gedichtbände veröffentlicht, u. a. »Fahrradklingel« (1979), »Das Leichtsein verlieren« (1982), »Der Alltag des Fortschritts« (1996) und »Die Muße der Mäuse« (2018). Zwischen 1988 und 1991 gab er die 12-bändige Kinder-Taschenbuchreihe »RTB Gedichte« mit Texten u. a. von Ernst Jandl, Oskar Pastior, Friederike Mayröcker und Sarah Kirsch heraus. 2003 folgte die Anthologie »Ich liebe dich wie Apfelmus«, die er mit Amelie Fried zusammenstellte und die gerade in einer Neuausgabe wiederaufgelegt wurde. Sein erster eigener Kindergedichtband folgte 2012 unter dem Titel »Unsinn lässt grüßen«. Und im Herbst 2015 erschien seine große Nonsenslyrik-Anthologie »Ununterbrochen schwimmt im Meer der Hinundhering hin und her«, im Frühjahr 2018 die Anthologie »Sieben Ziegen fliegen durch die Nacht« bei dtv Junior, die aus der Reihe »Gedichte für Kinder« hervorgegangen ist.

Alle bereits erschienenen Folgen von »Gedichte für Kinder« finden Sie hier.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.