Gedichte für Kinder – Folge 55: Sieben unveröffentlichte Kindergedichte von Nils Mohl

Uwe-Michael Gutzschhahn präsentiert jeweils am 10. eines Monats auf DAS GEDICHT blog faszinierende Kindergedicht-Autoren mit ihren vielfältigen Spielarten der Kinderpoesie. Denn das Kindergedicht soll lebendig bleiben – damit aus jungen Gedichtlesern neugierige Erwachsene werden, die sich an die Klänge und Bilder der Poesie erinnern, statt an die Last der didaktischen Lyrikinterpretation.

 

 

die entstehung der gezeiten

die flut lag ausgestreckt
am strand im sand
(es ging ihr gut)
da kam die ebbe
zog voller übermut
der flut an der langen schleppe
machte sich neben ihr breit
sprach zur kollegin
es ist jetzt zeit für meine wenigkeit
zieh’ leine sonst mach’ ich dir beine

siehe da: die flut zog wirklich leine
die ebbe war am land alleine
(es ging ihr gut)
bis die flut wiederkam
nun völlig außer rand und band
und natürlich ist bekannt
welchen ausgang die geschichte nahm
zwischen flut und ebbe geht’s bis heute rund
und der grund lautet schlicht
für beide reicht der platz am ufer leider nicht

 

wenn zirpen grillen

die zirpen grillen
was grillen sie wohl?
fleischtomaten-spieß
– gewürzt mit paprika edelsüß

die zirpen grillen
was grillen sie wohl?
vegetarische wurst
– prompt gibt‘s rhabarber-schorlen-durst

die zirpen grillen
was grillen sie wohl?
diverse kolben mais
– im anschluss gibt‘s pistazieneis

die zirpen grillen
doch was tun sie dann?
dann chillen sie in aller ruh
– und hören grillen beim zirpen zu

 

panne mit 17 piraten

samstag auf der autobahn:
wir rasten in einen haifischzahn
der reifenwechsel sollte starten
da überfielen uns piraten

ein pirat stahl konservendosen
ein kumpan mamas pluderhosen
auch das navi – eingesackt
dann totenkopf geflaggt

wir glotzen doof wir glotzen still
17 mann: hurragebrüll!
zack war die bande wieder fort
wie bitte?! du glaubst mir kein wort?

samstag auf dem weg zum meer:
wir rasten piraten hinterher
klar zum entern – ja genau!
da gerieten wir in einen stau

 

tierisch loben

hoch den pokal aal
wunderbar dromedar
brillant elefant
bingo flamingo

ganz schön helle forelle
megabrüller gorilla
supi guppy
nicht schlecht hecht

juchhu känguru
fleißbienchen kaninchen
sieg ahoi koi
sehr apart leopard

du fuchs luchs
voll chill mandrill
na bitte sehr nasenbär
abgefahr’n pelikan

wow pfau
erster platz spatz
alter finne spinne
großer spaß vielfraß

applaus vogelstrauß
phänomenal wal
what the fuck yak
o ja zebra eins a

 

blische fubbern

blische fubbern
pechte spochen
– seit dreiunddreißig wochen

puff: der wudel
miep-miep: die paus
– ich halt’s kaum noch aus

ramster hadeln
bunde hellen
– werde ich zum kriminellen?

greine schwunzen
bröwen lüllen
– ich plane sie eiskalt zu killen

hickeriki: der kahn
zäh: die miege
– sie sind tot (wenn ich sie kriege)

 

monstershow

wolkenmonster fraßen den himmel
wolkenmonster fraßen das licht
und fraßen sich gegenseitig
wolkenmonster fraßen die sterne
wolkenmonster fraßen den mond
wir flitzten nach haus und blieben verschont

wolkenmonster spuckten tropfen
wolkenmonster spuckten fäden
bespuckten einfach jeden
wolkenmonster spuckten körner
wolkenmonster spuckten blitze
uns gefiel die monstershow echt spitze

 

nachts am meer

der leuchtturm leuchtet
gott sei dank
würd’ er türmen
wär’ er krank

 

© Nils Mohl

 

Nils Mohl lebt mit Frau und drei Kindern in seiner Heimatstadt Hamburg. Er arbeitete im Baugewerbe, im Einzelhandel und in der Logistikbranche. Er unterrichtete an der Uni Hamburg und war lange Jahre Angestellter in der Werbewirtschaft. Er schreibt Theaterstücke, Drehbücher, Romane, Erzählungen und Gedichte. Für seinen Roman „Es war einmal Indianerland“ wurde er 2011 mit dem Oldenburger Jugendbuchpreis und 2012 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Zu der Frage, warum er Gedichte für Kinder schreibt, sagt er: „Sind Kindergedichte nicht der wahre Punkrock der Literatur? Im besten Fall sind sie knapp auf den Punkt gebracht, schlicht, schnörkellos – und manchmal in ihrer Schlichtheit erstaunlich raffiniert. Das mag ich. Kinder mögen das auch.“ Sein erster Kindergedichtband erscheint im Herbst 2020 bei mixtvison unter dem Titel „Die Affen und der Kokosmuffin“, ein Band für Jugendliche im gleichen Verlag unter dem Titel „Die Knickediknack“.

 

 

 

Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath

Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath

Uwe-Michael Gutzschhahn, Jg. 1952, lebt in München und hat an der Universität Bochum über den Lyriker Christoph Meckel promoviert. Seit 1978 hat er zahlreiche eigene Gedichtbände veröffentlicht, u. a. »Fahrradklingel« (1979), »Das Leichtsein verlieren« (1982), »Der Alltag des Fortschritts« (1996) und »Die Muße der Mäuse« (2018). Zwischen 1988 und 1991 gab er die 12-bändige Kinder-Taschenbuchreihe »RTB Gedichte« mit Texten u. a. von Ernst Jandl, Oskar Pastior, Friederike Mayröcker und Sarah Kirsch heraus. 2003 folgte die Anthologie »Ich liebe dich wie Apfelmus«, die er mit Amelie Fried zusammenstellte und die gerade in einer Neuausgabe wiederaufgelegt wurde. Sein erster eigener Kindergedichtband folgte 2012 unter dem Titel »Unsinn lässt grüßen«. Und im Herbst 2015 erschien seine große Nonsenslyrik-Anthologie »Ununterbrochen schwimmt im Meer der Hinundhering hin und her«, im Frühjahr 2018 die Anthologie »Sieben Ziegen fliegen durch die Nacht« bei dtv Junior, die aus der Reihe »Gedichte für Kinder« hervorgegangen ist.

Alle bereits erschienenen Folgen von »Gedichte für Kinder« finden Sie hier.

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