Gedichte für Kinder – Folge 57: Sechs unveröffentlichte Kindergedichte von Anja Tuckermann

Uwe-Michael Gutzschhahn präsentiert jeweils am 10. eines Monats auf DAS GEDICHT blog faszinierende Kindergedicht-Autoren mit ihren vielfältigen Spielarten der Kinderpoesie. Denn das Kindergedicht soll lebendig bleiben – damit aus jungen Gedichtlesern neugierige Erwachsene werden, die sich an die Klänge und Bilder der Poesie erinnern, statt an die Last der didaktischen Lyrikinterpretation.

 

Riesenwald

Buchenwald glatte Stämme
unter den Wurzeln wohnen Zwerge
die wissen alles besser
die streiten und zanken
und Recht haben will jeder
im Buchenwald ist ein Wispern
ein Flüstern Knacken Knistern
oben im Baum sitzt du
und behältst den Überblick

 

Wein Riebstel

Steh mal morgen früher auf
stell dir deinen Mecker
Das heißt Wecker?
Nein, heute dreh ich das W mal um.

Steh wal worgen früher auf
stell dir deinen Mecker
koww uw neun zuw Frühstück
Das heißt mal morgen komm um zum?
Nein, heute dreh ich das M mal um.

Wit dew Wesser schneid ich Zmiebeln
fürs Owlette, wagst du das?
Ich freu wich auf dich, gleich neun
dein Mecker klingelt, ich marte schon
Mann kowwst du? Gleich?

Schon bist du da, millkowwen.
Alles fertig, Owlette wit Zmiebeln und Brot.
Lass es dir schwecken.
Hww, es schweckt wir mirklich gut.
ich mill gern mieder zu dir kowwen.

Dann tauschen mir L wit R
und essen Owrette wit Zmiebern und Blot.
Das schweckt reckel und mil untelharten uns
vow Wolgen bis zuw Nachwittag
ich fleu wich schon, wein riebstel Fleund.

 

Ich hab so kalte Füße

Ich hab so kalte Füße,
sagte der Tausendfüßler.
Dann lauf auf den Händen,
rief eine Ameise im Vorbeirennen,
Hitze steigt nach oben, weißt du doch.
Der Tausendfüßler versuchte
es, aber als er nicht wusste,
was von seinen Gliedmaßen die Hände
und was seine Füße waren,
dachte er noch einmal
über die Worte der Ameise nach.
Er lief einen Baumstamm hinauf –
da oben war ihm schon wärmer.
Aber es schoss eine Amsel heran,
schnell ließ er sich fallen –
lieber lebt er auf dem kalten Grund
als im Warmen zu sterben.
Seitdem geht der Tausendfüßler abwechselnd
auf den Vorder- und Hinterfüßen.
Oder den Vorder- und Hinterhänden.
Den Rest seines Körpers, vorn oder hinten,
streckt er nach oben und wärmt ihn auf.

 

Unterm Nachthimmel

Wenn du stolz auf dich bist,
wenn du einen Fehler machst,
wenn du fröhlich bist,
wenn du traurig bist,
immer sind die Sterne da.

Wenn du schaukelst,
wenn du läufst,
wenn du schwimmst,
bewegen sich die Sterne auch.

Wenn du auf den Füßen stehst,
hast du die Sterne über dir.

Wenn du auf den Händen stehst,
hast du die Sterne unter dir.

Wenn du auf dem Rücken liegst,
hast du die Sterne vor dir.

Wenn du auf dem Bauch liegst,
hast du die Sterne hinter dir.

Und wenn du die Arme in die Luft streckst,
liegen die Sterne auf deinen Händen.

 

Heute

Es klopft.
Herein!
Ich bin der Tag.
Was willst du denn heute hier?

 

Im Dunkeln

unter dem Bett
hat sich ein Monster versteckt
das will mich fressen
jetzt ist ein Jäger gekommen
der will mich erschießen
im Zimmer schwebt ein Gespenst
und jetzt ist noch eins gekommen
in meinem Bett
sitzt ein Wolf
der will mich beißen
und jetzt ist ein lieber Wolf hier
ein Wolfskind
komm in mein Bett
zum Kuscheln
du kannst heute bei mir schlafen
ich passe auf dich auf
träum schön

 

© Anja Tuckermann

 

Anja Tuckermann lebt in Berlin, wo sie auch aufgewachsen ist. Ihren ersten Roman „Mooskopf“ schrieb sie für Erwachsene. Durch ihre Arbeit als Redakteurin beim RIAS-Kinderfunk entdeckte sie die Literatur für Kinder und suchte besonders gern Gedichte für Kinder heraus, um sie für eine Sendung mit Musik zu verbinden. Seit 1997 ist sie freischaffende Schriftstellerin und veröffentlicht Romane, Erzählungen, Gedichte, Kinder- und Bilderbücher sowie Theaterstücke (aufgeführt von Theatern in Deutschland und vom Tiyatro Tempo in Ankara). Ihr Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u. a. mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis 2006 für „Denk nicht, wir bleiben hier“ und dem Hausacher Leselenz 2019. Ihre Bücher sind in 15 Sprachen übersetzt.

Durch die Arbeit fürs Radio, aber vor allem die vielen Begegnungen mit Kindern in über 25 Jahren Schreibwerkstätten, begann sie auch Gedichte für Kinder zu schreiben. Zum eigenen Vergnügen, zum Lachen und Nachdenken, zum Trösten und mit großer Freude an Absurditäten, Spinnereien und Sprachspielen für, mit und von Kindern.

 

 

 

Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath

Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath

Uwe-Michael Gutzschhahn, Jg. 1952, lebt in München und hat an der Universität Bochum über den Lyriker Christoph Meckel promoviert. Seit 1978 hat er zahlreiche eigene Gedichtbände veröffentlicht, u. a. »Fahrradklingel« (1979), »Das Leichtsein verlieren« (1982), »Der Alltag des Fortschritts« (1996) und »Die Muße der Mäuse« (2018). Zwischen 1988 und 1991 gab er die 12-bändige Kinder-Taschenbuchreihe »RTB Gedichte« mit Texten u. a. von Ernst Jandl, Oskar Pastior, Friederike Mayröcker und Sarah Kirsch heraus. 2003 folgte die Anthologie »Ich liebe dich wie Apfelmus«, die er mit Amelie Fried zusammenstellte und die gerade in einer Neuausgabe wiederaufgelegt wurde. Sein erster eigener Kindergedichtband folgte 2012 unter dem Titel »Unsinn lässt grüßen«. Und im Herbst 2015 erschien seine große Nonsenslyrik-Anthologie »Ununterbrochen schwimmt im Meer der Hinundhering hin und her«, im Frühjahr 2018 die Anthologie »Sieben Ziegen fliegen durch die Nacht« bei dtv Junior, die aus der Reihe »Gedichte für Kinder« hervorgegangen ist.

Alle bereits erschienenen Folgen von »Gedichte für Kinder« finden Sie hier.

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