Gedichte für Kinder – Folge 59: Fünf unveröffentlichte Kindergedichte zweisprachig in Vallader und Deutsch von Angelika Overath

Uwe-Michael Gutzschhahn präsentiert jeweils am 10. eines Monats auf DAS GEDICHT blog faszinierende Kindergedicht-Autoren mit ihren vielfältigen Spielarten der Kinderpoesie. Denn das Kindergedicht soll lebendig bleiben – damit aus jungen Gedichtlesern neugierige Erwachsene werden, die sich an die Klänge und Bilder der Poesie erinnern, statt an die Last der didaktischen Lyrikinterpretation.

 

Las mürinas da la temma

Che fan las mürinas da la temma?
Ellas pipsan la not.

La Pipia alba
la Trücha grischa
la Chajetta naira
la Chila bella
la Füffa plufra
ed il Malchüt gross.

Ellas nun han ingüna fom.
Ellas han lungurella.
Ellas nun han da far nöglia.

Ellas nun han da far nöglia cun tai.

Volva’t!
Dorma inavant!
Ellas dessan tscherchar ad inchün oter
chi trategna ad ellas.


(la pipia, la trücha, la chajetta, la chila, la füffa, il malchüt – die Angst)

 

 

* * * * *

 

Die kleinen Mäuse der Angst

Was machen die kleinen Mäuse der Angst?
Sie piepsen in der Nacht.

Die weisse Pipia
die graue Trücha
die schwarze Chajetta
die schöne Chila
die einfältige Füffa
und der dicke Malchüt.

Sie machen Muffensausen
und Alpgrausen
und Bibbern
und Bammeln
und Herztrommeln
und Bauchgrommeln.

Sie haben keinen Hunger.
Sie haben Langeweile.
Sie haben nichts zu tun.

Sie haben nichts mit dir zu tun.

Dreh dich um!
Schlaf weiter!
Sie sollen sich jemand anderen suchen
der sie unterhält.

 


 

Meis chan

Meis chan es vegl.
El es plü vegl co eu.
Sia fatscha guard’oura chara
cun chavels albs intuorn il gnif.

El nu vezza bain.
El nu savura plü bain.
Ma cur ch’eu clom: „Vè chan, vè!“
lura vegn meis chan.

Meis chan ed eu chaminain tras la prada.
Vaina pissers?
Eu nu sa.
Meis chan surria.

Che saja da meis chan?
Che sa meis chan da mai?
Il tschêl es blau.
Less meis chan svolar?

Eu dun da meis pan a meis chan.
Ingio giaina?
Meis chan surria.
Meis chan es uschè vegl sco eu.

 

 

* * * * *

 

Mein Hund

Mein Hund ist alt.
Er ist älter als ich.
Sein Gesicht sieht lieb aus
mit weissen Haaren um die Schnauze.

Er sieht nicht gut.
Er riecht nicht mehr gut.
Aber wenn ich rufe: Komm, Hund, komm!
dann kommt mein Hund.

Mein Hund und ich laufen durch die Wiesen.
Haben wir Sorgen?
Ich weiss nicht.
Mein Hund lächelt.

Was weiss ich von meinem Hund?
Was weiss mein Hund von mir?
Der Himmel ist blau.
Möchte mein Hund fliegen?

Ich gebe meinem Hund ein Stück von meinem Brot.
Wohin gehen wir?
Mein Hund lächelt.
Mein Hund ist so alt wie ich.

 


 

Eu sun ün bun pes-chader

Eu sun ün bun pes-chader.
Eu stun sün ün grip sper l’En.
L’aua es clera sco ün spejel chi sbuorfla.

Eu sun üna bella forella.
Eu stun aint illas auas da l’En.
Ellas vegnan dals vadrets, dals vadrets.

La forella cha tü vezzast, nu tschüffast.

Eu sun ün bun pes-chader.
Eu tschüf la forella.
Eu bütsch la forella.

Eu cop la forella
cun ün crap.

Las auas vegnan dals vadrets, dals vadrets,
ellas sun cleras sco spejels chi sbuorflan.

 

 

* * * * *

 

Ich bin ein guter Fischer

Ich bin ein guter Fischer.
Ich steh auf einem Felsen am Inn.
Das Wasser ist klar wie ein Spiegel, der sprudelt.

Ich bin eine schöne Forelle.
Ich stehe in den Wassern des Inn,
die kommen von den Gletschern, den Gletschern.

Die Forelle, die du siehst, fängst du nicht.

Ich bin ein guter Fischer.
Ich fange die Forelle.
Ich küsse die Forelle.

Ich erschlage die Forelle
mit einem Stein.

Die Wasser kommen von den Gletschern, von den Gletschern,
sie sind klar wie Spiegel, die sprudeln.

 


 

Co ch’eu n’ha jent a tai

Eu n’ha jent a tai
cun meis man
cun la palma da meis man
cun meis tschinch daints
cun mias pivatellas.

Eu n’ha jent a tai
cun meis pè
cun meis polsch dal pè
cun meis daintulin
e cun tuot tschels eir.

Eu n’ha desch daints
e desch daints
e vainch daints
o fingià daplü

cun tact
cun emagl
cun glüschur.

Eu vegn sülla pizza dals peis.

Eu sun ün daint
chi ha jent a tai


(il daint – der Zahn, die Zehe, der Finger)

 

 

* * * * *

 

Wie ich dich mag

Ich mag dich
mit meiner Hand
mit der Palme meiner Hand
den fünf ausgestreckten Fingerzähnen
mit meinen Fingerspitzen.

Ich mag dich
mit meinem Fuss
mit dem grossen Daumenzeh
mit dem kleinen Zahnzeh
und mit den anderen auch.

Ich habe zehn Fingerzähne
und zehn Fusszähne
und zwanzig Milchzähne
oder schon mehr

Mit Fingerspitzengefühl
mit Schmelz
mit Glanz.

Ich gehe auf den Zehenspitzen.

Ich bin ein Zahn
der dich mag.

 


 

Cun ün rispli

Cun ün rispli
nun est mai suletta

sulischem suletta
nun est
cun ün rispli

forsa

hast ün rispli da culur
(ma quai nun importa)

e disegnast

üna lingia
üna lingia gualiva

üna lingia directa, sast,
fin in Africa, e tü dodast –
che dodast?

O lura üna lingia ad arch
üna lingia ondulada

üna barcha da lingia
vers Istanbul
guarda! Ils delfins!

Tü poust eir far
üna lingia da la Viafier retica
e i’s vezza la pizza alba da l’Engiadina
suot lur blau sco’l glatsch dals Schlumpfs

Cun ün rispli
nun est mai suletta
tü est la guardgialingias
da tia vita.

 

 

* * * * *

 

Mit einem Bleistift

Mit einem Bleistift
bist du nicht allein

so ganz allein
bist du nicht
mit einem Bleistift

vielleicht

hast du einen Farbstift
(aber darauf kommt es nicht an)

und zeichnest

eine Linie
eine Gerade

eine Luftlinie, weisst du
bis nach Afrika, und du hörst –
was hörst du?

Oder aber eine Bogenlinie
eine Wellenlinie

ein Linienschiff
nach Istanbul
schau! Die Delfine!

Du kannst auch
eine Streckenlinie der Rhätischen Bahn machen
und man sieht die weissen Bergspitzen des Engadin
unter ihrem Schlumpfeisblau.

Mit einem Bleistift
bist du nie allein
du bist die Linienrichterin
deines Lebens.

 

 

© Angelika Overath

 

 

Angelika Overath, geb. in Karlsruhe, studierte in Tübingen und promovierte über die Farbe Blau in der Lyrik der Moderne. Sie arbeitet als Reporterin, Literaturkritikerin, Romanautorin und Dozentin für Kreatives Schreiben. Nach einigen Jahren in Griechenland lebt sie seit 2007 mit ihrem Mann und ihrem jüngsten Sohn in Sent im Unterengadin. Sent ist ein Dorf auf 1440 Metern Höhe. Im Alltag, in der Schule wird hier Rätoromanisch, die vierte Landessprache der Schweiz, gesprochen (in der Sprachgruppe Vallader). Um mit dieser romanischen Sprache (mit keltischen, etruskischen Wurzeln) vertraut zu werden, hat Angelika Overath begonnen, Gedichte zu schreiben: „Poesias dals prüms pleds/ Gedichte aus den ersten Wörtern“ (2014, erweiterte Neuausgabe 2017). Ihr zweiter vallader-deutscher Lyrikband „Corniglias. Poesias per tai/ Alpendohlen. Gedichte für Dich“ (2017) stand auf der Empfehlungsliste des Josef-Guggenmos-Kinderlyrikpreises 2018. Ein dritter Band, „Marchà nair cul azur /Schwarzhandel mit dem Himmel“, ist in Vorbereitung. Das Schreiben in einer erlernten Sprache und das Übersetzen in die Muttersprache ist für Angelika Overath ein kreatives Experiment, bei dem sie die fremde Sprache und die ihr vertraute neu erfährt. Dieser Ansatz erlaubt ihr – unabhängig von Themen, die Kinder beschäftigen können – kinderernst zu spielen.

 

 

 

Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath

Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath

Uwe-Michael Gutzschhahn, Jg. 1952, lebt in München und hat an der Universität Bochum über den Lyriker Christoph Meckel promoviert. Seit 1978 hat er zahlreiche eigene Gedichtbände veröffentlicht, u. a. »Fahrradklingel« (1979), »Das Leichtsein verlieren« (1982), »Der Alltag des Fortschritts« (1996) und »Die Muße der Mäuse« (2018). Zwischen 1988 und 1991 gab er die 12-bändige Kinder-Taschenbuchreihe »RTB Gedichte« mit Texten u. a. von Ernst Jandl, Oskar Pastior, Friederike Mayröcker und Sarah Kirsch heraus. 2003 folgte die Anthologie »Ich liebe dich wie Apfelmus«, die er mit Amelie Fried zusammenstellte und die gerade in einer Neuausgabe wiederaufgelegt wurde. Sein erster eigener Kindergedichtband folgte 2012 unter dem Titel »Unsinn lässt grüßen«. Und im Herbst 2015 erschien seine große Nonsenslyrik-Anthologie »Ununterbrochen schwimmt im Meer der Hinundhering hin und her«, im Frühjahr 2018 die Anthologie »Sieben Ziegen fliegen durch die Nacht« bei dtv Junior, die aus der Reihe »Gedichte für Kinder« hervorgegangen ist.

Alle bereits erschienenen Folgen von »Gedichte für Kinder« finden Sie hier.

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