Gedichte für Kinder – Folge 64: Sieben unveröffentlichte Kindergedichte von Inge Meyer-Dietrich

Uwe-Michael Gutzschhahn präsentiert jeweils am 10. eines Monats auf DAS GEDICHT blog faszinierende Kindergedicht-Autoren mit ihren vielfältigen Spielarten der Kinderpoesie. Denn das Kindergedicht soll lebendig bleiben – damit aus jungen Gedichtlesern neugierige Erwachsene werden, die sich an die Klänge und Bilder der Poesie erinnern, statt an die Last der didaktischen Lyrikinterpretation.

 

Für dich

Ich falte ein Schiffchen aus Papier.
Wenn du möchtest, schenk ich es dir.
Ich pflück dir einen Blumenstrauß
auf der Wiese hinterm Haus.
Ich spiel für dich Der Mai ist da
auf meiner Mundharmonika.
Ich male dir ein buntes Haus,
da guckst du aus dem Fenster raus.
Du musst mich heute noch besuchen,
ich back dir deinen Lieblingskuchen.
Nur von dem Brief sollst du nichts wissen.
Der liegt im Bett tief unterm Kissen.
Das ist der Brief, in dem ich schrieb:
Ich habe dich so schrecklich lieb.

 

 

Wenn ich könnte …

Ich wachte gern an deinem Bett,
kochte für dich Tee.
Wir machten es uns richtig nett
und dir tät nichts mehr weh.

Ich sänge dir vom Glücklichsein
und von dem kleinen Hund.
Du schliefst vielleicht ein bisschen ein
und schwupps, wärst du gesund.

Nur bin ich leider fern von dir,
da kann ich gar nichts machen.
Ich denk an dich und sitze hier
anstatt bei dir zu wachen.

Doch gute Wünsche schicke ich
per Luftpost, das geht fix.
Ich hoffe sehr, sie trösten dich,
sonst weiß ich leider nix.

 

 

Zum Einschlafen

Ich bin der kleinste der sieben Zwerge,
komme von jenseits der sieben Berge.
Hab dir ein Märchen mitgebracht
für die lange Nacht.
Ganz leise bin ich, dass niemand uns hört.
Ich schließe die Tür ab, damit keiner stört.
Ob ich jetzt endlich erzählen kann?
Geduld, meine Liebe, ich fang ja schon an.
Glaub mir, die Prinzessin war wunderschön.
Ich wünschte, du hättest sie auch gesehn.
Sie war genauso mutig wie du.
Hörst du mir überhaupt zu?
Ich bin noch längst nicht beim Königssohn,
da schläfst du schon.
So hab ich mir das aber nicht gedacht.
Doch was soll’s. Dann gute Nacht!
Ich öffne die Tür und schleich mich raus.
Still ist es im Haus.
Ich bin der kleinste der sieben Zwerge
und bald schon über alle Berge.
Vielleicht komm ich nächstens wieder her.
Dann erzähl ich dir mehr.

 

 

Der Wind, der Wind

Mal lacht der Wind im Sonnenschein.
Mal weint er leis im Regen.
Mal muss er wild und zornig sein.
Mal weht er friedlich mir entgegen.
Mal schubst er grob mich vor sich her.
Mal streichelt er mir das Gesicht.
Mal liebe ich den Wind so sehr.
Und manchmal nicht.

 

 

Warum?

Warum bin ich gerade ich?
Warum nicht du, nicht sie, nicht er?
Warum kein rosa Knöterich?
Nicht anderswo, nicht irgendwer?

Warum bin ich kein Sonnenstrahl?
Warum kein heller Abendstern?
Warum kein selten weißer Wal?
Kein klitzekleiner Apfelkern?

Warum bin ich kein leises Lied?
Warum kein großer Buchenbaum?
Warum kein Wunder, das geschieht?
Kein blumenbunter Sommertraum?

Warum kein goldner Fisch im Meer?
Warum kein duftend warmes Brot?
Warum kein Stein, schon alt und schwer?
Schneeweißchen nicht, nicht Rosenrot?

Warum nicht Donner und nicht Blitz?
Warum kein Schiff im Ozean?
Warum kein süßer Birnenschnitz?
Kein Butterbrot? Kein Wetterhahn?

Warum bin ich kein buntes Blatt?
Warum nicht eine Nachtigall?
Warum nicht Raupe Nimmersatt?
Kein Frosch im Land Es war einmal?

Warum bin ich kein Schmetterling?
Warum kein Knopf an deinem Hemd?
Warum kein ungewöhnlich Ding?
Und manches Mal mir selbst so fremd?

Vielleicht hat es ja einen Sinn,
warum ich ich geworden bin?

 

 

Vom Dichten und Denken

In meinen Kopf flog ein Gedicht,
das kann ich nicht vergessen.
Es ist tief in mein Herz gerutscht
und hat sich festgesessen.

Da sitzt es nun und reimt sich sehr
und wünscht sich neue Zeilen.
Doch reimen, das geht ziemlich schwer,
ich kann mich nicht beeilen.

Nun sitz ich fest und brauche Zeit
zum Denken und zum Dichten.
Und manchmal denke ich zu weit,
dann werden es Geschichten.

Und mache ich mir einen Plan
und denke immer weiter,
dann wird es meistens ein Roman,
mal traurig und mal heiter.

Mein Kopf erfindet Tag für Tag,
bunt, kreuz und quer und kraus.
Und wenn er mal nicht denken mag,
ruht er sich einfach aus.

 

 

Ein Pärchen wie im Märchen

Ein Löwenmäulchen
und ein Ackergäulchen
trafen sich auf einer Allee.
Dem Löw tat sein Mäulchen,
dem Acker sein Gäulchen
fürchterlich weh.
Das Löwenmäulchen klagte: „Mist!
Weißt du, wo ein Doktor ist?“
„Nee“, brummte das Ackergäulchen.
„Ich suche auch.“
Da klammerte sich das Löwenmäulchen
beim Gaul an den warmen Bauch.
Sie fanden einen Arzt. Ja und?
Inzwischen sind beide wieder gesund.
Doch trennen wollen sie sich nicht mehr.
Jetzt ziehn sie gemeinsam umher.
Es heißt, man höre sie manchmal singen.
Wie mag das wohl klingen?

 

© Inge Meyer-Dietrich

 

 

Inge Meyer-Dietrich ist im Ruhrgebiet aufgewachsen, wo sie nach Jahren des Unterwegsseins auch jetzt wieder mit ihrem Mann lebt, seit 1986 als freie Autorin. Sie hat schon als Kind kleine Geschichten und Gedichte geschrieben, inzwischen über 30 Bücher veröffentlicht, überwiegend für junge Leser. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen im In- und Ausland, u. a. den Gustav-Heinemann-Friedenspreis und den Literaturpreis Ruhr für das Gesamtwerk. Einige ihrer Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt. Zuletzt erschien 2016 das Kinderbuch „Meral und Jana“ für Kinder ab 7 Jahren. Im August 2020 wird nach „Leben und Träume der Mimi H.“ (2016) und „Eisengarn“ (2017) mit „Sahneteilchen“ der dritte und letzte Band einer Romantrilogie für Erwachsene erscheinen. Kindergedichte schreibt die Autorin gern, weil sie selbst schon als Kind Gedichte mochte und immer wieder feststellt, dass auch viele heutige Kinder ein Faible für Gedichte haben.

 

 

 

Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath

Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath

Uwe-Michael Gutzschhahn, Jg. 1952, lebt in München und hat an der Universität Bochum über den Lyriker Christoph Meckel promoviert. Seit 1978 hat er zahlreiche eigene Gedichtbände veröffentlicht, u. a. »Fahrradklingel« (1979), »Das Leichtsein verlieren« (1982), »Der Alltag des Fortschritts« (1996) und »Die Muße der Mäuse« (2018). Zwischen 1988 und 1991 gab er die 12-bändige Kinder-Taschenbuchreihe »RTB Gedichte« mit Texten u. a. von Ernst Jandl, Oskar Pastior, Friederike Mayröcker und Sarah Kirsch heraus. 2003 folgte die Anthologie »Ich liebe dich wie Apfelmus«, die er mit Amelie Fried zusammenstellte und die gerade in einer Neuausgabe wiederaufgelegt wurde. Sein erster eigener Kindergedichtband folgte 2012 unter dem Titel »Unsinn lässt grüßen«. Und im Herbst 2015 erschien seine große Nonsenslyrik-Anthologie »Ununterbrochen schwimmt im Meer der Hinundhering hin und her«, im Frühjahr 2018 die Anthologie »Sieben Ziegen fliegen durch die Nacht« bei dtv Junior, die aus der Reihe »Gedichte für Kinder« hervorgegangen ist.

Alle bereits erschienenen Folgen von »Gedichte für Kinder« finden Sie hier.

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